Lieber Thomas,
Danke Dir für Deine Antwort.
Durch Deine Antwort, wie auch schon durch Deine Beschreibung davor, wird desweiteren deutlich, wie abhängig Deine Freundin bereits ist - nämlich schwer abhängig. Und um da raus zu kommen bedarf es zwei Dinge:
1. Als Grundvoraussetzung ihr eigener Wille mit dem Alkohol aufhören zu wollen! Und zwar für immer!
2. Hilfe von außen in Form einer Therapie und SHG (Selbsthilfegruppe).
Sachlich einfach gesagt bzw geschrieben...
Das Problem - ich umschreibe es mit einer anderen Sucht:
Sag einem Raucher, er soll zum rauchen aufhören...(Trifft der Satz? Kannst Du was damit anfangen?)
Und jetzt lieber Thomas, sind wir an einem ganz entschiedenen Punkt angekommen: Nämlich Du!
Warum?
Weil Du erstmal akzeptieren solltest, dass Du Deiner Freundin nicht helfen kannst, weil sie die Hilfe verweigert, weil sie in ihren Augen kein Problem hat!
Dieses Akzeptanz lieber Thomas ist entscheidend, weil diese Akzeptanz den Druck von Dir nimmt!
Jeder Mensch, sobald er volljährig ist, ist erstmal für sich selbst verantwortlich! Das gilt auch für eine Ehe, Partnerschaft o.ä.
Du hast Deine Appelle an Deine Freundin gerichtet. Mehr kannst Du nicht tun! Alles weitere obliegt nun im Verantwortungsbereich Deiner Freundin!
Desweiteren, solltest Du wissen und akzeptieren, dass...
...aufgrund der Alkoholkrankheit Deine Freundin den Alkohol mehr liebt als Dich!
...der Alkohol Wesensverändernd ist, d.h. die Frau die sie früher einmal war als Du sie kennenlerntest und dich verliebt hattest, dieses Frau, diese Wesensart existiert nicht mehr oder besser gesagt, diese Wesensart ruht, solange sie weiter säuft und sich nicht therapieren lässt. Warum das so ist? Das kann ich auf Wunsch Dir separat erläutern...
...ihre Abhängigkeit, Dich ins soziale Abseits führen wird. Überleg mal, kannst Du jetzt noch mit Deiner Freundin ausgehen? Möchtest Du überhaupt noch mit ihr ausgehen? Kannst Du/Möchtest Du noch Besuch empfangen?
Falls Ausgehen/Besuch empfangen derzeit noch irgendwie möglich ist, weil sich Deine Freundin noch etwas zusammenreißen kann, Bedenke dabei - und das sage ich Dir als trockener Alkoholiker - : Deine Freundin wird weiter in die Abhängigkeit sinken und irgendwann entgegen aller gesellschaftlicher Normen, sich jederzeit und überall betrinken und jedes Mal immer ein Stück mehr ihre Haltung/ihre Selbstbeherrschung verlieren. Mit anderen Worten: Sie wird sich, Dich, Euch (öffentlich) blamieren!
Genau aus diesem Grund halten Co-Abhängige (mit allen möglichen Ausreden) den/die Betroffene(-n) von der Öffentlichkeit fern. Besorgen Alkohol, damit er/sie daheim bleibt - und auch um ihn/sie ruhig zu stellen (Stichwort: Gewalt - physische wie auch psychische!)
Lieber Thomas, wenn Du das akzeptiert hast, können wir uns nun um den Menschen kümmern der etwas in Deinem Leben verändern kann - und dieser Mensch bist Du selbst!!!
Du liebst Deine Freundin, dass bezweifelt hier niemand! Und nebenbei gesagt:
Was wären wir für Menschen, was wären wir für eine Gesellschaft, wenn wir nicht für unsere Liebe Verantwortung, Hoffnung, Loyalität, Kampfgeist an den Tag legen würden?
Gerne stelle ich aber auch die Frage: Beinhaltet diese Liebe auch, Selbstaufopferung und Selbstzerstörung? Ich sage entschieden: Nein!
Bildlich gesprochen lieber Thomas: Du stehst am Scheideweg!
Nach rechts führt der Weg den Du alleine, ohne Deine Freundin gehen wirst. Ja, Du hast Recht, sie wird aller Voraussicht nach ohne Dich untergehen! Wobei immer noch die Chance besteht, dass dies ein Weckruf für sie ist...
Ja, es wird Dir weh tun, ja, es wird Dir das Herz zerreisen... Was wären wir auch für Menschen wenn wir derartige Gefühle nicht hätten...?
...Aber Du wärst frei... Was meine ich damit? Schauen wir uns mal den linken Weg an...
Der linke Weg, der mit Deiner Freundin gemeinsam gehen...
...freilich, er beinhaltet die Chance das Deine Freundin aufwacht und ihre Sucht beendet (beim rechten Weg zum Vergleich allerdings hört sie vielleicht den "Knall").
