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Autor Thema: Bewahrung der eigenen Abstinenz durch „Selbstfürsorge“ (KEIN Diskussion-Thread)  (Gelesen 2861 mal)

AmSee13

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  • Beiträge: 718

Du hast erkannt, ein Alkoholproblem zu haben, und deshalb beschlossen, ganz auf Alkohol zu verzichten, nun geht es für dich darum, wie du dir deine Abstinenz bewahren kannst.

Gleich ein Hinweis vorweg: Erfahrungen zeigen, dass es in der Regel nicht genügt, nur das Glas sozusagen einfach stehen zu lassen, wenn dein Vorhaben erfolgreich sein soll.

Der Prozentsatz derer, die es dauerhaft aus der Alkoholabhängigkeit schaffen, ist gering. Das hat seine Gründe.

Darüber, wie es nun weitergehen kann, bestehen unterschiedliche Sichtweisen:

Den einen trockenen Alkoholikern genügt es, sich einfach vor Augen zu halten, wie es war, wenn sie „gesoffen“ haben. Diesen genügt es, in kritischen Situationen zu wissen, was sie wollen, und sie gehen solchen Situationen nicht unbedingt aus dem Weg, sondern betrachten sie eher als Trainingsfeld. (Konfrontation)

Den anderen trockenen Alkoholikern genügt das nicht. Zugrunde liegen hier meist Erfahrungen, öfter mit dem sogenannten „Suchtdruck“ (= überaus starkes Verlangen, Alkohol zu konsumieren) konfrontiert gewesen zu sein, oder Erfahrungen mit Rückfällen.

Hintergrund für solche Erfahrungen ist, dass das sogenannte „Suchtgedächtnis“ eine ganze Reihe von Denk- und Verhaltensmustern, Gewohnheiten und Situationen mit dem Alkoholkonsum verbindet. Daher kann dieses Suchtgedächtnis immer wieder „getriggert“ (= aktiviert) werden und es kann zu sogenanntem „Suchtdruck“ kommen. Erfahrungen zeigen, dass der Suchtdruck auch erst später auftreten kann.
Dieses Suchtgedächtnis lässt sich übrigens nicht löschen, es wird den Rest deines Lebens erhalten bleiben.

Aufgrund solcher Erfahrungen gehen nicht wenige Alkoholiker (zumindest zunächst) den Weg der Vermeidung und bemühen sich ausdrücklich um sogenannte „Trockenheitsarbeit“ / „Trockenarbeit“, die auch als „Selbstfürsorge“ bezeichnet werden kann.


„Trockenarbeit“ bzw. „Selbstfürsorge“

„Trockenarbeit“ bedeutet, einige Veränderungen in deinem Leben und in deinen Denk- und Verhaltensmustern vorzunehmen, um das Suchtgedächtnis eben nicht zu triggern und um tragfähige neue Denk- und Verhaltensmuster zu erwerben.
Trockenarbeit ist sehr individuell und jede/r muss selbst heraus finden, welche Maßnahmen ihr oder ihm helfen, eine dauerhafte zufriedene Abstinenz zu erreichen.


Innerhalb der ersten Wochen und Monate können sich dir folgende Fragen stellen:

- Wie verbringe ich meine Abende und/ oder das Wochenende, wenn ich mich nicht mit Alkohol „belohne“ oder „tröste“, was gibt’s für Optionen und Alternativen?
- Wie verbringe ich die sonstigen Gelegenheiten, an denen ich mich mit Alkohol „belohnt“ oder „getröstet“ habe, was gibt’s für Optionen und Alternativen?
- Wie verhalte ich mich in gesellschaftlichen Runden, in denen üblicherweise Alkohol konsumiert wird, oder bei gesellschaftlichen Ereignissen? Gehe ich gar nicht erst hin, um meine Abstinenz nicht zu gefährden, oder gehe ich hin und setze mich damit der Gefahr aus, getriggert zu werden?

Am Anfang empfiehlt es sich, gewisse gesellschaftliche Runden und Ereignisse erstmal zu meiden, um die eigene Abstinenz zu sichern.
Später, wenn du dich gefestigt fühlst, kannst du dich schrittweise damit konfrontieren, während du dich dabei beobachtest, was es in dir auslöst, und auf diese einen neuen Umgang damit finden.
Für solche Fälle ist ein sogenannter Notfall-Plan hilfreich, um die Situation verlassen zu können, wenn du bemerkst, dass sie dir nicht gut tut.


