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Autor Thema: Meine kleine, junge Lebensgeschichte  (Gelesen 3853 mal)

Sunny

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #15 am: 23. Januar 2021, 18:03:57 »

Ihr Lieben,
Ich danke euch allen wirklich sehr und werde eure Ratschläge auch gerne annehmen.
Nicht erst morgen sondern heute schon !
Eigentlich weiß ich das diese ganzen Sachen in meinem Kopf stattfinden und ich stark sein muss, vor allem die erste Zeit.
Das etwas anderes dahinter steckt das kann gut sein.
Meine Mama hat meine Demenzkranke Oma zuhause gepflegt über den kompletten Verlauf.
Von Aggressionen, bis über den Verlust der Sprache, wir haben sie gefüttert und gepflegt bis bin zu ihrem qualvollen Tod.
Das habe ich bis heute wohl auch nicht ganz verarbeitet , ich muss dazu sagen ich bin auch ein sehr emotionaler Mensch und nehme mir alles sehr zu Herzen.
Ich werde mein Bestes geben um 'versuch's zu werden und hoffentlich kann standhaft sein wie ihr alle.
Auch wenn es mal schwer wird.
Ich werde dieses Forum weiterhin nutzen und mich auch gerne mit euch austauschen denn das tut wirklich gut.
Es macht mir schon ein bisschen Angst mich meinem ganzen Problemen wie du sagst 'nackt' zu stellen.
Aber ich bin zuversichtlich es zu schaffen.

Und den Tipp mit Natalie Stüben werde ich auch beherzigen.
Es tut immer gut zu lesen wie andere Menschen es geschafft haben.
Ich
Ich danke euch wirklich sehr und bin froh das ihr mir eure Geschichten erzählt habt.

Vielen Dank und ich wünsche euch von Herzen alles gute :)
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Greenfox

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #16 am: 23. Januar 2021, 18:18:59 »

Hallo, Sunny!

Auch von mir ein HERZLICHES WILLKOMMEN hier bei uns im Forum  :welcome:

Kurz zu mir: Ich bin m, 57, Alkoholiker, seit 05/2008 trocken und auch schon einige Jahre ein wenig in der Suchtselbsthilfe unterwegs.

Warum soll uns Dein Alter erschrecken?? Ich finde es im Gegenteil super, dass Du Dir (jetzt schon) Gedanken darüber machst, wie Du aus dem Sumpf wieder rauskommst. Bei mir hat es wesentlich länger gedauert, bis ich mir ernsthaft Gedanken darüber gemacht habe - geschweige denn, bis ich ernsthafte Anstrengungen unternommen habe.
Wie Du aus den unterschiedlichen Lebensgeschichten hier erfahren wirst, hat es bei manchen auf Anhieb funktioniert, bei den meisten jedoch erst nach mehreren Anläufen. Ich gehöre zu letzterer Gruppe.

Nichtsdestotrotz: Es ist schaffbar! Und - dieses "Nie wieder Alkohol!" ist bei weitem nicht so schlimm, wie es oft (meist von Leuten, die noch Alkohol trinken) dargestellt wird. Die Meisten, so auch ich, empfinden es eher als Befreiung, nicht mehr alles rund um den Alkohol organisieren zu müssen.

Ich empfehle Dir einen Blick in unsere Linksammlung und in unsere Bücherecke - dort findest Du viele, viele Informationen rund um das Thema Alkohol und wie komme ich davon weg.
Und natürlich die vielen Geschichten von uns hier ...

Und wenn Fragen sind - immer raus damit!

Gruß  wikende091
Greenfox
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Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!

Sunny

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #17 am: 23. Januar 2021, 18:22:14 »

Hallo Greenfox :)
Vielen Dank, das mach ich sehr gerne !
Danke für deine Nachricht.

