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Autor Thema: Ich bin neu  (Gelesen 15798 mal)

Orangina

  • Gast
Re: Ich bin neu
« Antwort #15 am: 05. November 2020, 18:08:41 »

Hallo Gerchla
ich danke dir für deine Nachricht.
Ich weiß das im Inneren schon lange, dass ich so nicht weiter machen kann und dass ich reden muss.
Ich habe aber Angst und ich bekomme manchmal gar nicht den Mund auf. Das ist ein altes Thema, das sich vor ca 6 Jahren manifestiert hat, als ich einen Jobwechsel vornahm, bzw eine andere Stelle an einem anderen Ort annahm. Meine Angst manifestierte sich so.
Ich habe studiert, einen notenmäßigen guten Abschluss gemacht, ich habe lange Berufserfahrung und war "gesettelt", souverän und kompetent, was ich auch heute noch bin.
In meinem Beruf gab es nie Probleme und doch hatte ich damals in mir drin ein ganz anderes Bild von mir entwickelt, ich hatte Angst, in ein neues Team zu kommen, ich wurde fast paranoid, weil ich dachte, die lehnen mich alle ab und werden mich nicht akzeptieren.
Da verstand ich zum ersten mal, wie sehr ich Angst vor etwas Neuem entwickelt habe und ich fast gefühlsmäßig gestorben bin, mich zu zeigen, wer ich bin, wie ich bin... aus Angst vor Kritik.
Das Glas Wein verschaffte mir kurzfristig Erleichterung und auch Mut.
Aber ich brauche ja nicht auszuführen, dass genau das Gegenteil der Fall war.
Die Angstspirale wurde immer größer.
In meiner Herkunftsfamilie wurde nie wirklich gesprochen, da hatte alles so zu laufen, wie die Eltern das vorgaben.
Ich habe mich nie getraut zu sprechen und mir scheint, dass das damals vor 6 Jahren ganz deutlich wurde, welche inneren Konflikte und Zerrissenheiten hatte.
Ich habe schon einiges ausprobiert, auch an Psychotherapien, aber heute sehe ich, dass es nie funktionieren konnte, weil ich nie das umsetzen konnte, was gefordert war.
Demnach war meine Strategie: Schweigen und trinken, denn das war für mich einerseits die einfachere Variante und dann natürlich auch durch meinen Rotweinkonsum, die erlösendere.
Mit meinem Mann habe ich mir ein schönes Leben aufgebaut.
Ich wollte es weiter führen, aber ich machte einen Fehler nach dem anderen-und obwohl ich es wusste, dass ich mir immer mehr ins eigene Fleisch schnitt, begann ich mein zweites Leben aufzubauen mit massiven LÜgen, auch vor meinen Freunden, Eltern,---mein Mann ist längst ausgezogen, ich könnte nun endlich die Karten auf den Tisch legen und auch meinen Freunden sagen, was Sache ist, aber ich kann nicht.
Ich weiß, dass es notwendig ist und ich weiß, dass kein Weg an der Wahrheit vorbeigeht. Ich war immer die Verfechterin von Wahrheit...
und jetzt ? Jetzt verurteile ich mich für meine Leben, für das, was ich meinem Mann angetan hab und das schlimme ist, dass ich immer noch an ihm hänge und es aber nicht schaffe, ihn zurückzuholen, anstatt dessen mache ich das zweite Leben weiter, obwohl es mir nicht gut geht damit-anfangs war es wunderbar, aber jetzt ist es nicht mehr.
Ich kann niemanden weh tun, ich denke immer erst an die anderen und verliere mich selbst dabei.
Mir ist rein kognitiv alles klar, was zu tun ist.
Während ich das schreibe, klingt es fast so, dass mein "Doppelleben " oder ich nenne es lieber "andere Leben" ganz ähnlich gestrickt ist wie die Sucht: Man weiß, man sollte es lassen , denn sonst gehts nicht gut aus.
Ich lebe mein anderes Leben weiter, obwohl ich mir damit schade..

In meiner zweimonatigen Abstinenz im Sommer wurde mir alles noch viel klarer und ich konnte es nicht fassen, wie ich das alles zerstört habe, was ich mir aufgebaut habe.
Ich scheine immer in irgendwelchen Konflikten zu stecken, und fühle mich natürlich so, wie wenn das Leben MICH lebt, anstatt dass ich das Leben lebt.
Ich habe immer wieder depressive Tendenzen und manchmal denke ich: ich habe gar keine CHance aus meinem Schlamassel rauszukommen.

Ich freue mich, dass ich heute den fünften Tag ohne Wein habe, also abstinent! UNd das beste: Ich habe keine Lust mehr darauf und ich glaube, dass ich es schaffen kann , weil ich es schaffen will und ich will auch reinen Tisch machen und doch weiß ich, dass das noch ein Weilchen dauernd wird, bis ich weiß, wie ich vorgehe und bis ich genügend Mut gesammelt hab. Schlimm genug, dass ich mich selbst verleugne und mir das selbst zumute, was ich mit mir anstelle und wie ich mich behandle.

ZUrück noch mal zu meinem Jobwechsel von damals.Es hat drei Jahre gedauert, bis ich mich dort eingelebt habe und auch heute gibt es noch Tendenzen des Rückzugs und des Gefühls, nicht angenommen zu sein. Ich bin in diesem Bereich wirklich sehr labil und ich verstehe es manchmal , rein sachlich betrachtet, auch nicht, dass ich so ticke, wie ich bin.
Der Alkohl hatte bei mir die Funktion , zu trösten, zu vergessen, mich mutiger zu fühlen...meine Angst zu reduzieren etc...

