Moin Stilles Wasser ,
Danke auch dir für deinen Beitrag in diesem Thread. Aufgrund dessen, was du in deinem Thread Old Flatterhand`s Grateful Dead von dir geteilt hast, kann ich nachvollziehen, was du meinst, mit:
Es gibt diese Redewendung: "Richte dich nach dem Leben, den das Leben richtet sich nicht nach dir". Dies konnte ich in meiner eigenen engen Welt nicht mal in Betracht ziehen und so ging es nur noch abwärts und abwärts bis ich in die Sackgasse blickte an dessen Ende nur noch ein Echo unbarmherzig hallte. Verrecken, verrecken, verrecken. Das war der Tiefpunkt.
Und wenn die Nacht am tiefsten... . Auf jeden Fall stellte ich keine Bedingungen mehr. Um den Wunsch nüchtern zu werden und zu bleiben wäre ich barfuß ans Ende der Welt gelaufen.
Ich möchte dazu noch was von mir teilen.
Ich war zwar zum Zeitpunkt meines Ausstiegs noch nicht so weit unten angekommen wie du, aber ich begann mich allmählich vor dem zu fürchten, wohin es mit mir noch kommen würde, wenn ich meinen Weg weiter so verfolgte.
Bei mir war die Situation damals irgendwie paradox, denn einerseits wollte ich oder etwas in mir (weiter)leben und andererseits kämpfte ich regelmäßig mit Todessehnsucht, mit Lebensmüdigkeit, mit Depressionen.
Da du von Bedingungen sprichst: Ich versuche das zu durchdringen, was du meinen könntest und auch warum du das so schreibst. Und bin dabei gedanklich meine Zeit damals durchgegangen, ob ich irgendwelche Bedingungen gestellt habe.
Ich wollte eigentlich nicht mit dem Trinken aufhören, weil ich dachte, dass das Genuss sei und sich meine Sehnsucht, mich besser zu fühlen, zufrieden und glücklich zu sein, mit Alkohol stillen ließe. Ich hab nicht erwartet, dass genügend Geld auf dem Konto ist oder mir die Welt zu Füßen liegt, sowas war mir nie wichtig, ich wollte doch nur, dass sich mein Leben leichter anfühlte und nicht immer so schwer.
Jedenfalls war ich, solange mir Alkohol dieses Bisschen Leichtigkeit und Freiheit bot, zufrieden und ich sah mich in der Lage zu funktionieren. Und so verspürte auch nicht den Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.
Nur lernte ich zunehmend, dass diese Leichtigkeit sich nicht halten ließ, sondern dass der anfänglichen Leichtigkeit in der Regel eine unerträgliche Schwere folgte.
Und ich musste erkennen, dass die Mengen, die ich konsumierte, schleichend immer mehr wurden und dass ich schließlich jedes Mal den Punkt erreichte, an dem die Stimmung bei mir übel kippte und ich mich körperlich völlig erschlagen und erschöpft fühlte.
Auf den Gedanken, mich an jene gewisse bekannte Selbsthilfegruppe zu wenden, bin ich nicht gekommen, weil ich mich zu jenem Zeitpunkt noch nicht als Alkoholikerin eingeschätzt habe. Ich hatte die Vorstellung, dass ein Alkoholiker jemand wie mein Vater ist, das heißt jemand, der immer trinken muss, keinen Tag ohne Alkohol aushält, nicht mehr arbeiten gehen kann und überhaupt nicht mehr funktioniert und der stets einen klinischen Entzug machen muss, wenn er aus der Trinkerei aussteigen will, weil er sonst in ein Delirium fällt.
Ich hingegen konnte problemlos Tage oder sogar wochenlang nichts trinken, wenn ich mir das vornahm, ich trank nach meinem Empfinden doch gar nicht soooo viel, hielt meinen Konsum für verhältnismäßig „normal“ und kannte Menschen, die auch so viel konsumierten. Ich trank vor allem keine „harten“ Sachen, weil ich das gefährlich hielt und ich trank auch nur das, was mir schmeckte, alles andere ließ ich problemlos stehen. Und die Online-Tests, die ich regelmäßig machte, um mich zu testen, ergaben auch immer nur „riskanter Konsum“, da tauchte nie der Begriff „Alkoholiker“ auf.
Warum schlug ich dann hier auf? - Ich begann, mir Sorgen zu machen wegen meines Konsums, und ich oder etwas in mir wollte trotz aller Lebensmüdigkeit, die mich regelmäßig überfiel, leben.
Dieses Online-Angebot hier war recht leicht und tatsächlich anonym von zuhause aus zu erreichen. Und ich suchte hier bei Menschen, von denen ich glaubte, dass die sich aufgrund eigener Erfahrungen etwas auskennen, nach Hilfe.
Zu meinem Glück fand ich genau hier dann auch Menschen, die keine Bedingungen stellten, von mir nicht gleich forderten, mich als Alkoholikerin zu bekennen und den Wunsch zu hegen, mit dem Trinken aufzuhören.
Ich fand hier Menschen, die bereit waren, sich mit mir auszutauschen, die ihre Gedanken und ihre eigenen Erfahrungen mit mir geteilt haben. Dafür bin ich ihnen noch heute sehr dankbar. Das, was sie von sich erzählten, holte mich ab und machte mir Mut.
Und recht bald stellte sich für mich dann heraus, dass abstinent bzw. nüchtern zu leben, kein Verzicht bedeutet, sondern im Gegenteil Gewinn.
Nein, ich hatte nicht den Wunsch, einfach nur nüchtern zu sein, ich wollte „zufrieden nüchtern“ sein, wobei auch ich erst herausfinden musste, was das eigentlich bedeutet.
Ich wollte jedenfalls in der Lage sein, mein Leben so gelassen und so mutig zu nehmen, wie es eben kommt. Dass das Leben anders läuft, als ich mir das wünsche, ist mir schon mein gesamtes Leben vertraut. Letztlich habe ich wohl nach Wegen gesucht, besser damit umgehen zu können. Und das scheint mir, so mein derzeitiges Empfinden, gelungen zu sein und zwar gerade dadurch, dass ich nicht länger auf den Alkohol gesetzt habe. Ich habe etwas gefunden, was mir der Alkohol tatsächlich nie gegeben hat, und was sich als sehr viel wirksamer und beständiger erweist.
Es ist die Kraft der Gegenwart die zuallererst mein Leben ausmacht.
Mir geht es ähnlich, wobei ich das anders ausgedrückt hätte.
Magst du vielleicht ein bisschen näher ausführen, was du darunter verstehst oder was dich beispielsweise so empfinden lässt?
AmSee