Liebe Grüße :)
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ichso

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #18 am: 23. Januar 2021, 23:08:52 »

Hallo Sunny, du schriebst:

"Ich bin bereit alles auszuprobieren.
Nur eine SHG habe ich noch nicht besucht und das kann ich leider nicht auf Corona schieben, denn dafür war ich schlich und ergreifend zu feige.
Einen Anlauf auf Hilfe bei Psychologen habe ich mehrfach unternommen jedoch tatsächlich nie einen Platz bekommen (der Großteil der Absagen waren Umstellungen von Kassenpatienten auf Privat)
Dieses Forum mit seinen Themen ist wirklich toll.
Ich lese seit Stunden die verschiedensten Sachen und bin wahnsinnig überrascht wie viele Menschen nach Jahrzehnten Langem Konsum den Schritt in die Abstinenz tatsächlich bis heute geschafft haben.
Das ist mehr als beeindruckend.

Danke das du deine Erfahrungen mit mir teilst und ich würde mich sehr über einen weiteren Austausch freuen.
Zum Beispiel würde mich auch gerne bei dir interessieren wie du den Schritt geschafft hast ? Wann hat es bei dir Klick gemacht ? Du hattest ja tatsächlich mehrere Entzüge.
Wie bist du so stark geworden ?"
---

Ich will versuchen, dir eine gute Antwort zu geben :)

Zu Selbsthilfegruppen: Ich bin nicht nur Kind von süchtigen Eltern. Ich bin auch süchtige Mutter. Und so dachte ich, ich kann "niemandem Normalem" erzählen, was bei mir los war. Ich trennte mich bei jedem Entzug von allen jeweiligen "Freunden" und war einsam wie nie zuvor. Alles verloren: die Kinder, die Arbeit, mich selbst. Das war mein tiefster Punkt bei THC. Und dann sah ich auf dem Flohmarkt eine gebrauchte Motorradjacke in meiner Größe für damals 10,- Mark, lächel... Mein Leben lang bewunderte ich Frauen, die das konnten. Das war der erste Wunsch, den ich mir erlaubte: Clean zu werden, damit ich den Führerschein machen kann <3 Es ist nie dazu gekommen ;) aber es war mein letzter Tag mit Drogen!

Puuuhhh, ein ganzes Leben passt nicht wirklich in ein paar Zeilen... Auf jeden Fall war ich so einsam. Und dachte, wenn ich überhaupt mit jemandem reden kann, dann sind es Leute, die Vergleichbares durchgemacht haben. Die beste Entscheidung meines ganzen Lebens! <3

Leider konnte auch das nicht die spätere Suchtverlagerung zum Alkohol verhindern. Aber ich hatte immer im Hinterkopf, da kann ich wieder hin, wenn ich das Glas heute stehengelassen hatte. Und so war es auch :) So gute Leute habe ich nirgends sonst getroffen <3

Leider ist das für dich jetzt wegen Corona schwierig. Aber hier ist es fast so ähnlich. Trotzdem empfehle ich dir, dich schlau zu machen, evtl. wird etwas mit Videochat angeboten. Und bitte bleib auch an einer Therapieplatzsuche dran. Richtig wichtig!

Last but not least: Wie ich so stark geworden bin? Das hat sicher verschiedene Gründe. Aber eines meiner Schlüsselerlebnisse ist: Ich sollte nach vier Monaten Klinikaufenthalt 2 positive Dinge über mich selbst sagen (Ich fand damals alles Scheiße an mir). So stand ich also vor der Ergotherapeutin und quetschte leise total verlegen mit der Hand vor meinem Mund raus: "Ich bin klug und schön..."

Und weißt du was? Das glaub' ich immer noch!  8) 44. :)

In diesem Sinne: Horridoh! Es kann nur besser werden, lächel...

Netten Gruß,

ichso
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Sunny

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #19 am: 24. Januar 2021, 08:18:42 »

Danke ichso für deine Ehrlichkeit und deine Geschichte !

Du hast wirklich ganz schön viel durchgemacht, es ist wirklich nie zu spät sein Leben in den Griff zu bekommen.
Ich danke dir dafür und werde dran bleiben !