Gerchla, weißt du, warum du damals so gelogen hast ? Warum konntest du früher nicht eher die Reißleine ziehen und reinen Tisch machen ? Was waren die Gründe ?
Angst, deine Frau zu verletzen ? Was ist JETZT und HEUTE besser in deinem Leben im Vergleich zu damals ? Mags du davon berichten ?

Sei herzlich gegrüßt, Orangina
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Orangina

  • Gast
Re: Ich bin neu
« Antwort #16 am: 05. November 2020, 18:20:30 »

Hallo GReenfox
ich danke dir für deine Nachricht. Es ist echt eine Leistung, die du da geschafft hast in den letzten Jahren! Der Satz, "Mein Papa ist besoffen und stinkt" muss gesessen haben, das kann ich mir vorstellen.
Das sind so Momente, in denen einem bewusst wird, wie weit man unten ist.
Mein Exmann sagte mir vor Kurzem zu mir:" Du hast mir damals Sachen gesagt, die waren unter der Gürtellinie... " .
Ich wusste gar nicht, was er meinte und ich vermutete schon, dass ich in meinen betrunkenen Zuständen sehr angriffslustig war und vorwurfsvoll werden konnte...ich wurde quasi zu einer Hexe , ich erschrak selbst manchmal vor mir.
Die NOt in mir war groß, ist groß...
und sie brach unter Alkohol leicht nach außen.
Ich fragte ihn dann vorsichtig, was ich denn so alles gesagt hätte, was ihn verletzt hätte. Er sagte es mir. Ich konnte mich nicht erinnern! Das war heftig!UNd meine Scham riesengroß.
Da meinte er dann " weißt du, du hast so viel gesagt, was daneben war, wenn du gesoffen hast."
Das tat weh. Es war das erste mal, dass er das Wort "gesoffen" genannt hat. Zuvor war es immer "Dein WEinkonsum ist manchmal schon bedenklich!"
Er sprach mich schon oft arauf an, aber ich fand immer, er übertreibt.
Wenn ich an all diese Szenen denke, wird es mir ganz anders.
Ich will so nicht mehr sein und ich will mich und mein Leben wieder selbstbestimmen und nicht mehr anders herum.

Grüße, Orangina
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Gerchla

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  • Beiträge: 1418
Re: Ich bin neu
« Antwort #17 am: 06. November 2020, 12:01:13 »

Liebe Orangina,

ich will gerne versuchen Dir meine damaligen Gefühle und Gedanken zu schildern.Und auch was sich geändert hat.

Erst mal dazu:

Zitat
Gerchla, weißt du, warum du damals so gelogen hast ? Warum konntest du früher nicht eher die Reißleine ziehen und reinen Tisch machen ? Was waren die Gründe ?
Angst, deine Frau zu verletzen
Also, erst mal war ich Alkoholiker, also aktiver, trinkender Alkoholiker. Alles was ich vorher mal war, also vor dieser Sucht, war längst in den Hintergrund gedrängt worden. Jahrelange Sucht hatten Spuren hinterlassen. Mein Hirn legte sich, suchtbedingt, die Dinge so zurecht, wie sie der Sucht am besten dienlich sein konnten. Was ich sagen will: Mein Doppelleben wäre in dieser Form sicher niemals möglich gewesen ohne die Sucht. Denn vor dieser Sucht hatte ich noch sowas wie Charakter, wie Moralvorstellungen, sowas wie ein Gewissen. Das alles veränderte sich jedoch mit dem Trinken bzw. meine Werte, etc. waren völlig verzerrt, regelrecht irrational. Rückblickend kann ich sagen, dass ich mit jedem Monat den ich länger trocken war, entsetzter auf das blickte, was ich da eingentlich getan hatte. Und wenn ich das selbst nicht wirklich alles erlebt hätte, wenn ich nicht selbst der Täter gewesen wäre, ich würde sogar daran zweifeln, das sowas überhaupt möglich ist und ich würde auch zweifeln, dass ein Mensch sowas über eine längere Zeit aushalten kann. Aber der Alkohol machte es möglich....

Warum konnte ich nicht raus? Ja, wegen der Sucht. Sie hielt mich darin gefangen, sie hatte mich derart verändert das ich nicht mehr "vernüftig" denken und handeln konnte. Und trotzdem war mir auch klar, dass ich da nicht mehr "heimlich" heraus kommen KANN. Und da kommen wir jetzt zum Punkt "andere verletzen". Ja ich hatte auch Angst meine Frau zu verletzen aber mir war eigentlich auch klar, dass meine Frau mich auf jeden Fall verlassen würde, wenn sie das alles erführe (hier irrte ich, sie wollte mit mir da durch gehen und ich war es dann, der sich von ihr trennte). Was mich gar nicht mal so sehr ängstigte, denn ich spürte schon damals, dass diese Beziehung (durch mich) an die Wand gefahren war. Viel mehr Angst hatte ich davor, was ich meinen Kindern damit antun würde. Ich liebte meine Kinder über alles, trotz Dauersuff. Meine kleine Tochter war einfach alles für mich, mein Großer mein ganzer Stolz.  Ihnen diese Verletzung zuzuführen konnte ich mir niemals vorstellen. Lieber noch so lange wie möglich durchhalten. Und  so dachte ich auch. Wenn sie größer ist, dann..... etc.

Irgendwann war dann aber der Punkt erreicht, wo ich nicht mehr konnte. Das war ganz ungeplant. An einem Abend fiel dann der Satz: Ich bin Alkoholiker und an diesem Abend, den ich nie mehr  vergessen werde, brach dann die Welt meiner Familie zusammen. Und alles war anders, von einer Sekunde auf die nächste. Es wurde "reiner Tisch" gemacht, die einzige Möglichkeit da raus zu kommen. Ich kann es nur wiederholen.

