Liebe Nicole,
Dankeschön für Deine Offenbarung, welche Dir gewiss nicht einfach gefallen ist. Ich bin mir sicher, dass Dir hier unter die Arme gegriffen wird.
Kurz zu mir: Ich bin 41 Jahre alt und seit über 13 Jahren trocken.
Für Angehörige Suchtkranker Menschen ist es immer eine schwierige Situation. Noch schlimmer ist es, wenn es sich dabei um verwandschaftlich höher gestellte Angehörige handelt. Kind zu Eltern, bzw in diesem Fall, Kind zur Mutter - auch wenn das Kind schon erwachsen ist, es ist immer schwierig, weil das Kind stets aus der unteren Position heraus agiert.
Du musstest schon sehr früh Verantwortung übernehmen. Für Dich und für Deine Mutter. Das ist eine sehr große Last für ein schutz- und liebesbedürftiges Kind. Es ist eine Last, die Du auch ins Erwachsenenalter mitgenommen hast, ja sogar mitnehmen musstest, denn Du kanntest keine anderen Möglichkeiten und die Verantwortung für Deine Mutter hast Du nicht abgelegt, konntest sie wohl auch gar nicht ablegen.
Und genau in dieser Verantwortung sehe ich persönlich den Schlüssel zur Lösung:
In meiner Alkoholtherapie und in meiner Psychotherapie habe ich oft den Satz gehört und gelesen:
Ein jeder Mensch ist für sein Leben selbst verantwortlich!
und hilfreich auch:
Ich bin nicht für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich!
Deine Mutter ist eine erwachsene und voll geschäftsfähige Person. Nur sie alleine ist für ihr Leben verantwortlich und sonst niemand! Wenn sich Deine Mutter zu Tode säuft und raucht, ist das nicht Deine Sache und erst Recht nicht Deine Schuld, sondern es ist die Sache Deiner Mutter und ihre Schuld ganz alleine, weil sie hat sich für dieses Leben, dem Alkohol und den Tabak entschieden. Daher liegt es an ihr und nur an ihr, diesen selbstzerstörerischen Zustand zu beenden!
Das Dich dabei das schlechte Gewissen plagt ist nachvollziehbar und als (erwachsenes) Kind verständlich und menschlich!
Nichtsdestotrotz, Du liebe Nicole, bist mittlerweile auch eine erwachsene Person und für Dein Leben verantwortlich und nciht für das Leben anderer geschäftsfähiger Personen, ganz gleich ob es sich dabei um einen nahen Angehörigen handelt oder einer dir vollkommen fremden Person.
Du hast das Recht, es gibt sogar Psychologen die sagen Du hast sogar die Pflicht, darauf zu achten, dass es Dir gut geht. Körperlich wie psychisch. Das nennt man Selbsterhaltungstrieb und hat mit Egoismus nicht das geringste zu tun.
Egoismus wäre, wenn Du bewusst andere Menschen ausnutzen würdest zu deren Nachteil nur damit es Dir besser geht, obwohl Du auch durch Eigeninitiative dieses Ziel erreichen könntest! Lass Dir mal beide Sätze auf der Zunge zergehen mit einem folgenden Beispiel:
- die Krankenschwester die sich wegen Burnout krank schreiben lässt und das obwohl die Abteilung eh schon unterbesetzt ist (Selbsterhaltungstrieb)
- der Hartz IV-Empfänger, der ständig mitleidig um Geld bettelt, obwohl er arbeiten könnte - Du hast doch die Mittel und die Möglichkeit, Du musst mir doch helfen (Egoismus)
(an alle Leser, bevor ihr mich wie eine Sau durchs Dorf treibt: Ich meine damit nicht pauschal alle Hartz IV-Empfänger. Natürlich weiß auch ich das es Menschen gibt die unverschuldet da rein gekommen sind. Ich meine die Menschen, die das System bewusst ausnutzen)
Für Dich Nicole ist es nun wichtig dich abzugrenzen.
Metapher:
Du und Deine Mutter, ihr zwei steht auf der Titanic. Niemand kann Deine Mutter dazu zwingen in ein Rettungsboot zu steigen. Auch Du kannst sie nicht dazu zwingen!
Aber auch: Niemand hat das Recht Dich davon abzuhalten das Rettungsboot zu besteigen. Und erst Recht hat niemand das Recht von Dir zu verlangen das Du mit dem Schiff (und Deiner Mutter) untergehen sollst! Ebenso wenig gibt es hierzu eine moralische Verpflichtung!
Vielleicht hilft dieses Bild?
Ich rate Dir:
Sag Deiner Mutter, dass sie eine Alkoholikerin ist und sie sich sofort Hilfe suchen soll!
Sag ihr, dass Du ihren Zustand für Dich nicht erträgst und es Dich belastet und Du unter dieser Last leidest.
Ja, setze ihr die Pistole auf die Brust: Leben ändern oder Kontaktabbruch.
Rede aber auch mit den Ärzten vor Ort und auch mit deinem Hausarzt, sie können dich unterstützen!
Ich hoffe ich konnte Dir weiter helfen. Vielleicht hat jemand anderes auch noch Rat für Dich.
Alles Gute