Ganz Liebe Grüße ! :)
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ichso

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #20 am: 24. Januar 2021, 08:40:29 »

Sehr gern :)
Aber jetzt beim "Korrektur lesen" fiel mir auf, es müssen doch 10,- Euro gewesen sein. Denn der erste Tag ohne THC war der 13.6.2003 <3 Mein zweiter "Geburtstag" <3
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Sunny

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  • Wo nichts mehr geht, fängt alles an.
Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #21 am: 24. Januar 2021, 08:46:25 »

Guten Morgen :)
Achso, ja ich habe es auf jeden Fall verstanden :)

Sag mal wie gingst/gehst du mit Suchtdruck um ?
Bzw. Wenn der 'gemeine' Teil deines Hirns dir sagt, ach komm, heute nochmal.
Ab morgen schaffst du es.
Es ist ja auch noch nicht schlimm, das kannst du dir erlauben ?
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ichso

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #22 am: 24. Januar 2021, 10:02:56 »

Den Gedanken "Es ist ja auch noch nicht schlimm, das kannst du dir erlauben" hatte ich evtl., bevor mein Leben zusammengekracht war. Die Zeit war eine Andere: Es gab kein Internet ;) Es war "normal" dass die Menschen in meinem Umfeld Suchtmittel missbrauchten. Wenn es "mal eine/r zu doll trieb" und auf die "Fanta-Ranch" (körperlicher Entzug in der Psychiatrie) musste, gab es in der Regel zwei Reaktionen: Entweder er/sie machte danach wieder mit, dann wurde nicht drüber geredet, höchstens in Form von Witzen. Oder er/sie blieb dem "Freundeskreis" fern. Dann wurde das mit leisem Unbehagen abgetan.

Will sagen: Es gab kaum hilfreiche Informationen. Ich brauchte wie viele andere hier, erst meinen tiefsten Punkt (beim Alkohol war das z.B. die Diagnose Diabetes, beim Rauchen die immer größere Angst vor Lungenkrebs).

Als ich dann ernüchtert! erkannte, was ich (schuldlos! Hat was mit systemisch zu tun, kannst du mal googeln, denke, dass passt bei dir und deiner Familie evtl. auch) angerichtet hatte, versuchte ich, mir mehrfach das Leben zu nehmen. Denn ich dachte, es ist besser, meine Kinder haben eine tote Mutter als eine wie mich. Und so reichte mir über die Jahre "nur" ein Blick zurück. Und dann WOLLTE ICH AUF KEINEN FALL MEHR SO SEIN.

Und dazu holte ich mir alle Hilfe, die ich kriegen konnte. Mein erstes Buch, dass mir unglaublich auf diesem Weg half, war die "Suchtfibel". Da blättere ich heute noch ab und an drin, alles voller Zettelchen und Randnotizen. Meine Zeitzeugin <3
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ichso

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #23 am: 24. Januar 2021, 10:07:45 »

PS: Also es gab schon Internet. Ich war damals Sekretärin in einer Spedition und wir hatten gerade von der guten alten Schreibmaschine auf PC umgestellt. Aber das Internet war sooo teuer, das durfte nur der Chef benutzen, lach...

Und jetzt komm' ich mir grad wie 100 vor  :'( ;)
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ichso

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #24 am: 24. Januar 2021, 10:16:49 »

Wie ist es aktuell bei dir mit Alkoholge/missbrauch?

Freue mich, wenn du ehrlich bist. Zu uns hier und vor allem zu dir selbst.
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Rina

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #25 am: 24. Januar 2021, 14:21:51 »

Ab morgen schaffst du es.
Es ist ja auch noch nicht schlimm, das kannst du dir erlauben ?

Genau diese Gedanken sind Schuld daran, dass ich statt mit 26 Jahren erst mit 36 Jahren aufhören konnte...Und so ist es bei jedem der ans „Morgen“ mehr glaubt als ans „Heute“. Frag dich einfach wieso es morgen einfacher sein sollte? Ist dann der Suchtdruck plötzlich verschwunden? Hast du morgen mehr Durchhaltevermögen, mehr Willen, mehr Entschlossenheit?

Gegen Suchtdruck hilft zBsp hier Schreiben, Lesen, in die Natur spazieren gehen (ohne Geld!), viel Wasser trinken, manchmal helfen Bonbons, ein heisses Bad, Sport, Ablenkung allgemein oder auf YouTube Dokumentationen über schlimme Alkohiker schauen...

Und dann musst Du dir ja auch nicht sagen „nie mehr“, es reicht wenn du heute nicht trinkst. Morgen ist Morgen, diese Sorgen kommen früh genug, kümmere dich ausschliesslich ums HEUTE und JETZT. Wer weiss schon was nächste Woche ist, in einem Jahr, in 3 Jahren...das ist weniger überschaubar als die nächsten 24 Stunden.

