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Autor Thema: Covid und Depression und Druck  (Gelesen 9411 mal)

Rina

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Covid und Depression und Druck
« am: 03. November 2020, 18:13:56 »

Hallo liebes Forum,

Ich komme leider nicht drum rum hier einen Thread zum leidigen Corona-Thema zu eröffnen...ich weiss, dass in Deutschland die Fallzahlen nicht so hoch sind wie in Frankreich aber vielleicht gibt es doch den einen oder anderen der Bescheid weiss - aus eigener Erfahrung oder SHG oder wie ich auch immer.

Ich bin seit einer Woche vom Virus infiziert, ich leide nicht schlimmer drunter, habe Schmerzen im Körper, Migräne und Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn, es ist also aushaltbar. Kein Fieber, keinen Husten, keine Atemschwierigkeiten...nichts von all den typischen Merkmalen und so ging es eigentlich auch fast allen Befallenen, die ich persönlich kenne.

Aber nun habe ich seit 10 Tagen auch eine unglaublich depressive Stimmung, schaffe es gerade gar nicht mich hoch zu raffen, kein einziger positiver Gedanke kann sich durch ringen. Das würde ja auch noch gehen, ich würde das unter anderen Umständen als Begleiterscheinung abtun und einfach warten bis es vorbei geht...wäre da nicht dieser unglaubliche Suchtdruck. Es ist kaum auszuhalten, seit Tagen geht das in crescendo hoch, ich kann nicht mehr! Stopfe mich mit Süssigkeiten voll, trinke Unmengen Wasser, raus darf ich ja nicht leider...nichts hilft ich denke ständig nur daran mich wegzuschiessen! Jetzt war ich sogar so weit und bin in den Keller schauen gegangen ob irgendwas da ist an Wein oder irgendwas (ist natürlich zum Glück nichts da) und dann habe ich sogar noch den Medikamentenschrank durchwühlt um zu schauen ob der was her gibt...Ich bin ganz fertig gerade. Ich sehe meinen Therapeuten am Freitag, versuche ihn aber morgen telefonisch zu erreichen, ich bin gerade sehr in Panik es nicht zu schaffen morgen. Sorry für das Gejammer, es ist gerade ein Hilferuf und ich weiss ja dass ihr da auch nicht viel machen könnt, ich muss da alleine gegensteuern, aber ich halte es nicht mehr aus damit alleine zu sein.

Gibt es da einen Zusammenhang...Corona und Depressive Stimmung? Corona und Suchtdruck hat wohl noch niemand untersucht...Ich weiss nicht wie ich das hin bekommen soll, fühle mich dem so ausgeliefert, bin nervlich sehr angeschlagen gerade...

Lg
Rina
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Susanne68

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #1 am: 03. November 2020, 18:22:56 »

Schreib doch mal ganz detailiert hier auf, was passieren würde, wenn Du Dich besaufen würdest. Wie würdest Du anfangen, mit was würdest Du weiter machen, und wie würdest Du Dir vorstellen, das es morgen übermorgen weiter geht?

Würde es Dir schmecken, würde es irgendwas an Deiner Situation verbessern, würde es irgendeinen Spass machen? Oder wärst Du dann noch fertiger? Wärst Du dem dann ausgeliefert oder nicht?
Was ist die Fantasie, die hinter dem Saufdruck steckt? Und würdest Du da hinkommen? Selbst wenn der Zweck nur "Vergessen" und Betäuben wäre...würde es funktionieren?

Ich frage das ganz neutral.

