lebt jemand in nem ähnlichen umfeld?

  • Moin Leute,

    ich pack meine vorstellung und meine frage ma eben zusammen.

    Ich bin Steven, 29 und denke mal das was ein arzt ein funktionierenden alki nennen würd.

    Ich bin Familienvater, gehe täglich hart arbeiten, 10 stunden täglich. Nach der arbeit trinke ich bier, so 5-7 Halbe und 3-4 kleine schnäpse.
    Am Wochenende, manchmal auch mal nen abend unter der woche, wird sich mit familie und freunden getroffen. Und es ist immer das gleiche. Jeder, und ich meine echt jeder erwachsene prügelt sich innerhalb von 2-3 stunden ne flasche Schnaps/Whisky/Ouzo (hauptsache minimum 35-40 prozent, also harter stoff) rein, sogar die frauen bei uns.

    Auf gut deutsch gesagt geht es, egal ob familie und freunde, immer nur darum sich möglichst schnell den arsch weg zu saufen.
    Und wenn ich schaue...meine familie oder freunde...wir leben alle das gleiche leben. Wir leben alle nur noch für diese abende wo wir uns total die birne wegsaufen können.

    Und es ist kein wunder das ich mittlerweile in nem alki forum schreibe...genauso lief es mein ganzes leben ab.....meine eltern, familie, umfeld. Bei denen lief es immer ganz genauso ab wie bei mir heute. Ich bin mit keinen normalen Erwachsenen aufgewachsen, es waren alles alkis.
    Mit 15 hab ich dann selber angefangen schnaps und bier zu saufen.

    Auch meine frau und meine freundin sind alle genauso krank aufgewachsen wie ich und leben auch so...

    Ich hab das gefühl es gibt eine andere seite, wo leute leben deren leben sich nicht nur darum dreht sich total den arsch wegzusaufen. Aber die seite kenn ich nicht mal.

    Diese hardcore sauferei ist meine normalität, schon immer. Ich fand es als Kind mal schlimm wenn sie sich innerhalb von 2 stunden ne flasche obstbrand reingezimmert hat. Heute sitzen wir zusammen und wir zimmern uns zusammen 2 flaschen Obstbrand in die birne und sie freut sich noch das ihr sohn mal wieder total zugesoffen ist.

    Ich werd wohl die nächsten 40 Jahre so leben wie alle in meiner familie in meinem umfeld.
    GIbts hier leute die in nem ähnlich kranken umfeld gelebt haben oder leben?

  • Guten Morgen Steven,

    willkommen im Forum!

    Ich würde sagen: Du steckst ganz schön tief in der Sucht.
    Ich bin ungefähr doppelt so alt wie Du, und war in etwa im selben Alter wie Du heute, als ich das erste Mal für lange Zeit meine Sucht zum Stillstand bringen konnte.

    In meinem damaligen Umfeld, in der Familie, im Freundeskreis, auch am Arbeitsplatz gehörte Alkohol zur täglichen Droge schlicht dazu.
    Zwar war’s nicht so, dass wir uns nur zusammensetzen oder gemeinsam arbeiteten, um uns, wie es bei Dir der Fall zu sein scheint, wegzusaufen, aber Alkohol war halt immer reichlich im Spiel.
    Einige haben das viele Jahre so getrieben, ohne dass ich – als ich noch unerfahren im Thema Sucht war – groß feststellen können hätte, dass sie bereits „auch“ schon süchtig gewesen wäre. Bei einigen, wie bei mir, war es dann irgendwann erkennbar, schon aufgrund der Entzugssymptome, die halt immer dann auftraten, wenn mein Alkoholpegel unter einen bestimmten Promillewert fiel.
    Aus meiner späteren Sicht heraus, vor allem aus meiner heutigen heraus, hatten in diesem Kreis mindestens 70% zumindest ein Missbrauchsproblem, und bestimmt 30% ein sehr aktives Suchtproblem.

    Nur stand halt einem aktiven Vorgehen gegen die eigene Sucht immer dagegen, dass es hieß: „Der Dietmar ist ein richtiger Mann! Der säuft euch alle untern Tisch, wenn‘ sein muss! Mit dem kannst echt was anfangen!“
    Und so wurde mir auch, egal zu welcher Tageszeit, auch stets gleich mal ein „Bierchen“ hingestellt. Oder zwei …
    Meine Ex-Frau hat das alles – leider – mitmachen müssen, zeitweise sogar mitgemacht. Nur hatte sie halt keine Suchtveranlagung und hat dann wieder damit aufhören können.

