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Autor Thema: Ehe mit einer Alkoholikerin  (Gelesen 2122 mal)

poepinna

  • *
  • Beiträge: 9
Ehe mit einer Alkoholikerin
« am: 10. Dezember 2020, 21:00:44 »

Liebes Forum,

ich schreibe nur unregelmässig, dennoch wollte ich heute etwas mit Euch teilen. Meine Mutter ist seit meiner Kindheit Alkoholikerin. Meine Eltern lebten bis zum Tod meines Vaters dieses Jahr im September zusammen. Wir haben als Familie immer sehr unter der Sucht meiner Mutter gelitten. So viele Zusammenbrüche, Abstürze, egal was gerade im Leben der anderen passierte. Ich habe jetzt in den Unterlagen meines Vaters einen kurzen Tagebuchauszug gefunden, den er im Krankenhaus vor neun Jahren geschrieben hat, als er nach langer Wartezeit endlich eine Spenderniere erhalten hatte. Eine grosse Sache war das damals, plötzlich war es soweit, es wurde ihm noch einmal ein Leben geschenkt. Es hat mich dieser Text sehr betroffen gemacht, obwohl ich immer Teil des seelischen Leidens und dieser Szenen war.

Ich stelle ihn nun in anonymisierter Form hier rein (Namen sind alle geändert), da ich hier immer wieder von Partnern lesen, die sich fragen, wie und ob sie mit einem Menschen noch zusammen leben wollen, der an Alkoholismus leidet. Mein Vater ist geblieben, aber diese Geschichten wiederholten sich bis zu seinem Sterbebett. Auf der Trauerfeier meines Vaters orderte meine Mutter eine Kiste Wein bei einem Gast, der Weinhändler war. 6 Tage später wurde der Wein geliefert, sie trank ihn, stürzte und brach sich den Oberschenkel. Mit 1,8% wurde sie in der Klinik aufgenommen.

Hier sind die Aufzeichnungen meines Vaters, den er damals im Krankenhaus geschrieben hat:

Transplantation-C   
5.3.11
Anruf der Klinik um ca. 6.30 Uhr mit der Aufforderung in der zu erscheinen, da evtl. unter allen Vorbehalten eine Niere zur Verfügung steht.
Eintreffen in der Klinik gegen 7.15 Uhr und Beginn der Untersuchungen mit dem Ergebnis, dass ich für einen Dialysepatienten in einer guten Verfassung bin und transplantationsfähig bin. Zunächst waren die Nieren nach  XX in die Klinik gebracht worden, sie
waren zuvor durch ein Chirurgenteam der Uni XX in XX bei einem Spender entfernt worden.
 
Endlich gegen 18.00 Uhr kam die erlösende Nachricht, dass die Organe
transplantbierbar sind und dann ging alles ganz schnell. Gegen 20.00 Uhr
war ich im OP und wurde operiert.

Sonntag, den 6.3.2011
 
Im Aufwachraum habe ich im Unterbewusstsein die große Uhr an der Wand
wahrgenommen, sie zeigt ca. 3.30 Uhr. Nachdem ich dann auf der Intensivstation
endgültig aufgewacht bin wurde mir mitgeteilt, dass ich zwei Spendernieren
erhalten habe.

9.3.11
Kein Besuch von Barbara. Am Telefon Eindruck von Trunkenheit
 
10.3.11
Besuch von Barbara, jedoch sehr fahrig und alles vergessen, was mitzubringen
war.
 
11.3.11
Am Telefon nicht erreichbar, weder am Haus- noch am Mobiltelefon
Um 16.00 Uhr dann am Telefon. Total betrunken.
 
12.3.11
Kurzer Besuch und Versprechen nicht mehr zu trinken.
 
13.3.11
Kein Besuch von Barbara, da mit dem Auto liegengeblieben.
 
14.3.11
Besuch Barbara, angeblich Schmerzen weil auf Treppe gestürzt
 
15.3.11
Besuch Barbara
 
16.3.11
Kein Besuch, da betrunken.
 
17.3.11
Kein Besuch, da betrunken.
 
18.3.11
Kein Besuch, da betrunken.
 
19.3.11
Barbara geht wie in den letzten Tagen nicht an das Telefon.
Anruf von der Nachbarin bei mir in der Klinik mit der Frage was mit Barbara
los ist. Sie sei seit Tagen nicht mehr gesehen worden und sie würden sich Sorge
machen. Ich bat die Nachbarin deshalb doch mit Julia zu sprechen, da sie über
einen Haustürschlüssel verfügt.
Julia ist dann zusammen mit Jutta in die Wohnung gegangen und fanden Barbara
bis zur Bewußtlosigkeit  betrunken vor. Nach vielen Telefonaten habe ich dann
darum gebeten, Barbara ins Krankenhaus zu bringen.
 
Julia hat dann die Sache als Ärztin in die Wege geleitet und sie zusammen mit
Peter aus der Wohnung gebracht und im Krankenwagen in die Uni Klinik
in die Psychiatrie gebracht.
 
Da ist Barbara bis 28.3.11 geblieben und wurde mit der Auflage entlassen sich weiterhin einer Therapie zu unterziehen.
Gespeichert

Greenfox

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  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 4580
Re: Ehe mit einer Alkoholikerin
« Antwort #1 am: 11. Dezember 2020, 12:16:46 »

Harter Tobak.  :-[

Es macht mich immer wieder betroffen, was wir unseren Angehörigen antun bzw. angetan haben.
Und wenn ich DAS lese, denke ich mir immer wieder, dass es doch einer gehörigen Portion Masochismus bedarf, um bei so einem Menschen zu bleiben.