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AmSee13

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #2 am: 03. November 2020, 19:49:24 »

Susanne hat dir schon ein paar gute Tipps gegeben bzw. Fragen, die du dir stellen könntest.
Ergänzen möchte ich noch: Versuch mal das oder die Gefühle, das bzw. die dich gerade bewegen zu benennen. Und dann: Wo genau nimmst du diese wahr? Zu welcher Handlung fordert dich dieses Gefühl gerade heraus. Ist diese Handlung sinnvoll? Kurz und langfristig? Wenn du zum Beispiel Angst fühlst, möchtest du fliehen oder möchtest du angreifen?
Gibt es etwa, mit dem du starken Druck abbauen kannst, z.B. einen Igelball zum Kneten für die Hand oder was zum Schmecken, wie Chillies oder Sternanis?
Triff eine bewusste Entscheidung, was dir jetzt auf gesundem Weg - also kein Alk o.ä. - helfen könnte.
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Rina

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #3 am: 03. November 2020, 19:58:33 »

Ich versuche es:

Ich würde mir ganz sicher zwei Flachen Rosé kaufen, vielleicht auch Champagner (wenn schon denn schon). Dann würde ich den warmen Wein in einem grossen Wasserglas trinken, das erste Glas bestimmt sehr schnell, dann langsamer. Und ich würde mich sehr sehr schuldig fühlen, bestimmt sofort. Deshalb würde ich sicher irgendwelche Leute aus der SHG anschreiben, später wenn genung "getankt" wurde auch anrufen...und rumheulen. Ich würde mich im Anfangsstadium vielleicht erleichtert fühlen, vielleicht "schwebend", "erlöst". Ich denke die 2. Flasche würde auch schnell geleert werden, ich müsste dann also in ziemlich betrunkenen Zustand nochmal los um irgendwo was aufzutreiben...nicht so einfach im Lockdown. Wahrscheinlich würde ich panisch nach Möglichkeiten suchen um an Alkohol zu kommen ohen mich in Gefahr zu bringen und auch andere - das heisst ohne Auto und von wegen ich könnte Leute mit Corona anstecken wäre mich das dann bestimmt vollkommen egal. Dann würde ich merken, ich muss das Auto nehmen da alle Betriebe - ausser grosse Supermärkte zu sind. Also bin ich wahrscheinlich von der Gier so getrieben, dass auch das mir dann egal ist und ich betrunken Auto fahre...vielleicht einen Unfall baue. Im Supermarkt kaufe ich wieder 2 Flaschen Rose und kleine Kochweinfläschchen, von denen stürze ich das erste noch im Supermarkt im Klo oder im Auto. Zuhause dann wieder erleichtert werde ich mir den Rest reinpfeifen. Und total betrunken sein wenn ich zur Schule muss um die Kinder abzuholen. Und da ich wieder mit dem Autoproblem konfrontiert bin, gehe ich zu Fuss, nehme bestimmt "Profiant" für auf den Weg mit. Wahrscheinlich komme ich schwankend in der Schule an...falls ich es soweit überhaupt schaffe und nicht meinem Mann gesagt habe er soll sie holen. Und dann würde ich vor Scham bestimmt rumheulen, irgendwie erklären wieso es dazu kam und panisch nach noch mehr Stoff suchen. Mann Mann wäre bestimmt unendlich enttäuscht, sauer und würde mich ins Zimmer schicken damit unseren Kinder die Szene erspart bleibt. Ich würde irgendwie nochmal los müssen wahrscheinlich um wieder Alk zu bekommen, Kilometerweit zu Fuss gehen und irgendwie hoffen einen offenen Laden zu finden. Dann würde ich mich sicher die halbe Nacht weiter betrinken, bis zum bitteren Ende und bis ich auf allen vieren ins Bett gehe...wenn ich das denn schaffen sollte. Und am nächsten Morgen hätte ich sicher den Kater meines Lebens, aber ich weiss dass es mit einem Schluck Alk besser wird, also würde ich wieder los...bestimmt mit viel Restalkohol. Der morgige Tag würde den ersten noch an Peinlichkeiten toppen, da ich schon mitten am Tag total betrunken bin. Ich würde Leute anrufen, die vielleicht vollheulen, Leute anrufen mit denen ich über 5 Jahre kein Wort gewechselt habe...meine Mutter anrufen, die sofort erkennen würde was los ist und sich super Sorgen machen müsste. Und am 3. Tag müsste ich entweder unter enormen Monsteranstrengungen allen Alk aus der Wohnung räumen damit das ein Ende nimmt oder ich wäre wieder am Anfang...mittlerweile sehr aufgedunsen, roter Kopf, aufgeschwollener Bauch und dicke Augen...Ich würde mich selbst dafür hassen, mir sagen, dass ich es niemals zu einer stabilen Trockenheit bringen werde, ich hätte bestimmt sehr schwarze Gedanken, null Selbsliebe, keinen "Wert". Ich würde mir im schlimmsten Fall sagen, dass alles keinen Wert hat, ich es einfach nicht schaffe, niemals also bleibe ich halt beim Alk, egal wie es enden wird. Vielleicht würde ich aber auch meinen Therapeuten anrufen, die Suchtberatung und da total weinend, niedergeschlagen und hoffnungslos auftauchen. Ich würde denen sagen, dass ich bitter abgestürzt bin und es nicht mehr aus dem Loch schaffe, dass sie mir helfen sollen weil ich sonst eine zu grosse Gefahr für mich und andere bin. Und ich würde ganz viel weinen und sehr emotional sein, kontrollverlust garantiert.
Mein Mann würde vor allem die Kinder schützen wollen - vor ihrer betrunkenen Mutter - er würde sie abschirmen vor mir, sagen, dass Mama Ruhe braucht, sie nicht verfügbar ist. Ich hätte Schuldgefühle ohne Ende, ich würde wahrscheinlich nochmals alle möglichen Suchtberater, Therapeuten und Leute anrufen, die mir helfen könnten...