Wie kommst du zu Recht? Trinkst Du zur Zeit noch? Niemand hier wirft mit Steinen falls du noch trinkst, das darfst du ja, ist deine Entscheidung und dein Leben. Es dauert manchmal bis man wirklich tätig werden kann...Bei mir 10 Jahre, das wünsche ich dir natürlich nicht!!! Und ja, es ist im Auge des Süchtigen nie schlimm genug das ist so, schlimmer geht immer es kommt drauf an mit wem man sich vergleicht. Der Arbeitslose ohne Führerschein wird sich denken „sooo schlimm ist es auch wieder nicht, hab ja ne Wohnung und zu essen „, der Obdachlose wird sich vielleicht mit dem Korsakow-Typen neben an vergleichen...Alles relativ. Es geht um deine eigene Schmerzgrenze, wieviel Leid kannst Du ertragen? Und willst Du das? Alkoholismus ist fortschreitend, es geht nur abwärts wenn man mal in der Rutsche ist.

Lg
Rina
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Sunny

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #26 am: 24. Januar 2021, 19:40:44 »

Hallo ihr lieben, vielen Dank mal wieder für eure Ehrlichkeit.

Also ganz frei von der Leber weg, Freitag war ich nüchtern, gestern hatte ich mir leider etwas 'gegönnt' heute wieder nüchtern und habe heute ein paar Notizen gemacht bezüglich meines Lebens, was ich erreichen möchte, warum ich trinke, wie sich ein Leben ohne den Feind anfühlt usw.
Ich habe dieses Wochenende angefangen viel über dieses Problem zu recherchieren, habe euch kennengelernt und möchte noch viel mehr erfahren über diese Krankheit und über mich !
Aus diesem Grund habe ich mir fest vorgenommen die nächste Zeit nüchtern zu bleiben.
Deshalb meine Frage an euch was ihr gegen Suchtdruck tut, da er mit wohl morgen bevorsteht ...
Das gestern sollte für lange lange Zeit meine letzte Dose sein und mit diesem Gedanken und dürfen Tipps hoffe ich es auch zu schaffen.
'Nie mehr' wie Rina schon sagt klingt für mich so .... Wie soll ich es beschrieben ... Für mich unrealistisch weil ich dann Angst habe ich halte es nicht mein Leben lang durch ! Mir reicht das Morgen, dann das übermorgen, und so möchte ich voran schreiten und hoffen dass es der richtige Weg ist.
Dieses mal fühlt es sich zumindest schon entschlossener an.

Ganz ganz liebe Grüße :) :*
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Sara

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #27 am: 24. Januar 2021, 19:54:39 »

Hallo Sunny!

Gegen den Suchtdruck hat mir am Anfang Naltrexon geholfen. Da gibt es verschiedene Firmen, die den Wirkstoff als verschiedene Medikamente anbieten. Bei uns in Österreich zB. Dependex oder Revia.

Dazu müsstest du mit einem Arzt reden. Mir hat es wirklich geholfen, auch wenn am Anfang ziemliche Übelkeit eine Nebenwirkung war.

Andere schaffen es mit Willensstärke oder SHG.

Liebe Grüße
Sara
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Gerchla

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Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #28 am: 25. Januar 2021, 13:03:11 »

Hallo Sunny,

herzlich Willkommen hier im Forum.

Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin Anfang 50, Alkoholiker und trinke jetzt schon lange keinen Alkohol mehr. Davor trank ich über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Familie (2 Kinder) und funktionierte bis zum Schluss.

Ich habe mir jetzt wirklich lange überlegt, ob ich Dir überhaupt schreiben soll. Ich habe mir überlegt, ob ein 50-jähriger eine 25-jährige mit seinen Erfahrungen und seinen "Lebensweisheiten" überhaupt erreichen kann. Ob Dir das, was ich Dir schreiben möchte, überhaupt etwas helfen kann oder ob das alles nicht viel zu altklug herüber kommt.