Ich kann jeden Menschen verstehen, der es NICHT tut.
  :tml:
Gespeichert
Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!

Orangina

  • Gast
Re: Ehe mit einer Alkoholikerin
« Antwort #2 am: 11. Dezember 2020, 13:21:02 »

Hallo poepinna,

danke für diesen Beitrag.
Der ging mir schon sehr sehr nah.
Er zeigt schonungslos, was Alkoholiker bei ihren Angehörigen anrichten und wie sie sich selbst zerstören.
Ich kann es nicht nachvollziehen, dass Ehepartner so lange ausharren.
Es muss die Hölle sein.

Damit verurteile ich den Alkoholiker nicht.Und ich verurteile auch nicht die unermüdliche Ausdauer der Ehepartner.

Schlimm finde ich ,wenn Kinder von Alkoholikern sich ihr Leben lang mit Krankheiten der Eltern, in dem Fall der starke Alkoholismus der Mutter,auseinander setzen müssen.
Mir tut das sehr Leid für dich poepinna und ich wünsche dir ganz viel Kraft ,jeden Tag aufs Neue, dass du DEIN Leben leben kannst und ich kann mir vorstellen, dass das sehr schwer möglich ist.
Mein Vater ist chronisch krank ( seit ich denken kann).
Damit meine ich aber weniger den Alkohol...obwohl er früher auch regelmäßig seinen Wein getrunken hat ...er war selten betrunken,zum Glück.  Aber er hatte genauso wie ich es dann auch später, ein Alkoholproblem und täglich seinen Rotwein getrunken.
Seine "Hauptkrankheit" ist eine andere.
Er war häufig im Krankenhaus, meine Mutter opferte sich regelrecht für ihn auf.
Wir Kinder ( mein Bruder Alkoholiker,vermutlich ein sehr starker Alkoholiker (wurde NIE in der Familie thematisiert, außer von mir ) wurden dauernd mit Mutters Sorgen konfrontiert.
Da ist es sehr schwer ,loszulassen und sich zu distanzieren.
Ich kenne das sehr gut und das hält bis heute an,dass ich mich nie richtig frei fühle für MEIN Leben.
Ich mag das mit deiner Situation Null vergleichen, weil Lebensgeschichten nie vergleichbar sind.
Aber ich verstehe diese Beklommenheit und Depressionen sehr gut,die mit einer schwierigen Familiendynamik zusammen hängen.
Mein Bruder nahm früher auch Drogen.
Ich kleine Schwester suchte Rat bei den Eltern.
Diese wiederum meinten ,ich spinne total.
Ich war die einzige in der Familie ,die erkannt hat,dass mein Bruder Hilfe braucht ,da er sturzbetrunken heimkam,wenn er überhaupt heimkam oder aber wenn er von mir aus der Neurologie abgeholt werden musste,  weil meine Eltern unbeschwert Urlaub machten.
Ich durfte diese Themen Zuhause nie anschneiden.
Laut meiner Eltern bildete ich mir das nur ein.
Daheim musste HARMONIE herrschen.

Ich war damals total überfordert mit allem und weiß wie schlimm es ist ,dem Verfall zuzusehen und eigentlich keine Handhabe zu haben.
Heute hab ich mich von meinem Bruder distanziert.
Wir haben kaum Kontakt.
Ich weiß, dass ich ihm nicht helfen kann.
Ich hab ja schließlich selbst ein Alkoholproblem..
Aber auch unabhängig davon versuchte ich ,ihn loszulassen.
Er hat seltsame Verhaltensweisen, die auf sehr starken Alkoholismus hinweisen( Aggressionen,Euphorie, starke Wahrnehmungsverzerrungen, Vergesslichkeit und dies stark im Wechsel).
Wenn wir selten telefonieren, ist das immer schlimm für mich ,weil er teilweise schon Züge hat ,wo ich mir vorstellen kann ,dass er starke Hirnveränderungen durch den Alk hat).
Manchmal ist er tagelang nicht erreichbar.

Möglicherweise hab ich meinen eigenen Konsum von Alkohol nie als dramatisch angesehen, weil der Blick auf mein Bruder murysagte,ER hat ein MASSIVES Problem und das ,was mein Bruder konsumiert ist sicher das zehnfache von dem ,was ich trinke.

Jetzt hab ich doch etwas weit ausgeholt.
Sagen wollte ich nur: es ist gut,wenn ma. Sich jeden Tag bewusst macht dass das eigene Leben an erster Stelle stehen muss.
Wie das funktioniert, muss jeder für sich selbst herausfinden.

LG Orangina





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Orangina

  • Gast
Re: Ehe mit einer Alkoholikerin
« Antwort #3 am: 11. Dezember 2020, 13:53:24 »

Hab meinen Beitrag gelesen...und mit der Vogelperspektive drauf geschaut...schon irgendwie verrückt...in meiner Herkunftsfamilie gibt es drei Alkoholiker und 1 Co Abhängige...also mein Vater,mein Bruder und ich sind die drei Trinker und meine Mutter die Co Abhängige.
Und die Dynamiken dazwischen sind auch irgendwie verrutscht.
Dass wir als Familie schon immer eine "besonders komische " Familie waren ,weiß ich,aber mir kommt das jetzt alles noch viel deutlicher sichtbar vor,wie krank wir sind als Familie.
Orangina
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