Es folgten die schlimmsten Tage, Wochen und Monate meines bisherigen Lebens. Nie werde ich die trautigen, verzweifelten Augen meiner Tochter vergessen. Glaube mir, es war die Hölle. Für meine Kinder und für meine Frau noch mehr als für mich. Denn sie waren ja unschuldig.

Aber, nach und nach wurde es wieder besser. Langsam und natürlich mit der Grundvoraussetzung, dass ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr trank. Nach und nach konnte ich mein Leben wieder in Griff bekommen. Natürlich war da so viel passiert,  so viel Schuld die mich belastete, dass ich mir Hilfe holen musste. Ein Psychologe, ein Mönch, der eine zentrale Rolle in meinem Leben nach dem Trinken ein nahm, das brauchte ich. Alleine hätte ich es nicht geschafft.

Und so ging es nach und nach aufwärts. Nach etwa einem Jahr ging es mir deutlich besser, ich hatte das Gröbste aufgearbeitet und konnte nun beginnen tiefer in mein Inneres zu schauen. Ich begann meine Zukunft aktiv zu gestalten. Langsam verbesserte sich auch das Verhältnis zu meiner Ex-Frau (ich trennte mich kurz nachdem ich aufgehört habe zu trinken und zog aus), das zu meinen Kindern war zwar anders aber es wurde normaler, besser. Ganz langsam kam Vertrauen zurück.

Und gleichzeitig war ich auch frei für Neues.

Und jetzt dazu:

Zitat
Was ist JETZT und HEUTE besser in deinem Leben im Vergleich zu damals ?
ALLES ist besser wirklich alles. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch. Ich liebe mein Leben, ich bin wahnsinnig dankbar für alles was ich habe. Dadurch, dass ich damals diesen Schritt getan habe (Stichwort:Reiner Tisch und alkoholfreies Leben), bekam ich die Chance auf ein neues Leben. Ein Leben ohne Heimlichkeiten, ein Leben ohne Lügen. Ich wollte NIE mehr lügen (ähm, kleine Höflichkeitslügen schließe ich jetzt mal aus  ;)   ) Ich habe wieder geheiratet, ich wurde nochmal Papa, es ist einfach wunderbar. Ich habe eine gute Beziehung zu meiner ersten Frau, ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen Kindern und auch meine jetzige Frau hat diese gute Beziehung.

Ich greife heute auf all diese schlimmen Erfahrungen zurück um es JETZT besser zu machen. Ich denke oft an diese Erfahrungen um JETZT die Dankbarkeit für das was ich habe, zu spüren. Ich darf jetzt mein Leben gestalten, selbst gestalten. Ich kann jetzt daran arbeiten der Mensch zu werden, der ich gerne sein möchte. Das alles ging damals nicht, ich war fremdgesteuert. Vom Alkohol, von meinem Doppelleben, von meinen Ängsten die daraus resultierten.

Das alles ist schon lange vorbei. Aber ich kann nichts anderes sagen: Es ging nur über den "reinen Tisch". Ohne diesen Schritt wäre es eine never ending story geworden. Manchmal muss man einen Cut machen, ich denke solche Entscheidungen gehören letztlich zum Leben. Klar ist nicht bei jedem eine derartige, und auch noch selbst zu verantwortende Tragweite dahinter, wie das bei mir war. Aber jeder steht irgendwann mal an dem Punkt, wo er Entscheidungen treffen muss. Und je nachdem wie man dann entscheidet verläuft eben das Leben weiter. Bei mir konnte es letztlich nur besser werden. Aber das wollte oder konnte ich jahrlang nicht akzeptieren, auch wenn ich es im innersten trotz meiner Sucht wusste.

Soviel zu meiner Geschichte. Vielleicht kannst Du was für Dich heraus ziehen.

LG
gerchla
Gespeichert

Orangina

  • Gast
Re: Ich bin neu
« Antwort #18 am: 08. November 2020, 16:06:40 »

Hallo AmSee
Ich wollte dir noch sagen,dass ich mit den Klassifikationen nichts anfangen kann..siehe Alpha Beta Trinker etc.
Es reicht mir zu wissen,was mein Problem ist.
Sich darauf zu fixieren ist mir wichtiger.
Ich habe immer gern wegen der Wirkung getrunken und vor allem zur Entspannung, zum Bewältigen von Schwierigkeiten, zum Musikhören...und die Liste könnte ich ewig weiterführen.
Kurzum: Wirkung war wichtig und dann schlitterte ich in diese Gewohnheit ,die schwierig war dauerhaft zu durchbrechen.
Ich lese gern hier und die Erfahrungsberichte bereichern mich und regen zum Nachdenken und Reflektieren an.
Über eines aber stolpere ich immer wieder und das ist die Bezeichnung " ich bin Alkoholiker"...
Alkoholiker ist jemand,der aktuell trinkt,aber nicht jemand, der seit Jahren nicht mehr trinkt.
Durch diese Bezeichnung reduziert man sich auf ein Problem.
Der Mensch an sich wird dadurch weiterhin krank gehalten.
Ich war mal Raucherin.
Seit etlichen Jahren rauche ich nicht mehr.
Also sage ich doch auch nicht " ich bin Raucherin und rauche seit Jahren nicht mehr!".
Ich bin ab dem Tag ,an dem ich nicht mehr dieses Suchtmittel konsumiere,abstinent.
Und ich bin jetzt wieder seit 1 Woche Nichttrinkerin und mir geht es sehr gut damit und ich will es bleiben.
Ich weiß, dass es schwierig ist ,dran zu bleiben