Es wäre ein Desaster.

Muss ich mir jetzt selber mal durchlesen, habe das spontan und sehr schnell abgetippt und einfach meine Gedanken sprudeln lassen. Das half schon mal.
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Rina

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #4 am: 03. November 2020, 20:05:03 »

@ AmSee
Danke, Muss ich mir auch mal überlegen. Gefühle benennen, zulassen und deuten. Ich kann das nur sehr schlecht, aber ich verstehe die Idee dahinter.
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Susanne68

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #5 am: 03. November 2020, 20:09:28 »

Ja, wahrscheinlich käme es so. Kann ich mir lebhaft vorstellen.

Du lässt das jetzt bleiben. Denn das willst Du überhaupt nicht.

Bei den Chilies am Besten solche, von denen Du zwei mal was hast.
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AmSee13

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #6 am: 03. November 2020, 20:27:41 »

@ AmSee
Danke, Muss ich mir auch mal überlegen. Gefühle benennen, zulassen und deuten. Ich kann das nur sehr schlecht, aber ich verstehe die Idee dahinter.

Das ist gut.
Ja, Gefühle benennen konnte ich früher auch nicht. Hab damals sogar gegoogelt, was es so für Gefühle gibt.
Übrigens möglicherweise für dich interessant: Wenn zwei Gefühle in Dir wüten, die eine gegensätzliche
Handlung erfordern, wie z.B. Wut und Scham, dann kann die Spannung in Dir so richtig abgehen, weil‘s auf den ersten Blick keine Lösung gibt. Wenn du wütend bist, möchtest du ganz groß machen, auf Angriff gehen, wenn du dich zugleich schämst, möchtest du dich ganz klein machen und möglicherweise um „Hab mich doch lieb.“ betteln. Du siehst, beides zugleich geht nicht. In dem Fall musst du für dic/ herausfinden, was das primäre Gefühl ist, und diesem nachgehen.
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AmSee13

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #7 am: 03. November 2020, 20:36:29 »

Kennst du dich ein wenig mit Zugangskanälen bei Anspannung aus?
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Camina1969

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #8 am: 03. November 2020, 21:01:19 »

Liebe Rina,

so ähnlich wie AmSee finde ich es in solchen Situationen auch hilfreich, genauer hinzugucken, was ich da fühle. So fällt mir zu deiner Situation mit dem Suchtdruck die Frage ein „was brauchst du EIGENTLICH“? Was soll der Alkohol (weg) machen?

