Grüß Dich lieber Frank,
und willkommen bei uns im Forum :welcome:
Proky, 41 Jahre alt, trocken seit 14 Jahren.
In weiten Teilen Deiner Geschichte, habe ich mich selbst erkannt. Beinahe wollte ich Dich schon wegen Verletzung der Urheberrechte verklagen :lach: :lach: :lach: laugh2 laugh2 laugh2
Aber mal ernsthaft:
Auch ich habe größtenteils "nur" Bier getrunken. Auch nicht mal sonderlich viel, ähnlich wie bei Dir. Werktags, Abend zwischen 3-5...
Ich hatte eine geregelte Arbeit der ich nachgekommen bin, Führerschein, Beziehung...
Und dennoch: Ich wusste ja selber, dass ich zuviel Alkohol trinke, denn da waren die Wochenenden wo ich mich nur noch sinnlos wegballerte und ich wollte nur noch so schnell wie möglich auf Pegel kommen und so kam in der Schlussphase meiner Karriere der Schnaps hinzu...
Merkst Du was? Dosissteigerung.
Schnaps hatte ich nämlich vorher immer weggelassen auf einmal war er da...
Wie dem auch sein, mit 27 Jahren schaffte ich den Absprung, ganz ohne Entgiftung, denn ich hatte das Glück (noch!!!) nicht körperlich abhängig zu sein! Auch ersparte ich mir die Langzeittherapie. Stattdessen therapierte ich mich selber, indem ich die Suchtfibel im Selbststudium durcharbeitete und meine SHG regelmäßig besuchte.
Alleine schon mit diesem Werdegang unterscheide ich mich von den meißten Alkoholikern! Wie geschrieben, als ich aufhörte war ich 27 Jahre alt. Die allerwenigsten Alkoholiker hören in diesem Alter mit dem saufen auf! Ich war lediglich "nur" psychisch abhängig. Andere in vergleichbarer Situation pflegen eher ihr Selbstbetrugsgebäude weiter, als den Ausstieg zu machen!
Und last but not least: Ich besuchte sogar in den ersten beiden Jahren meiner Abstinenz regelmäßig meine Sauforte (sprich Kneipen) ohne dabei rückfällig zu werden! Eigentlich ein No-Go in der klassischen Abstinenzbewegung!
Bin ich jetzt ein Alkoholiker, bzw war ich ein Alkoholiker?
Ja ich war es bzw ich bin ein trockener Alkoholiker!
Denn durch die Suchtfibel und durch meine SHG-Besuche werde mir sehr schnell klar (gemacht), dass sich die Spirale immer weiter abwärts dreht! Nimm mein Schnapsbeispiel - vorher nichts bzw kaum - am Schluss hab ich hingelangt, weil ich so schnell wie möglich auf Pegel kommen wollte. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis durch die Toleranzwirkung bzw -angleichung des Körpers, der Stoffwechsel nach einer höheren Dosis Alk verlangt nur um die gleiche Wirkung zu erziehlen.
Ich gebe Dir Brief und Siegel lieber Frank, bei Dir wäre genau das gleiche passiert wenn Du weiter gesoffen hättest. Die Menge an Bier wäre gestiegen, irgendwann hätte das Bier in der Quantität nicht mehr ausgereicht, dann wäre ebenso der Schnaps hinzugekommen bei Dir!
Wie? Du glaubst mir nicht?
Warum hast Du dann damals das saufen nicht sein lassen? Warum musstest Du dann das Bier von der Tanke heranschaffen, noch dazu wie Du schreibst am Schluss in immer größeren Mengen?
Wie oft hast Du Dir damals vorgenommen "Kontrolliert zu trinken"? Und wie oft hast Du die Kontrolle verloren?
Übrigens sind das die exakt gleichen Fragen die mir mein Mentor in meiner SHG stellte, als bei mir Zweifel aufkamen... 
Zweifel und hinterfragen der eigenen Alkoholsucht...
Immer wieder in all den 14 Jahren kam dieses Thema in meinem Kopf auf. Auch ich stellte mir ca 1x pro Jahr die Frage, bin ich wirklich ein Alkoholiker? Ich war doch "nur" psychisch" abhängig... Könnte ich nicht wieder doch...?
Wie gesagt lieber Frank und Du siehst: Diese Fragen kommen immer wieder mal hoch. Meiner Meinung nach ist das normal. Denn als vitale Lebewesen mit einem Körper, einem Geist und einer Seele sollen wir uns ja selbst in Frage, unser Leben unsere Lebensumstände stellen eben damit wir uns weiter entwickeln können, dass nennt man Evolution.