Aber schlimm finde ich ,wenn man sich ein Leben lang als Alkoholiker bezeichnen muss und sich damit seine Krankheit dauernd vor Augen hält, obwohl man seit Jahren abstinent ist.
Da vermittelt man sich selbst doch ein ganz falsches Bild.
Viele Grüße und schönen Sonntag
Gespeichert

Orangina

  • Gast
Re: Ich bin neu
« Antwort #19 am: 08. November 2020, 16:15:30 »

Hallo Gerchla
Danke für deine lange Ausführung.
Ich kann nun viel besser nachvollziehen, was dich damals bewegt hat.
Ich konnte einiges für mich rausziehen aus deinem Bericht.
Mir wird auch immer bewusster,auch damals in meiner Abstinenz im Sommer dass das alte Leben so nicht mehr weitergeht.
Vieles muss und will aufgeräumt und geklärt werden ,alles,was noch mit dem Trinkerleben zusammen hängt.
Seit 1 Woche bin ich abstinent und ich habe das auch wieder bewusst entschieden ,aus innerer Überzeugung, weil ich so nicht weiter machen will und ich merke,wie erleichtert ich bin ,nicht mehr meinen lang benötigten Rotwein zu trinken.
Ich habe seitdem kein Verlangen mehr gehabt und fühle mich gut, klar und nüchtern zu sein.
Ich bin auch körperlich fitter.
Möge es so bleiben.
Schöne Grüße
Orangina
Gespeichert

AmSee13

  • Gast
Re: Ich bin neu
« Antwort #20 am: 08. November 2020, 19:25:25 »

Hallo Orangina!

Ich wollte dir noch sagen,dass ich mit den Klassifikationen nichts anfangen kann..siehe Alpha Beta Trinker etc.
Es reicht mir zu wissen,was mein Problem ist.

Das kann ich gut nachvollziehen. Mir fällt es auch schwer, mich ganz einer dieser Kategorien zuzuordnen. Ich fand ganz lustig und passend, was Simon Borowiak in seinem Buch „Alk“ dazu geschrieben hat: "Ich persönlich mag Jellinek nicht. Er nervt mich. Während meines ersten Besuches bei einer Suchtberaterin wurde mir der Jellinek vorgelegt und die obligatorische Frage gestellt: »Wo würden Sie sich einordnen?« Meine Antwort lautete: »Ja, nirgends! Bzw. überall ein bisschen! Diese Unschärfe! Z. B. der Quartalssäufer (meine Wenigkeit): Nach Jellinek bin ich Epsilon-Trinker. Episodischer Trinker. Okay. Aber ich bin auch Problemtrinker. Und manchmal süchtiger Trinker. Und bisweilen auch Gelegenheitstrinker ohne Kontrollverlust und/ oder Entzugserscheinungen. Ja, was denn nun, Herr Jellinek? Alpha, beta, pi mal Daumen? Bin ich überhaupt Alkoholiker? Oder nicht vielleicht doch eher Missbraucher bzw. schädlich Gebraucher?« Diese differenzierten Überlegungen kamen nicht gut an. Die Suchtberaterin verzog wissend das Beamtengesicht und bescheinigte mir kurz und bündig »mangelnde Krankheitseinsicht«."

 – ALK: Fast ein medizinisches Sachbuch - jetzt aktualisiert! von Simon Borowiak

Andererseits wiederum hat mir diese Einteilung geholfen, mir darüber klar zu werden, dass ich ein Problem habe bzw. dabei bin, ein ernsthaftes Problem zu entwickeln.

Zitat
Ich habe immer gern wegen der Wirkung getrunken und vor allem zur Entspannung, zum Bewältigen von Schwierigkeiten, zum Musikhören...und die Liste könnte ich ewig weiterführen.

Das kommt mir, wie du gewiss weißt, weil du‘s bei mir gelesen hast, sehr bekannt vor.
Und darin liegt ja schon das Problem. Mein Arzt hat mich schon früher mal deswegen gewarnt, aber ich hab das verdrängt bzw. nicht an mich herangelassen. Inzwischen sehe ich ein, welche enorme Gefahr dieses Alkohol-wegen-seiner-Wirkung-trinken für mich hat.

Zitat
Über eines aber stolpere ich immer wieder und das ist die Bezeichnung " ich bin Alkoholiker"...
Alkoholiker ist jemand,der aktuell trinkt,aber nicht jemand, der seit Jahren nicht mehr trinkt.
Durch diese Bezeichnung reduziert man sich auf ein Problem.
Der Mensch an sich wird dadurch weiterhin krank gehalten.

Ich kann deine Schwierigkeit nachvollziehen, aber Alkoholismus ist nun einmal eine Krankheit, die man, wenn sie einen einmal erwischt hat, nie wieder ungeschehen machen kann. Wie du bei nicht wenigen hier nachlesen kannst, können sie auch nach Jahren der Abstinenz von sich nicht sicher sagen, dass sie ungefährdet ein Glas Alkohol trinken könnten. Wer sich von sich sagt „Ich bin Alkoholiker.“ gesteht sich ein, dass er die Alkoholkrankheit hat. Meiner Ansicht nach gehört angesichts dessen, was in unserer Gesellschaft doch so normal ist, viel Mut dazu, sich als Alkoholiker zu outen. Mut gegenüber den anderen, aber auch Mut gegenüber sich selbst.
Du sprichst das Rauchen an. Nach meiner Beobachtung passt der Vergleich nicht so recht und zwar aus verschiedenen Gründen, die ich jetzt aber nicht alle aufzählen möchte.
Achte mal darauf, wie oft in Fernsehsendungen, im Film, bei gesellschaftlichen Ereignissen Alkohol konsumiert wird. Es scheint die Norm zu sein, bei allen möglichen Gelegenheiten Alkohol zu konsumieren. Ein Alkoholiker darf das nicht mehr, weil das für ihn (und seine Lieben) üble Konsequenzen hätte. Er gehört somit nicht mehr dazu und das für immer. Sich das selbst und anderen mit der Bezeichnung „Ich bin Alkoholiker.“ klarzumachen, ist in dem Zusammenhang ein mutiges Bekenntnis.
Man muss es ja nicht unbedingt jedem auf die Nase bin, wenn man nicht will. Es haftet dieser Bezeichnung hier in Deutschland ja leider noch ein gewisses Stigma an. Ich für meinen Teil werde in Zukunft nur sagen, „Danke, ich trinke nicht.“ und vielleicht dazu noch „Ich muss Medikamente nehmen, die sich überhaupt nicht mit Alkohol vertragen.“, was bei mir im Übrigen auch tatsächlich der Fall ist. So dürfte ich schnell Ruhe haben.