    Dann häuften sich irgendwann meine alkoholbedingten Aussetzer. Häufige Blackouts (Gedächtnislücken) kamen hinzu. An Wochenende oder in Urlauben war ich dauerbesoffen, weil ich permanent über meinen Spiegel soff.
    Immer mehr körperliche Probleme kamen hinzu.
    Und dann der Totalzusammenbruch.

    Als ich dann kapiert hatte, dass ich, wenn ich so weitermachen würde, elend zugrunde gehen würde – wie übrigens ein großer Teil der oben erwähnten 30% - nahm ich aktiv Hilfe an. Suchtberatung – Selbsthilfegruppe – ambulante Therapie und schließlich Langzeittherapie.
    Da war ich der Außenseiter. Nur die wenigsten in meinem persönlichen Umfeld verstanden, dass ich – nie wieder – Alkohol konsumieren durfte, weil sich sonst meine Suchtspiral abwärts weiterdrehen würde.
    Abgesehen davon, dass ich nüchtern, wie ich dann war, die Gesellschaft von dermaßen saufenden Menschen gar nicht mehr wollte, es langweilte mich, es ekelte mich an, und ich konnte mit den trunkenen Gesprächen einfach nichts mehr anfangen, wurde mir schnell klar, dass ich mein gesamtes Umfeld verändern musste.
    Es war eine recht einfache Formel, die mir zeigte, wer „wirklich Freund war“, und wer mit mir nur zusammen gewesen war, weil wir gemeinsam gesoffen hatten: Ich outete mich bei „meinen Freunden“. Klärte sie über meine Sucht auf. Machte ihnen klar, welche Folgen ein Weitersaufen für mich haben würde.
    Wie würde ein guter Freund darauf reagieren, wenn er erfährt, dass ich beim nächsten Rausch tot sein könnte?

    Da trennte sich dann die Spreu vom Weizen.
    Zwei Freunde, von einigen, verstanden mich nicht nur, sondern erkannten auch ihre Sucht und begannen genauso wie ich aktiv etwas dagegen zu tun.
    Der Rest hatte keinerlei Verständnis, im Gegenteil, manche versuchte mich sogar immer wieder zum Mittrinken zu animieren.
    Ich trennte mich notgezwungen, schon um überleben zu können, von gut zwei Drittel meiner früheren Saufkumpanen.
    Aus meiner heutigen Sicht war das die einzig richtige Entscheidung, so leid es mir für diejenigen tat, die dann irgendwann auch die volle Bandbreite der Sucht zu spüren bekamen. (Viele leben nicht mehr. Ein großer Teil davon ist am Alkohol gestorben, obwohl das natürlich nie ehrlich und offen so benannt wurde. Man schob andere Krankheiten vor, die tatsächlich die Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) der Sucht waren.)

    In der ganzen Zeit meiner aktiven Sucht habe ich – wie Du ja auch – „funktioniert“. Ich machte mehre grundsolide Ausbildungen, kam von Job zu Job weiter, gründete einen kleine Familie, hatte ein wohl eher überdurchschnittliches Auskommen, und war u.a. aktiv in einem Verein engagiert. Also nach außen war alles in bester Ordnung.
    Wäre ich in meinem alten Umfeld geblieben – ich würde heute nicht mehr leben, oder wenn ich leben würde, wäre ich mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso wie einige andere ein hilfloser Sozialfall.

    So aber kann ich sagen, dass mir ein zweites Leben geschenkt wurde, von dem ich niemals zu träumen gewagt hätte. Nichts, aber auch wirklich gar nichts, ist durch meinen Suchtausstieg in irgendeiner Art und Weise schlechter geworden – aber ausnahmslos alles ist um Welten besser geworden.
    Ich weiß wie schwer es ist, aus so einem Umfeld auszusteigen (u. a. musste ich meinen Arbeitsplatz wechseln, weil eben am alten Alkohol ständig präsent war.), und praktisch ein komplett neues Umfeld aufzubauen. Dazu gehört viel Durchhaltevermögen, viel Geduld – auch mit sich selbst! – und bei mir gab es offen gestanden nicht wenige Stunden und Tage, an denen ich am Überlegen war, ob es nicht besser wäre, wieder mit dem Saufen anzufangen.
    Aber unterm Strich, heute so vielen Jahren danach, weiß ich, dass ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe.

    Ich wünsche Dir, dass Du jetzt, wo Du noch mitten drin steckst, den Blick über Dein nassen Alltagsleben hinaus wagst und die Chancen siehst, die sich Dir dann ergeben können!
    Den Anfang, einen guten, hast Du schon gemacht, indem Du Dich hier angemeldet hast!