Ich habe dann unterschiedliche Gedanken gewälzt, u. a. dachte ich daran, dass mein Sohn genauso alt ist wie Du und dass ich mit ihm ja auch "ganz normal" rede und diskutiere (Du merkst also, nicht nur Du hast Dir Gedanken über Dein Alter gemacht sondern auch ich mir über meines  ;)  ).

Und deshalb habe ich mich entschieden, Dir jetzt einfach mal meine Gedanken schreiben. Vielleicht kannst Du da etwas für Dich mitnehmen.

Erst mal möchte ich Dir sagen, dass ich es sehr gut finde, dass Du Dir diese Gedanken über Deinen Alkoholkonsum machst. Was Du von Dir beschreibst deutet auf jeden Fall auf ein großes Problem hin. Es scheint, als ob Du über den "Status" des Alkoholmissbrauchs bereits hinaus bist und schon in der Sucht hängst.

Und wenn Du mal auf Deine bisherigen Erfahrungen mit dem Zeug zurück blickst, wie Du z. B. auch bereits die Menge gesteigert hast, dann kannst Du Dir in etwa vorstellen, wie die Geschichte weiter gehen wird, wenn Du aus dieser Spirale nicht austeigen kannst. Ich kenne niemanden, wo es mit der Zeit besser wurde. Bei dieser Sucht ist es oft so, dass "man" sie relativ lange relativ gut "aushalten" bzw. sich schönreden kann. Ich will damit sagen, dass die allermeisten Alkoholiker  zu den funktionierenden Alkoholikern gehören. Das sind jene, denen man das erst mal gar nicht ansieht.

Bei dem Begriff Alkoholiker hat man ja oft sofort den Penner auf der Parkbank mit der Pulle in der Hand im Kopf. Aber das stimmt eben so nicht. Die meisten haben von außen betrachtet "ein ganz normales" Leben. Ich schreibe Dir das so ausführlich, weil Du davon geschrieben hast, dass Du in der Arbeit nicht trinkst und dort erfolgreich Deine Frau stehst. Das habe ich auch getan, das habe ich auch noch mit täglich 10 Bier getan. Das habe ich auch noch getan, als ich bereits morgens auf dem Weg in die Arbeit mit dem Trinken begonnen habe. Ich habe bis zum Schluss funktioniert.

Was aber absolut nichts damit zu hat, dass es mir damit auch gut gegangen wäre. Denn das genau Gegenteil war der Fall. Die Sucht hatte mich derart im Griff, dass es mir zunehmend schwerer fiel, all das andere zu bewältigen. Als erstes gingen sozusagen meine sozialen Kontakte den Bach runter, weil ich die Zeit zum Trinken brauchte. Parallel dazu wurde meine Ehe immer kaputter, auch wenn meine Frau nicht wusste warum das so war. Der Job war sozusagen das, was am längsten relativ problemlos funktionierte. Auch wenn ich dann in den letzten Jahren meiner Sucht auch während der Arbeit (bzw. schon vor der Arbeit) trank. Aber ich hatte einen derart guten Stellenwert und mein Aufgabengebiet auch (routinemäßig) gut im Griff, dass ich hier meine Scheinwelt aufrecht erhalten konnte. Jedoch wäre auch dieses Kartenhaus bald zusammen gefallen, hätte ich den Absprung nicht geschafft.

Du siehst vielleicht, je früher Du von dem Zeug weg kommst, desto länger hast Du etwas von Deinem Leben. Also vom eigentlichen Leben, nicht von dem durch Alkohol manipulierten und somit gar nicht wirklich vorhandenen. Auch wenn das anfangs ganz nett sein kann, seine Welt ab und zu mal zu manipulieren, so kehrt es sich doch in dem Moment ins Gegenteil, wenn man süchtig ist. Und plötzlich trinken muss, auch wenn man eigentlich nicht mehr möchte. Und an diesem Punkt bist Du wohl angekommen.

Aus meiner Sicht geht es nun erst mal darum nicht mehr zu trinken. Aber wie Du ja vielleicht bereits bei oder nach Deiner zweimonatigen Pause festgestellt hast, reicht da alleine bei weitem nicht aus um dauerhaft von dem Zeug weg zu kommen. Meine längstge Trinkpause betrug überigens fast ein Jahr, da war ich Anfang 30 und bereits süchtig. Wenn auch auf einem, für meine späteren Verhältnisse, niedrigem Niveau. Aber das ist egal, süchtig ist süchtig. Ein lächerliches Biermischgetränk, EIN EINZIGES, brachte mich nach fast einem Jahr ohne Alkohol wieder zurück in die Spur. So schnell hab ich gar nicht schauen können.