Zitat
Aber schlimm finde ich ,wenn man sich ein Leben lang als Alkoholiker bezeichnen muss und sich damit seine Krankheit dauernd vor Augen hält, obwohl man seit Jahren abstinent ist.
Da vermittelt man sich selbst doch ein ganz falsches Bild.

Ich sehe das anders, denn selbst wenn ein Alkoholiker jahrzehntelang abstinent war, kann es sein, dass er total abstürzt, wenn er wieder Alkohol trinkt.
Wie gesagt, man gesteht sich selbst ein, dass man eine Krankheit hat.
Ich weiß aber auch aus eigener Erfahrung, dass, wer jahrelang erfolgreich abstinent ist, nicht mehr oft betont, dass er Alkoholiker ist, außer in SHG oder hier im Forum, weil für ihn oder sie Alkohol nicht mehr wichtig ist.
Und  außerdem: Niemand zwingt dich, dich als Alkoholikerin zu bezeichnen.


Zitat

Und ich bin jetzt wieder seit 1 Woche Nichttrinkerin und mir geht es sehr gut damit und ich will es bleiben.

Und das ist doch prima!

Ich bin an dem Punkt, dass ich mich sehr mit dem Gedanken anfreunde, nie wieder Alkohol zu trinken, und dieser Gedanke schreckt mich immer weniger, je mehr ich mich mit der Materie und mir selbst beschäftige.

Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg, bis....
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Greenfox

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Re: Ich bin neu
« Antwort #21 am: 08. November 2020, 22:23:58 »

Aber schlimm finde ich ,wenn man sich ein Leben lang als Alkoholiker bezeichnen muss und sich damit seine Krankheit dauernd vor Augen hält, obwohl man seit Jahren abstinent ist.
Da vermittelt man sich selbst doch ein ganz falsches Bild.

Niemand MUSS sich als Alkoholiker/in bezeichnen.
Man sollte sich aber immer klar machen, im Hinterkopf behalten, dass auch nach Jahren der Abstinenz immer noch die Sucht in einem lauert. Ich habe leider etliche Menschen kennengelernt, die auch nach 10, 20 Jahren der Abstinenz wieder rückfällig geworden sind. So unter anderem auch mein "Mentor", der mich zu Arbeit in der Suchtselbsthilfe gebracht hat - nach fast 20 Jahren hat er aus mir unbekannten Gründen wieder zur Flasche gegriffen und sich zu Tode gesoffen  :'(

Wenn man das nicht im Hinterkopf hat, DANN vermittelt man sich selbst ein falsches Bild!

Gruß
Greenfox
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Re: Ich bin neu
« Antwort #22 am: 08. November 2020, 23:20:59 »

Sehe ich absolut genauso wie Greenfox...ab dem Moment, wo ich mich nicht mehr als Alkoholikerin bezeichne komme ich (für mich) Vom Weg ab. Alkoholismus ist eine Krankheit, ich habe sie, wenn ich trinke und wenn ich nicht trinke auch,es ist nun mal so. Wenn ich anfange diesen so wichtigen Aspekt meiner Person nicht mehr für wahr zu nehmen, zu vernachlässigen und vielleicht auch nur kurz zu vergessen, dann bin ich ganz klar auf dem absteigenden Ast. Es ist wie wenn ich auf einem Boot leben würde und eines Tages nicht mehr dazu stehen kann ein Nicht-Schwimmer zu sein...naja dann wird es gefährlich. Ich MUSS mir das auch nicht täglich sagen, aber ich mache es,weil es immense wichtig ist es mir zu verinnerlichen.Solange bis 100%-Ige Akzeptanz und 100-Ige Sicherheit eintreten kann. Denn wie von Greenfox beschrieben sind auch in meiner Gruppe Leute die nach x-Jahren plötzlich wieder anfingen zu trinken. Es gibt auch Gründe weshalb ganz viele Langzeitabstinente in der Suchthilfe tätig sind, immer noch wöchentlich oder mehr zu Meetings gehen...einerseits um zu helfen und andererseits um nicht zu vergessen.
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Gerchla

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Re: Ich bin neu
« Antwort #23 am: 09. November 2020, 10:48:59 »

Guten Morgen Orangina,

dazu möchte ich Dir noch was schreiben:

Zitat
Seit 1 Woche bin ich abstinent und ich habe das auch wieder bewusst entschieden ,aus innerer Überzeugung, weil ich so nicht weiter machen will und ich merke,wie erleichtert ich bin ,nicht mehr meinen lang benötigten Rotwein zu trinken.
Ich habe seitdem kein Verlangen mehr gehabt und fühle mich gut, klar und nüchtern zu sein.
Bei mir was das ja eine ungeplante "Blitzentscheidung". Trotzdem war mir von diesem Moment an klar: ich WILL nie mehr trinken! Und ich werde dafür ALLES tun.