  • Auch von mir ein HERZLICHE WILLKOMMEN hier im Forum :welcome:

    Ich bin 55, Alkoholiker und seit fast 10 Jahren trocken.
    Mit einem wie Deinem Umfeld habe ich keine Erfahrungen gemacht. Ich hatte immer eine Familie und auch diverse Freunde, die nur wenig Alkohol getrunken haben und mich bei meinem Ausstieg damals unterstützten.

    Es war eine recht einfache Formel, die mir zeigte, wer „wirklich Freund war“, und wer mit mir nur zusammen gewesen war, weil wir gemeinsam gesoffen hatten: Ich outete mich bei „meinen Freunden“. Klärte sie über meine Sucht auf. Machte ihnen klar, welche Folgen ein Weitersaufen für mich haben würde.
    Wie würde ein guter Freund darauf reagieren, wenn er erfährt, dass ich beim nächsten Rausch tot sein könnte?

    Da trennte sich dann die Spreu vom Weizen.

    Bei mir war zwar die Quote besser als bei Dietmar, aber trotzdem ... ist schon komisch, wenn man jemanden als guten Freund gesehen hat und erkennen muss: Der war nur mein Freund, weil es bei mir ordentlich was zu trinken gab ??? :-[
    Aber es gab auch viele Freunde, die aus allen Wolken gefallen sind - weil ich mich ausserhalb meiner 4 Wände zusammengerissen habe.

    Aus meiner Sicht hilft bei so einer Umgebung wie der Deinen nur ein harter Schnitt - und eine räumliche Trennung. Wenn Du denn einen Ausstieg aus der Sucht erwägst!

    Schön, dass Du den ersten Schritt gemacht hast: Dich hier anzumelden! Ich wünsche Dir die Kraft, weiterzugehen!

    Alkohol und Drogen ist was für Weicheier - nur die Harten zieh'n sich die Realität rein!

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Hallo Steven,

    ich machs kurz.

    Zitat

    Ich hab das gefühl es gibt eine andere seite, wo leute leben deren leben sich nicht nur darum dreht sich total den arsch wegzusaufen. Aber die seite kenn ich nicht mal.


    Mag sein. Aber was spricht dagegen, diese andere Seite kennen zu lernen? Es könnte sein, dass dir eine Menge entgeht, wenn du nicht wenigstens den Versuch unternimmst.

    Zitat

    Ich werd wohl die nächsten 40 Jahre so leben wie alle in meiner familie in meinem umfeld.


    Das wird wohl so sein, wenn du dich nicht bewegst.
    Und das wäre in meinen Augen verdammt schade, denn diese andere Seite hat eine Menge zu bieten.

    Hau rein!
    Bassmann

  • Hallo, Steven,
    ich habe Leute kennengelernt, die sich zu Tode soffen und keine Alkoholiker waren. Andere soffen und sagten selbst, dass sie ohne nicht mehr konnte. Viele kamen aus einem Umfeld, das deinem ähnelte. Andere waren sozial gut vernetzt und soffen einfach nur. Warum? Keine Ahnung.
    Ich bin nicht in Deutschland in eine Selbsthilfegruppe gekommen. Als ich das erste Mal meinen Sponsor dort traf, der mir später half wieder ein wenig klarer zu sehen, fragte ich den ob er denn meine, dass ich ein Alkoholiker wäre. Der sagte mir darauf: Klar, wenn ich je einen getroffen habe, dann dich. Seither bin ich trocken.

    Was ich sagen will ist: Wenn man es nicht mehr aushält, sollte man sich nicht zuerst fragen, ob man Alkoholiker ist, an der Spritze oder Pille hängt, sondern vielmehr wie man damit aufhört sich hinzurichten. Wenn du weiter Spaß am Trinken hast, wirst du weitertrinken. Wenn nicht, dann wirst du irgendwann einmal aufhören- ich hoffe lebend.
    Aber um zu überleben hast du den ersten Schritt gemacht indem du hier schreibst.

  • Was ich sagen will ist: Wenn man es nicht mehr aushält, sollte man sich nicht zuerst fragen, ob man Alkoholiker ist, an der Spritze oder Pille hängt, sondern vielmehr wie man damit aufhört sich hinzurichten. Wenn du weiter Spaß am Trinken hast, wirst du weitertrinken. Wenn nicht, dann wirst du irgendwann einmal aufhören- ich hoffe lebend.


    Kurz, knapp, prägnant 44.

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