Liebe Bluebird,
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Heute habe ich seit 22 Tagen nichts getrunken
Das ist doch ein Anfang! Glückwunsch dazu!
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und mal wieder wird mir deutlich, wie sehr unsere Gesellschaft und das Miteinander doch auf den Konsum ausgelegt und oft sogar darauf angewiesen ist. Es fühlt sich an wie der Lauf über ein Minenfeld, an jeder Ecke kann die Gefahr lauern, rückfällig zu werden und jedes Mal muss man sich immer wieder aufs Neue entscheiden, Nein zu sagen.
In welchen Situationen ist das konkret bei dir so?
Ich empfinde das nämlich nicht so, und es wäre interessant zu sehen, ob das „nur“ an Innerem, oder vielleicht auch teilweise daran liegt, dass du dich noch in nassem Umfeld bewegst.
Für mich war es anfangs aber auch so, dass mir die Präsenz von Alkohol in unserer Gesellschaft stark aufgefallen ist. Das veränderte sich mit der Zeit, weil meine Wahrnehmung von der verengten „Alkoholiker-Sicht“ sich ausweitete, und das Thema Alkohol aufhörte, überall quasi rote Warnlampen angehen zu lassen. Also auch hier wieder: trockene Zeit bringt ganz von alleine Veränderung zu mehr innerer Trockenheit mit sich. (Also solche Aussagen immer nur auf Basis meiner persönlichen Erfahrung.)
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Ich versuche jetzt einen Gang zurückzuschalten. Mich erst einmal vom Alkohol zu entwöhnen und an ein (völlig) neues Leben ohne zu gewöhnen. Situationen und Aktivitäten nüchtern zu erleben, in denen ich früher betrunken war, auch um jetzt zu merken, dass diese vielleicht gar nicht meinem Wesen entsprechen und mir überhaupt keinen Spaß machen. Unangenehme Gefühle nüchtern zu ertragen, um zu merken, dass sie mich nicht umbringen. Schlicht zu akzeptieren, dass ich, ohne das enthemmende Gift in meiner Blutbahn, manchmal einfach stiller und zurückhaltender bin als an anderen Tagen. Die Angst auszuhalten, dass andere mich dann vielleicht nicht mehr mögen könnten oder langweilig finden. Denn das bin ich. Unverfälscht.
Und wie schön es auch für die Menschen um dich herum ist, dich wirklich kennenlernen zu können. Das bedeutet eine ganz neue Möglichkeit, tatsächliche Verbindung zwischen Dir und den Menschen um dich herum herzustellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dadurch mein soziales „Netzwerk“ und meine Freundschaften eine ganz andere, viel zufriedenstellendere Echtheit und Tiefe bekommen haben. Und manche, die den Schritt nicht mitgehen wollten, sind dann allerdings auch nicht mehr da.
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So wie du es beschreibst, dass das Trockensein heute einfach dir und deinem Wesen entspricht, das ist mein Ziel. Darf ich dich fragen, ob es in deinem Leben tatsächlich keine Situationen mehr gibt, in der dieses kleine Stimmchen dir zuflüstert, dass es mit einem Glas Wein doch noch schöner, entspannter, lustiger sein könnte?
Ich denke darüber immer mal wieder nach. Es gab noch lange diese Gedanken bei mir. Jeder hat vermutlich so seine eigenen inneren Bilder, Bilder voll Glück oder Zufriedenheit, in denen Alkohol eine Rolle spielt. Bei mir war es der milde mediterrane Sommerabend mit leicht im plätschernden Wasser schaukelnden Fischerbooten, Stimmengemurmel an den Tischen vor dem Restaurant, noch von der Sonne des Tages warme Haut, der Geruch von Knoblauch und gegrilltem Fisch.
Als ich etwa drei Jahre trocken war, saß ich in genau so einer vergleichbaren Situation in einem Fischerhäfchen (allerdings am Atlantik) und stellte fest, dass ich tatsächlich nicht mehr glaubte, dass ein Glas Wein diese Situation noch schöner und entspannter machen würde. Das war ganz toll.
Und ich hatte auch nicht unbedingt damit gerechnet, denn ich kenne auch (langjährig trockene) Alkoholiker, die von sich selber sagen, dass sie das Glas Wein gerne wieder tränken, wenn sie denn nicht alkoholkrank wären.
Daher weiß ich, dass es auch nicht schlimm wäre, wenn ich auch mal wieder eine Situation erleben sollte, in der ich den Alkohol vermisse. Derzeit ist es aber nicht so.
Ich empfinde meine Trockenheit als getragen von verschiedenen Säulen. Eine wichtige: Ich darf so leben, dass es mir gut geht. Und eine zweite wichtige ist die Erinnerung an die entsetzliche Zeit, in der ich der Sucht ausgeliefert war. Dahin will ich nie mehr zurück.
Ich wünsch dir heute einen schönen Pfingstsonntag!
Camina