Das war dann auch der große Unterschied zu all den anderen Versuchen mit dem Trinken aufzuhören. Bei diesem, bisher letztem Mal, wollte ich wirklich nicht mehr und ich wollte alles dafür tun. Und es fühlte sich von anfang an sehr klar an. Ich hatte auch großes Glück, dass ich nicht von Suchtdruck gebeutelt wurde. Viele müssen hier ja ganz heftige Kämpfe durchstehen um dann über die Zeit langsam da heraus zu kommen. Das blieb mir weitesgehend erspart und ich denke nicht, dass das eine besondere Leistung von mir war. Körperlich hatte ich leichte Entzugssymptome, wie z. B. starkes Schwitzen vor allem nachts und auch eine ziemliche Unruhe, auch bevorzugt in der Nacht. Aber damit konnte ich gut umgehen und es ging relativ schnell vorbei.

Psychisch ging es mir natürlich nicht gut, aber das führte nicht dazu, dass ich Gedanken hatte, dass durch trinken verbessern zu können.
Jedoch möchte ich Dir auch sagen, dass ich im Laufe meiner ersten trockenen Monate durchaus an Grenzen kam. Eine war eben die Beschäftigung mit meiner Schuld, die mich so sehr belastete. Und auch wenn ich kein akutes Verlangen danach hatte wieder zu trinken, war ich mir sehr sicher, dass ich diesen Druck auf Dauer nicht aushalten kann. Ich wäre daran kaputt gegangen, ich sage jetzt mal, entweder dadurch das ich doch wieder zur Flasche gegriffen hätte oder aber dadurch, dass ich anderweitig psychisch zugrunde gegangen wäre.

Da ich aber ja von Anfang an bereit war mir helfen zu lassen, war es gar keine Frage für mich und ich holte mir sofort Hilfe. Wobei, mein erster Weg war der zum Psychologen und da musste ich erst mal viele Wochen auf einen Termin warten und diese Zeit musste ich irgendwie überbrücken. Um dann festzustellen, dass er nicht der Richtige für mich war. Aber egal, dann halt weiter suchen. Es ging einfach um viel zu viel als das ich es schleifen hätte lassen wollen oder gar aufgeben hätte wollen.

Was ich Dir sagen will: Sei und bleib immer wachsam. Es ist toll, wenn Du die erste Woche jetzt so gut und positiv überstanden hast. Aber es können auch mal andere Zeiten kommen und darauf solltest Du vorbereitet sein. Wenn Du das bist, dann wirst Du auch schwierigere Zeiten ohne Alkohol meistern.

Zitat
Aber schlimm finde ich ,wenn man sich ein Leben lang als Alkoholiker bezeichnen muss und sich damit seine Krankheit dauernd vor Augen hält, obwohl man seit Jahren abstinent ist.
Da vermittelt man sich selbst doch ein ganz falsches Bild.
Dazu hast Du ja schon ein paar Meinungen gehört.

Ich denke mal, Du denkst so, weil Du diese Krankheit als ein Stigma, als eine Schwäche (Deinerseits) emfpindest. Warum denn eigentlich? Du bist Alkoholikern. Jemand anders ist Diabetiker. Jetzt kannst Du natürlich sagen, der Diabetiker ist aber ja nicht "schuld" an seiner Krankheit, Du aber schon. Aber stimmt das wirklich? Es hat doch Gründe gegeben, weshalb Du mit dem Trinken angefangen hast. Diese Gründe, die Du vielleicht in ihrer Tiefe noch gar nicht kennst, führten dazu, dass Du diese psychische Krankheit entwickelt hast. Meine Gründe, und ich denke da kommen meist mehrere zusammen, lagen z. B. in meiner Kindheit und teilweise auch in meiner Familie. Das ganze kombiniert mit dem, was einem das Leben sonst noch so an einschneidenden Erfahrungen mit gibt und zack, rutscht man in diese Krankheit hinein. Es ist längst erwiesen, dass das nicht mit Schwäche oder Disziplinlosigkeit zu tun hat.

Ich weiß auch, dass das "die Gesellschaft" noch zu großen Teilen anders sieht. Aber wie bei so vielen anderen psychischen Erkrankungen hat ein Großteil der Gesellschaft davon ja überhaupt keine Ahnung! Es ist wichtig, dass Du selbst weißt wer und was Du bist. Und es ist noch wichtiger, dass Du Dich für das veruteilst was Du bist sondern das Du mit Dir und Deinem Leben im Reinen bist.

Und dann kannst Du das "ich bin Alkoholiker" völlig entspannt sehen. Und es bedeutet ja auch nicht, dass Du herum laufen musst und es jedem erzählen musst. Je länger Du ohne Alkohol lebst, desto normaler ist das auch für Dein Umfeld. Man ist dann einfach ein Mensch, der keinen Alkohol trinkt. Und auch wenn "man" sich das vielleicht nicht vorstellen kann: Davon gibt es ziemlich viele. Mir war das auch nicht bewusst, ich habe das erst wahr genommen, als ich längere Zeit ohne gelebt habe. Vielleicht auch deshalb, weil sich das eigenen Umfeld langsam in Richtung alkoholarm oder sogar alkoholfrei verändert.

Ich würde deshalb sagen: Es geht jetzt erst mal darum, mit Dir und Deinem Leben ins Reine zu kommen. Das ist für mich die Basis für ein dauerhaftes Leben ohne Alkohol. Und wenn Du das hinbekommst, dann erledigen sich alle anderen Dinge quasi von selbst.