Bei mir war /ist es oft so, dass ich ein Gefühl von Ausgeliefertsein, von Machtlosigkeit entdecke, wenn ich genauer hinschaue, warum es mir gerade schlecht geht oder (früher) ich trinken wollte.

In deiner Situation mit der Infektion und Quarantäne kommt mir auch sofort der Begriff des Ausgeliefertseins in den Kopf.

Wenn das für dich irgendwie stimmig klingt- wie könntest du dann deine innere Autonomie wieder herstellen (ohne zu trinken)?
Kannst du deine Einstellung zu deiner Quarantäne überprüfen? Siehst du dich gerade als jemanden, der aktiv andere Menschen schützt? (Was du ja tust.)

Hilft dir der Gedanke, morgen mit deinem Therapeuten zu sprechen?Nimmst du eigentlich ein Antidepressivum?

Wir kennen uns nicht, und ich weiß nicht, wer du bist, aber ich denke an den Menschen, den ich mir als „Rina“ vorstelle, und ich wünsche dir Kraft und Vertrauen in dich selbst, und irgendwie ist es ja wirklich so, dass wir durch diesen Austausch hier nicht alleine sind.

Lieben Gruß
Camina
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Elly

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #9 am: 03. November 2020, 23:44:45 »

Guten Abend Rina,

es ist gut, dass Du Dir hier Luft gemacht hast! Das musste einfach raus!!!

Diese ganze Situation in der ganzen Welt, wegen Corona, macht auch den Gesunden
auf diverse Weise zu schaffen.

Es ist keine einfache Zeit und Du bist noch zusätzlich geschwächt durch die Erkrankung!

Doch Du wirst auch diese Zeit überstehen, ohne zu trinken!!!

Versuche Dich abzulenken, höre laut Musik, tanze wenn es geht, schaue TV und lies etwas,
um Dich auf andere Gedanken zu bringen.

Gute Besserung wünsche ich Dir!

Elly

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Das Leben ist nicht immer einfach, aber eindeutig einfacher ohne Alkohol zu bewältigen!

Rina

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #10 am: 04. November 2020, 08:13:24 »

Liebe Susanne,AmSee,Camina und Elly,

vielen Dank für eure schnellen Reaktionen und Denkanstösse gestern, akut hat mich das gerettet! Ja es musste wirklich raus...Es ist immer besser in solchen Situationen nicht alleine mit dem Druck zu bleiben, das habe ich mittlerweilen gelernt. Das niederschreiben des Konsumverlaufs tat wirklich gut, einfach brainstormartig raus mit den Wörtern und sich die Konsequenzen verinnerlichen...über das erste Glas hinaus weiter denken.

Es ist nun ganz ganz lange nicht mehr vorgekommen, dass ich so sehr unter Saufdruck leide. Ich bringe das mit der depressiven Grundstimmung seit meiner Coronainfektion in Verbindung, Müdigkeit, Eingesperrtsein...Ich bin nur so sehr über die Gewalt dieser Gefühle erschrocken! Ich fühle mich nicht mehr Herrin der Lage, habe wirklich Angst dass es wieder über mich kommt und ich dieses Mal zugreife. Seit vielen Monaten war ich nicht mehr so nahe an einem Rückfall wie gestern, wäre Alk im Haushalt gewesen hätte ich ihn getrunken, ganz sicher. Falls sich die Emotionen wieder hochtürmen werde ich wieder hier schreiben, das hilft ein bisschen.

Ich kann vielleicht heute versuchen diesen Gefühlssturm zu analysieren wie ihr sagt...welche Botschaft steckt hinter dem Bedürfnis sich wegballern zu wollen? Und was für eine Erleichterung erhoffe ich mir davon? Im Moment fühle ich mich wie ein Dampfkochtopf, der Druck steigt über Stunden immer mehr an, ich finde kein Ventil um ihn auszugleichen.

