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Autor Thema: Covid und Depression und Druck  (Gelesen 6691 mal)

ichso

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #30 am: 09. Januar 2021, 20:42:31 »

@Rekonvaleszent: (Immer noch ein schwerer Name für mich, lächel...)

Ja, in der Nachschau waren da schon Warnsignale. Der Mann war schon älter, kurz zuvor berentet. Die Lebensaufgabe war also weggebrochen. Er und seine Frau waren dem Anschein nach nicht mehr wirklich "Liebende". Solche Dinge. Konkret haben wir uns damals in den Gruppen ausführlich mit dem Thena "nasse Gedanken" befasst, also "ich bin ja jetzt so lange stark..." "mein Kumpel kriegt es doch auch hin mit dem kontrollierten Trinken..." "ich bin jetzt schon so alt, noch so jung - und dann niiiiie mehr..."

Und deswegen ist wohl: Nur heute nicht. Bei mir so stark hängengeblieben.

Demut oder Respekt? Da bin ich deiner Meinung, welcher Begriff ist peripher - Hauptsache, es hilft :)

@Rina: Das ist ein großes Problem für die Gruppen. Auf der einen Seite wollen wir (ich nehme jetzt mal alle Suchthilfegruppen in ein Boot, korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liege) einen suchtfreien Raum schaffen bei den Gruppenabenden. Zum Schutz auch der Entzogenen und weil die Gespräche ja auch mehr Sinn machen, wenn alle nüchtern sind. Auf der anderen Seite aber überall (Flyer, Internet usw.) das Angebot für jede/n, die Gruppe bei Fragen/Problemen zu besuchen.
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britt

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #31 am: 09. Januar 2021, 23:17:15 »

Hallo!
Ich habe mehrfach von langjährig Abstimnenten gehört, man müsse sich die Demut vor dem Alkohol bewahren. Der Begriff der Demut ist mir persönlich zu unterwürfig.
Gruß
Rekonvaleszent
in meiner Gruppe sagte mal jemand:
Demut bedeutet ein bescheidenes Gemüt zu haben. Demut sei nichts anderes als sich von Hochmut zu befreien. Und erst wenn du demütig (gegenüber dem Alkohol ) bist, hast du auch Respekt vor ihm. Passt für mich.
LG Britt
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~ bevör ik mi nu opregen deed, is dat mi lever egaal ~

Rekonvaleszent

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #32 am: 10. Januar 2021, 11:49:16 »


Ja, in der Nachschau waren da schon Warnsignale. Der Mann war schon älter, kurz zuvor berentet. Die Lebensaufgabe war also weggebrochen. Er und seine Frau waren dem Anschein nach nicht mehr wirklich "Liebende". Solche Dinge. Konkret haben wir uns damals in den Gruppen ausführlich mit dem Thena "nasse Gedanken" befasst, also "ich bin ja jetzt so lange stark..." "mein Kumpel kriegt es doch auch hin mit dem kontrollierten Trinken..." "ich bin jetzt schon so alt, noch so jung - und dann niiiiie mehr..."

Hallo!

Mir stellt sich bei Rückfälligen stets die Frage, ob sie wirklich rückhaltlos zu ihrer Abstinenz standen oder nicht doch noch irgendwo im Verborgenen, im hintersten Hirnstübchen der Gedanke schlummerte, irgendwann gehe doch noch mal was mit dem Alk? Stand ihre Abstinezentscheidung unter einem geheimen Vorbehalt?

So lange derartige Gedanken im Hirn herumspuken, wird's schwer.

Der Verweis auf Herrschaften, die behaupten, sie bekämen das mit dem sog. Kontrollierten Trinken hin, ist ein Trugschluss. Wir wissen nicht, ob der Proband des KT überhaupt ehrliche Angaben zu seinem wahren Konsum macht. Der gesundheitlich unbedenkliche und gerade noch tolerierbare Höchstkonsum liegt bei einem erwachsenen Mann bei 5 Flaschen Bier (0,5l) die Woche. In diese Höchstmenge sind auch die Einheiten einzuberechnen, die im Urlaub, an Geburts- und Feiertagen, festen und Veranstaltungen gebechert werden.

Ich persönlich kenne keinen persönlich, der KT im Griff hat. Wenn ich den Alkohol kontrollieren muss, kontrolliert er in Wirklichkeit mich, da er mich und meinen Tagesablauf beherrscht. ;)

Gruß
Rekonvaleszent
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ichso

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #33 am: 10. Januar 2021, 14:00:51 »

Mmmhhh... da bin ich geteilter Meinung.

Also bei dem kontrollierten Trinken bin ich ganz bei dir. Ich kenne auch niemanden und halte es aus den von dir genannten Gründen auch für Bullshit. Nicht umsonst schaue ich für mich auch nach über 13 Jahren immer noch nach der Lebensmittelzutatenliste.

Aber wenn der Abstinenzgedanke unter einem geheimen Vorbehalt steht, ist er möglicherweise so geheim im Unterbewusstsein, dass er irgendwann zuschlagen kann, ohne dass wir das bewusst wollen?

Meine Exthera meinte letztes Jahr, nur 13% schaffen es über 5 Jahre raus aus der Sucht. Zum Vergleich: Dem Krebs, den ich hatte, wird eine Überlebenschance von 76% zugeschrieben. Weiß jetzt nicht, ob der Vergleich hinkt, aber ich weiß auf jeden Fall ganz viel über die Tücken des Unterbewusstseins. Bin froh, dass ich über die suchtfreien Jahre soviele gute LehrerInnen hatte <3 Auch ein Grund, warum ich wieder hier mitschreibe.