Alles Gute für Dich!

LG
gerchla
Gespeichert

Orangina

  • Gast
Re: Ich bin neu
« Antwort #24 am: 09. November 2020, 19:12:47 »

Hallo zusammen
ich danke euch für eure Rückmeldungen.
Zuerst einmal fällt mir auf, wie respektvoll hier der Austausch stattfindet. Das finde ich nicht selbstverständlich.
Eure Anmerkungen zum Thema "Alkoholiker" finde ich interessant und doch habe ich eine andere Meinung.
Die Klassifizierung "Depressiv", Alkoholiker" etc sind in der Gesellschaft noch sehr stark stigmatisiert  und es ist nach wie vor ein Tabuthema.
Allerdings bei mir NICHT.
Ich habe aber ein Problem damit, sich selbst immer so zu bezeichnen, wenn man selbst rausgekommen ist aus der Sucht. Der Begriff reduziert den Menschen und bezeichnet ihn in dem Moment falsch, da es ja nicht mehr stimmt, wenn man als Nichttrinker noch Alkoholiker ist.
Mir ist aber durchaus bewusst, dass jeder sehr wohl aufpassen muss, dass es nicht wieder so weit kommt.
Mir ist auch klar, dass es kein leichter Weg ist und das weiß ich aus eigener Erfharung. Die Auseinandersetzung mit der Thematik muss stattfinden, man muss sich bewusst sein, was es für einen selbst bedeutet und vor allem, dass zig Versuche, einfach aufzuhören nicht funktionieren über den Willen und den Verstand.
Genau da habe ich verstanden und begriffen , dass ich ein massives Problem mit Alkoholkonsum habe und einfach nihct nur so aufhören kann.
Im Prinzip trinke ich seit Jahren kontrolliert , indem ich immer irgendwelche Zeichen in mein Kalender schreibe um am Monatsende zu sehen, wie viel ich konsumiert habe.
Jeder Tag, der frei war von Alkohol war ein guter Tag.
Jeder Tag mit Alkohol war ein Scheiß Tag (im Nachhinein betrachtet)und mich hat es frustriert zu sehen, wie viele Scheiß Tage ich schon wieder zusammengesoffen habe.
Im Prinzip war es ein Versuch, mich zu kontrollieren mit dem Ergebnis, die Kontrolle verloren zu haben, ..aber wie oft redete ich es mir schön... ist doch nicht schlimm, wenn man mal wieder 3 Gläser Bordeaux getrunken hat.
Die Tricks im Kopf sind ungeheuer stark, an manchen Tagen wollte ich nicht trinken, nahm es mir fest vor und bin dann abends wie ein Zombie los und hatte  Lust zu trinken.
Diese Gier hat mich erschüttert, aber ich konnte sie nicht ausschalten . Der Alkohol bestimmte mein Leben.
Das konnte ich oft nicht wahrhaben.
Meine längste abstinente Zeit waren 2 Monate.
UNd diese zeigten mir dann , ich schaff es doch... also kann ich wieder mal ein Glas trinken. Das war natürlich ein Trugschluss, denn es blieb nie bei diesem einen harmlosen Glas. Jetzt sind es 8 Tage ohne Alk und ich will es diesesmal wirklich durchziehen.
Trotzdem spüre ich in mir drin manchmal ein leises Ziehen der Wehmut.
Aber wenn ich mir Gedanken darüber mache, widert mich das alles schon immer mehr an.
Aktuell, während ich dies hier schreibe, kann ich mir das gar nicht vorstellen, etwas zu trinken. UNd wie gern hab ich früher geschrieben (mails etc) und nebenher eine ganze Flasche gebechert, was hab ich das genossen, diese "Gemütlichkeit", dabei war es eifach nur eine Suchtbefriedigung.
Das Loskommen von der Zigarette war heftig ,auch ich hab mehrere Anläufe gebraucht bis zum endgültigen Aus.
Ich bin ca 14  Jahre rauchfrei... oder gar schon länger. Irgendwann hat das keine Rolle mehr gespielt.
Aber ich WEISS, dass ich wieder Raucherin wäre, wenn ich eine einzige Zigarette rauchen würde.
Ich weiß noch sehr genau, wie ich damals geraucht hab und wie süchtig ich war. Ich bin sehr stolz, diese Sucht überwunden zu haben .Das gleiche wünsche ich mir auch für die Alkoholsucht.


Gespeichert

Rekonvaleszent

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  • Beiträge: 699
Re: Ich bin neu
« Antwort #25 am: 09. November 2020, 19:50:26 »

Hallo!

Auch ich habe anfangs hinsichtlich deiner Einschätzung als Alkoholiker so gedacht wie Du. Das hat sich aber im Laufe der Zeit gelegt. Du bst erst kurz dabei, gib dir doch einfach die nötige Zeit, deine Abstinenz, die Du anstrebst, reifen zu lassen.

Körperlich war ich sehr schnell entgiftet, bis sich jedoch das Gehirn und die Psyche von dem jahrelangen Abusus erholt hatten, das dauerte, eher Jahre als Monate.

Mit der Zeit gelang es mir, meinen Frieden mit meiner Krankheit, die immer noch tief in mir schlummert, zu machen. Ich habe mir diese schlecht beleumundete Krankheit nicht freiwillig ausgesucht. Ich trage für sie die Verantwortung.

Es gibt auch andere lebensgefährliche Krankheiten, die z.B. intensive medizinische Behandlungen über OPs, Bestrahlungen und/oder erheblicher Medikation erfordern. Das muss ich alles nicht tun bzw. über mich ergehen lassen. Im Vergleich dazu habe ich eine absolut einfach zu handhabende Krankheit.