Wie groß ist allerdings die Chance, dass dies passieren wird? Oder anders formuliert: Was muss noch alles passieren, damit sie etwas unternimmt?
Als trockener, besser gesagt, als ehemaliger Alkoholiker weiß ich, dass fortlaufendes trinken den Betroffenen sozial, finanziell, medizinisch, psychisch immer tiefer abgleiten lässt. Es ist ein langsamer Abstieg, der Jahre dauern kann. Aber irgendwann ist ein Punkt erreicht, wo man sich, wo andere den Betroffenen nie dort gesehen hatt/hätte. Das kann die Gosse sein oder als Drehtürpatient auf der Entgiftungsstation...
Was ich damit sagen will: Solange Deine Freundin weiter trinkt geht ihr sozialer/finanzieller/psychischer Weg unaufhaltsam nach unten! Und glaube mir lieber Thomas: du magst Dich noch so sehr dagegen stemmen, Du wirst diesen Weg, diesen Niedergang nicht stoppen können! Das kann nur Deine Freundin!
Wenn sie das aber nicht will, kannst Du diesen Niedergang bestenfalls verlangsamen - aber aufhalten wirst Du ihn nicht! Und schlimmer noch:
Du wirst mit in diesen Abgrund gezogen werden!!!!
Weiter oben schrieb ich etwas von ausgehen und Besuch empfangen...dass ist der Anfang...
Du selbst hast geschrieben, dass Deine Freundin aggressiv ist. Wie willst Du dem auf Dauer begegnen? Glaube bloß nicht, dass sie irgendwann mal damit aufhört, ganz im Gegenteil, es wird schlimmer werden! Zuerst sind es nur simple Beschimpfungen im Rausch, die sich immer mehr steigern und sogar in körperlicher Gewalt enden können. Sogar emotionale Erpressung ("Wenn Du mich liebst, dann.../ Du liebst mich ja gar nicht mehr, denn wenn Du mich lieben würdest, dann...)wird und kommt ins Spiel! (Die Kunst dabei so etwas zu überstehen ist standhaft zu bleiben und zu seinen Überzeugungen (Du bist krank) Forderungen (Mach was) oder Entschlüssen (ich trenne mich von Dir; oder: Mach was oder ich trenne mich von Dir) zu stehen!
Nun seid ihr schon zwei Jahre zusammen Thomas, aber hat die aktuelle Situation noch immer etwas mit der Situation von damals zu tun als ihr Euch kennengelernt habt? Du schreibst, sie hat damals schon getrunken. Und es wurde nicht weniger in zwei Jahren, sondern schlimmer. Wie wird dann wohl die Prognose für die nächsten zwei Jahre sein?
Ist eine Liebe immer noch gerechtfertigt, wenn der Parther ein selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag legt?
Ist eine Liebe immer noch gerechtfertigt wenn der Partner keine Einsicht über sein Verhalten zeigt?
Ist eine Liebe noch gerechtfertigt wenn es für alle Beteiligten in jeglicher Hinsicht nur noch Bergab geht?
Ist eine Liebe noch gerechtfertigt wenn in der Beziehung Gewalt eingezogen ist? Und damit meine ich in erster Linie psychische Gewalt...(bei physischer Gewalt, da sollte sich jeglicher Kommentar erübrigen...)
Ist eine Liebe noch gerechtfertigt wenn man keinen Sex mehr hat, weil man sich vor dem Partner ekelt?
Ist das alle noch Liebe?
Sozialer und Finanzieller Niedergang, psychische und physische Gewalt... Ist es das alles Wert um vielleicht(!!!) eine Beziehung zu retten? Treue bis zum sprichwörtlichen Tod?
Wo ist die Chance größer das Deine Freundin den Knall hört? Links oder Rechts?
Lieber Thomas, ich weiß dass ich sehr viel und sehr direkt geschrieben habe. Ich kann Dir versichern, dass das die Realität ist. Ich habe es als Säufer so erlebt, ich habe meinen Ex so erlebt nachdem ich aufgehört habe, und die vielen Geschichten die ich mitbekommen habe bei meiner Tätigkeit in der Suchtprävention, sei es bei den Guttemplern wo ich 13 Jahre lang aktiv dabei war und 11 Jahre lang die Entgiftungsstation unseres Krankenhauses mit betreut habe oder eben auch hier im Forum...
Lass es alles sich erstmal setzten lieber Thomas, rede nicht nur mit mir und Gerchla, rede mit Ärzten, Freunden, SHG vor Ort oder Umkreis... Hole Dir selbst soviel Hilfe als möglich und achte auf Dich!
Weine wenn Dir danach ist - Trauer ist allemal besser als Zorn! Und schreibe hier wenn Dir danach ist, auch wir sind da!
Vielleicht magst ja schreiben was Dir aktuell durch den Kopf geht...?