Liebe Rina,
ich bin weiblich, fünfzig, Alkoholikerin und seit sechs Jahren trocken.
Ich begann meine Abstinenz zwei Monate vor Weihnachten, und ich kann mich erinnern, dass das Weihnachtsfest für mich auch sehr schwierig war.
Für mich war wohl entscheidend, dass ich mich immer in Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, trinken zu wollen, gefragt habe, was genau ich mir in diesem Moment wegtrinken oder anderstrinken will. Was ist mir gerade Zuviel (Gesprächsanforderungen? Hektik?), womit fühle ich mich überfordert (fröhlich, locker sein zu „müssen“? Viele Dinge gleichzeitig im Blick haben zu „müssen“?), was brauche ich genau jetzt, damit es mir gut (besser) geht (10 Minuten Pause mit einem Tee, einem Glas Wasser, ganz für mich alleine? Einen kurzen Spaziergang? Ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen?)
Am Anfang erscheint dieses Innehalten und die innere Bestandsaufnahme (wie geht es mir? was brauche ich jetzt?) noch in erster Linie als Hilfe zur Stabilisierung / zum Erhalt der Abstinenz. Aber bei mir ist es seither fest etabliert zur Stabilisierung meiner Gesundheit insgesamt (seelisch und körperlich). Das klappt mal besser und mal schlechter, aber wenn es schlechter klappt, dann ganz häufig einfach aus dem Grund, dass ich meine inneren Signale entweder nicht wahrnehme (weil ich mir keine Zeit nehme, mich zu spüren), oder, wenn ich sie wahrnehme, sie nicht wichtig nehme, so wie ich das in der Zeit, als ich trinken musste, auch nicht getan habe. Es ist so leicht (und gerade in so anspruchsvollen sozialen Situationen wie Weihnachten), sich selbst aus dem Auge zu verlieren, nicht so wichtig zu nehmen, was man braucht. Ich bin ganz schnell dabei und denke „Das geht doch jetzt nicht, (einfach früher nach Hause zu gehen, beispielsweise), das schaff ich schon.“ Da ist es dann eine Frage der Prioritäten. Und meine Erkenntnis, tatsächlich alkoholkrank zu sein, mit all den Auswirkungen, die diese Krankheit in der aktiven Form auch auf meine Umwelt und meine Mitmenschen hat, hilft mir sehr, meine Bedürfnisse ausreichend wichtig zu nehmen, um mein trockenes Leben zu ermöglichen. Und dafür auch Veränderungen umzusetzen, von denen ich vorher gedacht habe „das geht doch nicht“. (Und erfreulicherweise ist es dadurch mittlerweile auch zu einem viel glücklicheren Leben geworden.)
Wie war es bei dir zu Weihnachten? Du warst bei deinen Eltern, stimmt’s? Wurde dort Alkohol getrunken?
Ich habe es nicht im Kopf von deiner Vorstellung - hattest du eigentlich eine Suchttherapie gemacht/beantragt?
Abschließend ganz herzliche Grüße, und Gratulation zu deinem ersten trocken verlebten Weihnachten!
Camina