Genauer gesagt, ich muss eigentlich gar nichts aktiv tun, ich muss nur etwas unterlassen, nämlich Alkohol zu konsumieren.

Ich kann nicht mit Alkohol umgehen, das stimmt. Andere können es. Dafür kann ich vielleicht Dinge, die andere nicht so gut beherrschen. So einfach ist es mittlerweile für mich.

Vielleicht hilft dir ja eine Unterscheidung zwischen aktiv und passiv. Ich sehe mich als passives Mitglied im "Club der Alkoholiker".

Ich gebe dir den Tipp, dir mal den 3-Teiler "Der Trocken-Doc" anzuschauen. Einfach mal googeln. Darin taucht der absolut zutreffende Vergleich auf: "Alkoholismus ist eine Einbahnstraße, es gibt keine Rückkehr in ein früheres Stadium."


Gruß
Rekonvaleszent
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gerd48

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Re: Ich bin neu
« Antwort #26 am: 10. November 2020, 07:29:57 »

Anstatt kontrolliert zu trinken, (ist ja ein weiter Begriff, kann von 1 Glas bis x Flaschen sein), habe ich am Anfang der Abstinenz kontrolliert nicht getrunken.
D.h., jeden Tag einen Haken auf dem Wandkalender gemacht, da kamen einige Monate von Erfolgserlebnissen zusammen, bis ich das einstellte.

LG Gerd
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Greenfox

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Re: Ich bin neu
« Antwort #27 am: 10. November 2020, 09:34:18 »

Es ist doch vollkommen egal, ob Du Dich nun als "Alkoholiker", "alkoholkrank/-unverträglich/-intolerant", "Eierkuchen", "wubdulend" oder sonstwie bezeichnest - das ist sowas von total egal.
Hauptsache, Du weisst, was es für Dich bedeutet - und handelst entsprechend.

Und ich finde auch sehr wichtig: Feiere Dich nicht dafür, dass Du den Ausstieg aus der Sucht geschafft hast - und vergiss darüber, dass diese immer noch in Dir schlummert!

Und zum Thema "kontrolliert trinken" äußere ich mich nicht mehr - das ist mir viel zu anstrengend. Genau wie es mir das KT war ...

Gruß
Greenfox
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Gerchla

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Re: Ich bin neu
« Antwort #28 am: 10. November 2020, 09:40:46 »

Guten Morgen Orangina,

ich möchte nochmal was zum Thema "Alkoholiker" bzw. ob man sich als solchen bezeichnet oder nicht sagen.

Im Grunde ist ein nicht mehr trinkender Alkoholiker ab einem bestimmten Zeitpunkt dann ja ein trockener Alkoholiker. Würde man also gefragt werden, warum man keinen Alkohol trinkt, wäre die "korrekte" Antwort wohl: Weil ich trockener Alkoholiker bin.

Aber das klingt nun auch nicht charmanter, wenn man mal ehrlich ist.

Aber weißt Du was? Im Grunde ist das doch alles völlig egal. Was Du wem sagst und was Du selbst über Dich sagst oder denkst bleibt Dir überlassen. Ich habe kein Problem damit mich als Alkoholiker zu bezeichnen, auch nach Jahren der Abstinenz nicht. Aber ich erzähle das bei weitem nicht jeden. Und weißt Du warum? Weil ich festgestellt habe, dass man Menschen damit völlig unvorbereitet treffen kann und diese dann ziemlich in Verlegenheit geraden. Darum sage ich bei den äußerst selten auftretenden Gelegenheiten, wo mich mal jemand danach fragt warum ich nichts trinke, dass es eine Lebenseinstellung von mir ist und das ich natürlich auch schon andere Zeiten hatte.Welche ich aber als nicht besonders zuträglich für mich empfunden habe. Und dann kann sich mein Gegenüber selbst entscheiden, ob er diese Diskussion vertiefen möchte oder ob er/sie es einfach so stehen lässt. Bis auf ein einziges Mal hat nie jemand weiter nachgefragt. Dieser eine Mensch hat dann aber natürlich von mir eine offenen Antwort erhalten und daraus entstand dann eine sehr interessante Diskussion.

Aber Alkoholiker hin, nicht Alkoholiker her, im Grunde kommt es nur darauf an:

Zitat
Jetzt sind es 8 Tage ohne Alk und ich will es diesesmal wirklich durchziehen.

Du willst es jetzt durchziehen und nur darauf kommt es an. Und ob Du Dich in zwei oder drei Jahren dann noch als Alkoholikerin siehst oder als was auch immer, ist im Moment völlig unwichtig. Darüber wirst Du wahrscheinlich, wenn Du Deinen Weg dauerhaft ohne Alkohol gehen kannst was ich Dir von Herzen wünsche, irgendwann mal schmunzeln.

Alles Gute für Dich!

LG
gerchla
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Orangina

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Re: Ich bin neu
« Antwort #29 am: 13. November 2020, 10:13:18 »

Ich danke Euch für eure Beiträge.
Ich lese immer wieder und stelle fest, dass mir es hilfreich ist ,für mich weiterzukommen und auch dran zu bleiben. Momentan fällt es mir sehr leicht, abstinent zu sein. In .einem Kopf ist wie ein Schalter umgelegt. Uch habe mich für die Nüchternheit entschieden und ich weiß natürlich, dass ich mich dadurch alleine nicht in Sicherheit wiegen darf. Momentan geht es mir sehr gut. Meine Abende ohne Rotwein genieße ich sogar noch mehr. Wenn ich ins Bett gehe,stelle ich fest,dass ich gar keine Gedanken an Alkohol hatte. Das ist super. Ich weiß, ich muss wachsam bleiben.
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