- Teile ich meinem Umfeld mit, dass ich Alkoholiker/ Alkoholikerin bin, oder nicht?

Diese Frage lässt sich nicht so leicht beantworten und hängt gewiss auch ganz vom jeweiligen Gegenüber und der Situation ab. Es kommt auch darauf an, wie weit du dir selbst gegenüber zu diesem Bekenntnis bereit bist. Sich als „Alkoholiker/ Alkoholikerin“ zu outen kann ein Schutz sein, es kann ggf. auch hinderlich sein.


- Wie ist das mit Speisen oder Süßigkeiten, in den Alkohol enthalten ist, besteht da Gefahr für mich?

Zur Erklärung: Auch diese können triggern.
In diesem Zusammenhang ist auch sogenanntes „alkoholfreies“ Bier zu sehen, das meist doch geringe Mengen an Alkohol enthält und in Geschmack und Aussehen an richtiges Bier erinnert.


- Wie gehe ich damit um, dass in Film und Fernsehen ständig Alkohol konsumiert wird und mich daran erinnert, wie selbstverständlich das auch mal für mich war?
- Wie verhalte ich mich im Supermarkt, wo ich an den Wein-, Bier- und Schnapsregalen, vor denen ich sonst ggf. mit Aussuchen und in Vorfreude so viel Zeit verbracht habe, vorbei muss?
- Wie gehe ich damit um, wenn ich in einem Restaurant oder Café oder im Sommer beim Gang durch die Fußgängerzone damit konfrontiert werde, dass Menschen um mich herum Alkohol konsumieren?
  Was macht das mit mir?


- Spätestens, wenn du doch mal heftigsten Suchtdruck kennengelernt hast, stellt sich die Frage: Wie kann ich vermeiden, dass so etwas wieder auftritt, oder was kann mir im Notfall helfen?

Die Zusammenstellung und das Üben eines sogenannten „Notfall-Koffers“ ist dabei ein sinnvolles und hilfreiches Werkzeug.

- Was kann ich prophylaktisch tun, damit es nicht wieder zu Suchtdruck kommt?
- Was kann ich tun, wenn ich doch Suchtdruck bekomme? Wie komme ich am Besten wieder (unbeschadet) aus dieser Situation heraus?


Darüber hinaus kann Trockenarbeit z. B. auch der regelmäßige Besuch einer SHG sein oder der Austausch in einem Forum wie diesem hier.
Oder sie kann darin bestehen, regelmäßige (geplante) Rückblicke auf die schlimmen Erlebnisse während der eigenen Trinkerzeit vorzunehmen und die eigene Suchtzeit aufzuarbeiten.


Das klingt jetzt vielleicht nach fürchterlich viel Arbeit, aber es steht u.U. auch nicht gerade wenig für dich auf dem Spiel, wenn du abhängig geworden bist und den dauerhaften Absprung schaffen willst.
Zudem musst du dich dem auch nicht auf einmal stellen, sondern darfst dir so viel Zeit dafür nehmen, wie du brauchst.


Aus der Perspektive der Spezialisten hier, d.h. der Alkoholiker, die den Absprung geschafft haben: Lass dir versichern, dass sich die Mühe lohnt. Zufriedene Abstinenz ist möglich.

Auch hier gilt: Wenn du dir Sorgen machst und/oder Fragen hast, kannst du diese gerne hier im Forum stellen.


Hier findet Ihr ein paar Links zu ein paar Themen/Diskussionen (Aufzählung ist bei Weitem nicht vollzählig!) in diesem Forum, die uns in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen. Damit Ihr nicht suchen müsst und/oder nur zufällig drüber stolpert, haben wir sie hier mal gesammelt  :D

- Welche Therapieformen gibt es?
- Selbsthilfegruppen - wozu eigentlich?
- Sucht-/Saufdruck - wie erlebt man ihn? Was kann man tun?
- Umgang mit Suchtdruck
- Notfallkoffer
- Gesunder Egoismus - was heisst das eigentlich?
- Alkohol in Nahrungsmitteln - Wie gefährlich sind Rotweinsoße und Co wirklich?
- Was versteht man unter "zufriedener Trockenheit/Abstinenz"
- Ich habe den ersten Schritt in die Trockenheit gewagt - Und nu? Wie weiter?

Viel Spaß beim Stöbern!
« Letzte Änderung: 19. März 2022, 19:10:35 von Greenfox »
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