Gegen das Vergessen. Auch bei der Sucht.
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Rekonvaleszent

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #34 am: 10. Januar 2021, 15:03:25 »

Bei Zahlen bin ich sehr vorsichtig. Häufig wird nicht mitgeteilt, auf welcher Grundlage sie erhoben wurden. Wieviele Probanden wurden denn befragt? Ist die Zahl der Interviewten zu niedrig, ist das gewonne Ergebnis wenig brauchbar.

Was heißt 13%? Leute ohne Rückfall in den ersten 5 Jahren? Was ist mit den anderen 87%, saufen die sich alle zu Tode oder nehmen viele noch einen oder mehrere Anläufe und steigen dann in die Liga der 13 auf?

Seriöses Zahlenmaterial scheint es nicht zu geben, außer der Erkenntnis, dass es viele halt nicht schaffen, sich dauerhaft vom Alk zu lösen und Rückfalle bei bei vielen zu erwarten sind.

Schon mein Therapeut ging davon aus, dass etliche Teilnehmer meiner ambulanten Therapie nach einiger Zeit wieder bei der Suchtberatung aufschlagen werden.


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ichso

  • Gast
Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #35 am: 10. Januar 2021, 18:21:19 »

Wo die Thera die Prozentzahl her nahm und wie die sich zusammensetzt, weiß ich leider nicht.

"Normalerweise" bin ich sowieso kein Freund w/m/d von Zahlen und Statistiken, da ich ziemlich als erstes beim Blauen Kreuz lernte, von mir zu sprechen und nicht von "man" oder "andere".

Hatte die Zahlen nur als Vergleich nutzen wollen, wegen meiner Befürchtung, dass bei mir das geheime Verlangen nach welchen Suchtmitteln auch immer, so geheim ist, dass es mich trotz längerer Abstinenz aus den Schuhen haut.

Obwohl ich mit ganzem Herzen (nee, stimmt ja auch nicht mehr, mein Herz ist auch schon bisschen kaputt...) also mit meinem ganzen bewussten Sein nicht mehr drauf reinfallen will.

Will sagen: Wenn es statistisch gesehen so schwierig ist, trocken zu bleiben, fürchte ich die Gedanken, die im hintersten Gehirnstübchen schlummern. Weil ich zusätzlich eben fürchte, dass mein Bewusstsein die nicht wahrnimmt. Erst wenn es zu spät ist. Das wäre ein GAU :(

Und jetzt beim schreiben frage ich mich gerade, wo die dolle Angst grad herkommt? Von meinem Beispiel des Menschen, der nach 23 trockenen Jahren "überwältigt" wurde. Trotz Werkzeugen, Klugheit und allem...
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Rina

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #36 am: 11. Januar 2021, 07:58:59 »

Guten Morgen!

Aus meiner persönlichen Therapie-Erfahrung und den Gesprächen mit meinem Arzt habe ich gelernt, dass der Mensch eben mehrheitlich vom Unterbewusstsein gelenkt wird und nicht von  bewussten Reflektionen. Das gefällt vielen wahrscheinlich nicht weil man immer gerne Herr/in der Lage sein möchte und das Gefühl der „Macht“ über sein Leben.
Alle Erfahrungen und Emotionen ab dem Moment in dem wir uns im Mutterleib befinden werden in uns gespeichert, das meiste davon können wir logischerweise nicht abrufen. Trotzdem wirken alle diese Erkenntnisse und Erfahrungen auf unser heutiges Denken und handeln ein ohne dass wir das beeinflussen können. Und so können unbemerkte Trigger eben plötzlich Reaktionen auslösen die wir nicht unbedingt so wollen. Bis zu einem bestimmten Punkt jedenfalls. Manchmal sagen Rückfällige ja auch dass sie wie ferngesteuert waren.
Mein Therapeut hat mir mehrere Bücher über die Funktion des Gehirns gegeben, insbesondere bei Trauma und der Reaktion darauf. Das ist sehr spannend und hat eine gewisse Demut in mir geweckt...Man erklärt sich heute nur einen winzigen Teil unserer Psyche, es wäre unglaublich überheblich zu sagen man wäre über alles und das ganze Gefühlsleben Herr der Lage.

Dies nur so als Exkurs weil ich es so spannend finde...
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ichso

  • Gast
Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #37 am: 11. Januar 2021, 09:05:00 »

Guten Morgen Rina :)

Das finde ich auch spannend... Und doch ist es wohl auch möglich zu steuern, sonst hätten wir ja auch noch Felle um die Schultern statt Jogginganzüge ;) Denn über meine Tochter lernte ich aus dem DBT- Programm, dass alles, was man/frau 6 Wochen lang kontinuierlich in sein/ihr Leben bettet, dort verbleibt. Ich habe es vor ein paar Jahren mit Zahnseide eingeübt. Das ist tatsächlich ein Automatismus geworden.

Aber die Trigger sind nicht hoch genug zu bewerten. Soweit ich mich erinnere, sind die Geschmacks- und Geruchswahrnehmungen am gefährlichsten, oder beglückensten, je nachdem.

Ein weites Feld also auf jeden Fall ;)
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