Was also ganz wichtig ist, neben dem erst mal nichts mehr trinken, ist ein Plan für Dich und letztlich dann für Dein Leben. Es fällt mir nicht einfach, so ein Zeugs einem so jungen Menschen wie Dir zu schreiben. Denn das kommt sicher sehr spießig rüber. Schließlich willst Du sicher noch was erleben, willst Spaß haben, auch mal mit Freunden um die Häuser ziehen, etc. Ich wollte das jedenfalls in diesem Alter.

Ich möchte Dir sagen, dass Du das trotzdem kannst. Wenn ich heute zurück denke, dann hatte ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gar nicht so wenige Menschen die nichts tranken und trotzdem mit uns unterwegs waren, und natürlich auch trotzdem gut drauf waren. Das war auch nie ein Problem, erst später, als ich da langsam rein gerutscht bin, habe ich mich lieber mit Leuten umgeben, die auch was tranken. Weil ich da dann weniger auffiel. Wobei diese Phase bei mir nur kurz war, ich glitt relativ schnell in die heimliche Trinkerei ab.

Was ich sagen möchte: Versuch Dir darüber klar zu werden, warum Du den Alkohol missbraucht hast. Was er Dir gegeben hat, warum Du ihn eingesetzt hast. Versuche dabei mehr zu ergründen als nur "oberflächliche" Gründe, versuche tiefer zu schauen, ob da irgendwas ist, was grundsätzlich angegangen werden sollte, was verändert werden sollte. Sowas ist nicht ganz einfach und hier ist es nicht das Schlechteste, wenn Du Dir dazu Hilfe von außen holst.

Wenn Du es schaffst mit Dir und Deinem Leben zufrieden zu sein, wenn Du vor allem mit Dir selbst komplett im Reinen bist, dann verliert der Alkohol seine Bedeutung. Denn eingesetzt hast Du ihn, weil Du etwas verändern wolltest. Was auch immer das letztlich war. Wenn Du aber zufrieden bist, wenn Du klar bist, wenn Du weißt wer Du bist und wer Du sein möchtest und das entweder bereits erreicht hast oder Dich auf den Weg dorthin auf gemacht hast und diesen Prozess bewusst lebst, dann gibt es keinen Grund mehr das Zeug zu konsumieren.

Du wirst, wenn Du Dich länger mit dem Thema Alkoholsucht beschäftigst, sicher immer wieder auf den Begriff der zufriedenen Abstinenz stossen. Was bedeutet, dass man damit zufrieden ist, keinen Alkohol zu trinken und ihn nicht vermisst. Hat man das erreicht, ist man sozusagen maximal vor Rückfällen geschützt. Wie das funktioniert muss jeder selbst heraus finden und es gibt wie überall sicher unterschiedliche Wege. Meine Sichtweise habe ich Dir weiter oben versucht darzulegen.

Vielleicht noch ein Gedanke: Für mich ist mein Leben ohne Alkohol auch soetwas wie eine Lebenseinstellung. Ich lebe bewusst und ich lebe bewusst ohne Alkohol. Und wenn mir heute jemand sagen würde, es gibt ne Pille, die mein Suchtgedächtnis löschen könnte und ich könnte dann wieder ganz normal Alkoholkonsumieren, wie jeder andere Mensch ohne Suchtproblematik auch, dann hätte das für mich keine Bedeutung. Ich sage das jetzt wirklich ganz selbstbewusst weil ich es genau so empfinde. Ich möchte gar keinen Alkohol mehr trinken, selbst dann nicht, wenn ich es tatsächlich gefahrlos wieder könnte. Denn mein Leben ist so wie es ist genau richtig. Ich vermisse nichts, schon gar nicht die Wirkung des Alkohols.