Was ich damit sagen will lieber Frank: Du bist nicht verrückt oder komisch, nur weil Du Deine Krankheit/Sucht hinterfragst! Es ist normal und gehört zum Leben dazu wenn man Systeme, sein Leben, seine Umstände überprüft.
Bin ich nun ein Alkoholiker?
Definitiv ja! Laut Definition ist ein Alkoholiker ein Mensch der sein Trinkverhalten nicht mehr steuern kann.
Ab wann kann ein Mensch sein Trinkverhalten nicht mehr steuern?
Ab dem Zeitpunkt wo er UNBEWUSST glaubt er braucht den Alkohol in seinem Leben! Denn ab da beginnt, ganz unbewusst, der zwanghafte Konsum - auch Alphaalkoholismus genannt! (i.d.R. ganz lange vor der körperlichen Abhängigkeit)
Und genau dieses UNBEWUSSTE ist es, was es unmöglich macht eine klar definierte Grenze zu ziehen zwischen dem Alkoholmissbrauch und der Alkoholabhängigkeit. Denn es ist aus medizinischer Sicht vollkommen unmöglich einen klaren Punkt zu definieren ab wann das menschliche Unterbewusstsein umschaltet auf Verlangen.
Mit anderen Worten:
Ich bin ein (trockener Alpha-) Alkoholiker - Du bist ein (trockener Alpha-) Alkoholiker. (Ich unterstelle Dir jetzt einfach mal Alpha gewesen zu sein, i.d.R. waren das die meißten beim Beginn ihrer ungesunden "Karriere")
Frage:
Warum ist ein Alphaalkoholiker (oder ein Betaalkoholiker) kein "richtiger" Alkoholiker gegenüber eines Gamma- oder Deltaalkoholiker?
Alpha, Beta, Gamma, Delta (Epsilon) - alle haben sie den gleichen Anhang: Alkoholiker!
Du und ich, Wir zwei haben halt früher den Absprung geschafft und wurden eben nicht mit Verdränung und Verleumdnung von der Abwärtsspirale weiter in die Tiefe zum Gammaalkoholismus (Spiegeltrinken) gezogen!
Macht uns beide das zu besseren Menschen? Nein gewiss nicht! Wir haben lediglich nur die Warnzeichen früher Ernst genommen!
Ist der Gamma- oder Deltaalkoholiker bedauernswerter als Du und ich? Nein gewiss nicht. Denn er wollte nur die Realität nicht wahrhaben. Er mag vielleicht mehr Hilfe und Fürsorge brauchen als wir - wobei das auch eine Fall zu Fall Entscheidung ist - aber deswegen ist er kein Alkoholiker first claas.
Und jeder Alkoholiker der es geschafft hat trocken zu werden und zu bleiben verdient Anerkennung und Respekt!
Zu Deinem "Kollegen": Gegenfrage, warum hat er denn nicht aufgehört als er noch ein Alpha-/Betaalkoholiker war? Denn er hat definitiv nicht als Gammaalkoholiker angefangen, dass schafft niemand, dass ist unmöglich!!!
ER hatte auch die Chance früh auszusteigen und dadruch sein körperliches und seelisches Leiden erheblich zu verkürzen Warum er es nicht getan hat, diese Frage kann er beantworten?
Die nächste Frage:
Möchtest Du, möchte ich, wieder zurück zu den alten Zeiten vor die Abstinenz?
Ich für mich sage: Nein, will ich nicht!
Vielleicht ist es ja für mich möglich, aufgrund das ich "nur" psychisch abhängig war und ich mich in den 14 Jahren auch psychisch weiterentwickelt und verbessert habe, dass ich in der Tat "kontrolliert/moderat" wieder trinken könnte...
...aaaaaber: Was habe ich davon? Ich nehme freiwillig ein Zellgift ein, vergifte mich quasi freiwillig und erhöhe gleichzeitig das Risiko, wie schon einmal, erneut die Kontrolle über mein Trinkverhalten zu verlieren, nur um dann wieder und noch tiefer in einer Krankheit drin zu stecken, erneut das Risko eines körperlichen und vor allem sozialen Abstiegs erneut einzugehen und das alles nur wegen eines anderen Geschmacks mit berauschender Wirkung?
Nein, dass Risiko ist mir eindeutig zu hoch!
Dazu kommt noch, ich möchte gesund leben. Es reicht doch schon der ganze undeklarierte Alkohol in Lebensmitteln den ich täglich und teilweise unbewusst zu mir nehme. (Nebst anderen Giftstoffen)
Warum sollte ich dann freiwillig diese Dosis an Gift erhöhen?
Ich weiß lieber Frank, ich habe sehr viel geschrieben. Ich hoffe Dich ein wenig inspirieren zu können.
Bleib bei uns im Forum und lass uns weiterhin an Deinen Gedanken teilhaben. 44.
LG
Proky