Mein Traumatherapeut gibt auch eine Therapieart die "Pesso Boyden Psycho Motor"-Therapie, wo man sozusagen "neue Erinnerungen schafft". Ich weiss noch nicht ob die Stunden auch während dem Lockdown statt finden, aber wenn würde ich das gerne machen. Kennt sich jemand damit aus? Erfahrungen dazu?

Auf jeden Fall habe ich jetzt ganz stark das Bedürfnis etwas unternehmen zu müssen, ich kann so nicht weitermachen und einfach nichts tun. Bin ein Haar von einem Rückfall entfernt, der heutige Tag wird eine Herausforderung. Ich habe Angst es nicht zu meistern. Ich habe mich noch nie wirklich stabil gefühlt in meiner Abstinenz aber jetzt kommt so ein "Ich-bin-ein-Hoffnungsloser-Fall"-Gedanke auf. Diese scheiss Sucht...elende Krankheit... >:(

Vielen Dank für eure Unterstützung, in der Quarantäne ist dieses Forum noch mehr als Gold wert!

Rina
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AmSee13

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #11 am: 04. November 2020, 08:47:06 »

Guten Morgen, Rina,
zumindest ist es schon mal gut, dass du gestern nicht getrunken hast. Du hast es gestern geschafft, du kannst es auch heute wieder schaffen.
Ja, manchmal muss der Druck raus und es hilft sich anderen mitzuteilen.
Ich weiß nicht, wie das bei deinem Therapeuten ist, ich vermute, dass die Sitzungen bei so einem ziemlich intensiv sind und besser vor Ort durchgeführt werden. Mit meinem Therapeuten, der aber auch in einer Klinik arbeitet, hat die letzte Sitzung am Telefon stattgefunden, wenn es aber notwendig wäre, könnte ich auch zu ihm kommen und wir führen unser Gespräch Aug in Auge. Mit den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen werden deine Sitzungen gewiss stattfinden können, zum Arzt kann man ja auch gehen. Du wirst es sicher wissen, wenn du Kontakt mit ihm aufgenommen hat.
Was du über gestern erzählst: Für mich hört sich das so an, dass sich da richtig Gefühle angestaut haben und weil du sie nicht ausleben konntest, sich so richtig Druck aufgebaut hat. Ist ja bei deiner Situation eigentlich auch kein Wunder.
Ich kenne das so, wenn der Druck unerträglich stark ist, dann ist mir fast jedes Mittel recht, damit er aufhört. Früher habe ich in solchen Situationen stark geraucht. Das half kurzfristig ein kleines Bisschen und deshalb bin ich vom Rauchen lange stark abhängig gewesen. Alkohol habe ich in solchen Situationen eher vermieden. Letztens war eine Situation, in der der Druck so unerträglich war, schlimmer konnt‘s nicht mehr werden, da habe ich natürlich ganz stark ans Rauchen gedacht. Wäre ich allein gewesen, hätte ich’s wahrscheinlich auch gemacht. Stattdessen habe ich aber in mich hineingehorcht und analysiert, was da in mir für Gefühle toben und den Druck auslösen. Als mir klar wurde, dass es zwei gewissermaßen gegensätzliche Gefühle waren und ich das primäre Gefühl herausfand und gemäß dem, was es erforderte, handelte, lies der Druck nach. Dass ich das so hingekriegt habe, hat auch später noch positive Auswirkungen gehabt.
Warum der Suchtdruck gestern so stark geworden ist, ist dir klar, oder?

Was gäbe es denn, was du heute, jetzt für dich tun könntest?

Viele Grüße
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Greenfox

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #12 am: 04. November 2020, 11:54:35 »

Schön, dass hier so schnell geholfen werden konnte. Alleine durch das Lesen und Antworten.