Diese Lebenseinstellung ist vielleicht auch ein wenig vergleichbar mit z. B. einem Vegetarier. Der isst kein Fleisch und vermisst idealerweise auch nichts. Er /oder sie, lebt aus Überzeugung so, weil er/sie das möchte. So sehe ich das heute in Bezug auf Alkohol bei mir auch. Es war aber ein langer Prozess, bei dem ich mich sehr viel mit mir und meinem Leben, meinen Zielen, etc. auseinander gesetzt habe. Das hat mir sehr geholfen heraus zu finden, worauf es (für mich) eigentlich ankommt im Leben.

So, jetzt wurde es doch wieder sehr pathetisch und ich habe keine Ahnung ob Du damit überhaupt irgendwas anfangen kannst.

Mach Dir einen Plan, hol Dir alle Hilfe die Du bekommen kannst und schaue, dass Du unbedingt von dem Zeug weg kommst. Dauerhaft. Ansonsten verschenkst Du Dein Leben.

Alles Gute für Dich und einen guten Austausch hier im Forum wünsche ich Dir.

LG
gerchla
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Toni

  • Gast
Re: Meine kleine, junge Lebensgeschichte
« Antwort #29 am: 25. Januar 2021, 15:45:41 »

Hallo Sunny,

auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum.
Du hast ja schon eine ganze Menge Antworten erhalten.
Ich möchte dir daher nur einen Gedanken mitteilen, der
mir beim Lesen deines Vorstellungsthreads in den Sinn gekommen
ist und mich an meine Zeit erinnert hat, als ich die ersten Male damit
begann mir über mein Trinkverhalten Gedanken zu machen und immer wieder
einmal Wochen, Monate und einmal sogar über ein Jahr keinen Alkohol trank,
obwohl ich mit Leuten abhing, die Drogen und Alkohol regelmäßig missbräuchlich konsumierten.
Ich war da ungefähr in deinem Alter.
Im Rückblick frage ich mich oft, weshalb ich es nie langfristig, oder besser, grundsätzlich schaffte, abstinent zu
bleiben und mir ist klar geworden, dass das eigentlich kaum gelingen kann, wenn man sich ausschließlich mit
Leuten umgibt, die sich regelmäßig die Kante geben.

Wir Menschen sind Herdentiere und neigen deshalb dazu das Verhalten der Mehrheit anzunehmen. Zumindest langfristig. Wir
wollen dazugehören zur unserer Peergroup. Diesem natürlichen Drang nach Zugehörigkeit zu widerstehen ist kaum möglich. Vor allem
wenn man noch jung ist, und einem die Leute aus seinem Bekanntenkreis wichtig sind. Wie Gerchla schon schrieb, sind viele in diesem Alter
der Meinung, dass Alkohol einfach dazu gehört und Spaß macht. Nach einer gewissen Zeit begann ich mich dann immer wieder zu fragen, ob ich
nicht falsch liege mit meiner Abstinenz, wenn alle anderen kein Problem mit Alkohol und Partymachen haben. Dazu kommt, dass unsere Gesellschaft eine echte Alkoholgesellschaft ist. Jedes gesellschaftliche Ereignis wird mit Alkohol begossen. Sich von dieser generellen Sicht auf dieses Zellgift zu befreien benötigt auch eine Menge Überzeugung und auch Selbstvertrauen. Vertrauen in seine eigen Sicht der Dinge.

Was dabei sehr unterstützend sein kann, ist es, wenn du dich bewusst mit Leuten umgibst die selbst auch keinen Alkohol trinken. Die findest du natürlich am einfachsten in einer Selbsthiflegruppe. Dadurch lernst du, dass es eben nicht normal ist, Alkohol zu trinken um Spaß zu haben oder um zu entspannen usw.
Dadurch kann sich der Gruppendruck nicht so einfach entfalten und hilft dir deinen persönlichen Weg in eine zufriedene Abstinenz zu finden.
Leute die keinen Alkohol trinken, findest du aber auch in allen anderen Lebensbereichen. Sei es im Sport, in der Meditationsgruppe um die Ecke oder im Supermarkt (allerdings weniger in der Alk-Abteilung ;-))
Also... mein Tipp, wenn ich dir den geben darf... such dir Leute, die ebenfalls abstinent leben.

Liebe Grüße und viele Erfolg auf deinem Weg in ein suchtmittelfreies Leben



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