Ich habe Letztens in einem Interview von einem Suchtpsychologen gehört, dass es eine sehr dunkle Seite der ganzen Pandemie und der daraus resultierenden Maßnahmen - vor allem der LockDown und die nicht mehr stattfindenden realen SHG! - ist, die auch sehr deutlich in den Kliniken zu beobachten sei.
Der Mensch ist nunmal ein soziales Wesen (normalerweise) und benötigt soziale Kontakte für seine seelische Gesundheit. Und auch wenn man die Notwendigkeit einsieht, Kontakte zu minimieren, um die Pandemie einzudämmen - es schlägt auf die Psyche, natürlich. Man kann nicht mehr einfach so Freunde treffen, seine Eltern, Geschwister, ins Kino, Theater, Kino, Restaurant gehen - man ist quasi eingesperrt.

Und dass dann solche düsteren Gedanken aufkommen ...

Es ist eine Scheiß-Zeit momentan. Ich hoffe sehr, dass wir alle gut da durch kommen und Du, Rina (und alle anderen, die es erwischt hat), schnell wieder gesund wirst!!

Gruß
Greenfox
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Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!

Rina

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #13 am: 05. November 2020, 07:14:30 »

Ja da ist ganz sicher was dran. Das Virus selbst drückt auf meine Stimmung, es ist ein auf und ab mit dieser Krankheit. An manchen Tagen denke ich es ist nun vorbei und dann kommen die Schmerzen plötzlich in einem Wall Zurück. Und die pessimistischen Zukunftsprognosen, der zweite Lockdown bei uns, Weihnachten unter Verschluss...Ich muss mehr noch als sonst Acht geben, mir sofort Hilfe holen wenn’s gefährlich wird. Ich habe gemerkt wie ich in manchen Situationen aus der Spur komme, ein Auffangnetz ist unerlässlich. Das hätte ich vor ein paar Jahren noch nicht so gesehen, hätte das Prinzip „ich will es alleine schaffen „ um jeden Preis durchgeboxt...heute steht meine Abstinenz an oberster Stelle, keine Hilfe ist überflüssig. Denn genau so ist es „wir sind soziale Wesen „, wir sind aufeinander angewiesen.

Es ist wirklich eine etwas mühsame Zeit...
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Susanne68

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Re: Covid und Depression und Druck
« Antwort #14 am: 05. November 2020, 08:25:09 »

Guten Morgen Rina,

bei mir grade nicht wegen Corona, aber ich kenne das natürlich auch, dass gerade mal überhaupt nichts funktioniert. So richtige Sch...-Tage.
Es gibt eine Übung, das ist nachgewisen, dass die bei vielen funktioniert - Teil der experimentellen Psychologie.

11 Minuten, ein überschaubarer Zeitraum.

4 Sekunden einatmen, 6 Sekunden ausatmen. Sonst nichts. Du kannst rumsitzen, wie Du magst, und es ist relativ egal, über was Du gerade nachdenkst, nur dieser Atemrythmus sollte wirklich eingehalten werden.

Dabei sinkt nachweislich die Aktivität der Amygdala und der präfontale Cortex übernimmt mehr die Kontrolle. Die Begriffe kennst Du vermutlich aus Deiner Traumatherapie, es sind Hirnregionen. Salopp gesagt, werden die Gefühle dabei heruntergedämpft und der Verstand übernimmt mehr die Kontrolle.

Einfach mal ausprobieren. Ich bin bei so was immer dabei.

Ansonsten..hast Du Erfahrung mit Körperscan? Bei der Atemübung innerlich jedes Körperteil durchgehen, angefangen von jedem einzelnen Zeh, Oberseite, Unterseite, bis Du beim Kopf angelangt bist. Gaumen, Zunge, Nase, Augen, Kopfhaut, Nacken. Kannst Du auch mal probieren.

11 Minuten - mindestens. Die meisten sind zu ungeduldig und hören zu früh auf. 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus.

Und das Ganze fängst Du am besten natürlich schon an, bevor die helle Panik ausgebrochen ist. Also schon wenn Du merkst, dass es sich anbahnt. Später gehts auch noch, wird dann aber schwieriger.

Gruß Susanne
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