Alkoholforum - Für Betroffene, Angehörige und Interessierte

Bitte loggen sie sich ein oder registrieren sie sich.

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge
Erweiterte Suche  

Neuigkeiten:

Willkommen im Alkoholforum.

Autor Thema: Ist es jetzt an der Zeit?  (Gelesen 12059 mal)

Susanne68

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 832
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #15 am: 30. Oktober 2020, 10:12:51 »

Nach mal kurz was zu dem "wenig".

Bei mir war es klar so, wenn es dann mal schön war, dann wollte ich weiter machen. Oft war ich aber auch nur so leicht verblödet, was mir unangenehm war. Beides Situationen, die dann nach "mehr" schreien.
Und da der Alkohol enthemmt, die Wurschtigkeit vergrößert und die Selbstkontrolle vermindert, ist es dann nach 3 oder vier Gläsern viel egaler, ob man sich dann noch was reinkippt, als ganz am Anfang. Da siegt dann die Gier noch leichter als vor dem ersten Glas. Bei mir trat keine Sättigung mehr ein, wenn ich nen bestimmten Punkt überschritten hatte. Und bei Leuten, die weniger brauchen, oft schon nach dem ersten Schluck.

Ich konnte bis zum Schluss nach einem oder zwei Gläsern noch aufhören, wenn irgendwas wirklich wichtig war. Also die Kontrolle konnte ich haben, wenn ich wirklich wollte. Aber Spaß hat das keinen gemacht. Und ich weiss ganz genau, von einem Glas hab ich eh nichts. Der Geschmack, wenns darum geht, ist absolut ersetzbar.
Gespeichert
Gute Menschen kommen in den Himmel.
Schlechte Menschen kommen überall hin.

AmSee13

  • Gast
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #16 am: 30. Oktober 2020, 10:32:20 »

das Problem dabei ist, dass der Alkohol die Ausschüttung dieser Glückshormone erst mal fördert und damit die Empfindlichkeit der Rezeptoren herabesetzt. Und da sich der Körper an diese Krücke Alkohl gewöhnt, schüttet er ohne Alkohol dann noch weniger davon aus.

Stimmt, da hast hast Recht. Das hab ich irgendwie vor mir selbst irgendwie ausgeblendet.

Zitat
Wenn Du dazu noch Depressionen hast, ist die Versuchung groß, da nachzuhelfen. Aber auf Dauer verstärkt Alkohl die Depressionen.

Auch damit hast du Recht. Ich hab das irgendwie nicht wahrhaben wollen. Die Depression begleitet mich jetzt schon ein Jahrzehnt und durch die MS ist sie verstärkt zurückgekommen und lässt mich nicht mehr los. Wenn ich Alkohol trinke, kann ich für eine kleine Weile beide Krankheiten vergessen. Es geht mir besser, alles geht irgendwie leichter. Ich kann Dinge tun, die ich sonst nicht mehr kann.
Durch den Verzicht auf Alkohol erhoffe ich mir aber auf Dauer eine Verbesserung der Depression. Ich hab mich gestern diesbezüglich etwas eingelesen.
Es ist merkwürdig, wie’s manchmal kommt. Manches ist mir vom Verstand her schon eine Weile bekannt, aber es ist trotzdem irgendwie nicht wirklich bei mir angekommen. Das fühlt sich diesmal anders an.
Ich hoffe auch, dass die MS Symptome wieder weniger deutlich auftreten. Im Moment sind die täglich sehr präsent. Bislang hatte ich nur einen Zusammenhang mit Stress vermutet. Ich habe nämlich vor etwa einem Monat meine Mutter beerdigen müssen. Möglicherweise liegt das verstärkte Auftreten der MS-Symptome nicht nur am Stress, ich verspüre zusätzlich auch noch Alkohol-Entzugserscheinungen. Denkbar wäre das auch schon bei der Menge, die ich so konsumiert habe.
Das motiviert mich, auf Alkohol zu verzichten.

Zitat
Auf Dauer geht es aber um mehr, als das nur "ohne" auszuhalten. Sondern dann schon darum, es gar nicht mehr zu brauchen.

Da stimme ich dir vollkommen zu.

Zitat
Solange Du Dir nicht zu viel vormachst..aber das kennst Du ja.

Danke dir! Ich fühle mich von dir verstanden. Das tut gut.  :)

Liebe Grüße
Kirsten
Gespeichert

AmSee13

  • Gast
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #17 am: 30. Oktober 2020, 10:47:40 »

Ich konnte bis zum Schluss nach einem oder zwei Gläsern noch aufhören, wenn irgendwas wirklich wichtig war. Also die Kontrolle konnte ich haben, wenn ich wirklich wollte. Aber Spaß hat das keinen gemacht.

Das ist interessant, was du schreibst. Ich kenne von meinem Vater, der immer heimlich angefangen hat, dass er stets die Kontrolle verloren hat. Von alleine konnte der nie aufhören, auch wenn er sich das vornahm. Ich hab ihm als Jugendliche mal bei so einem Entzug helfen wollen und wurde bitter enttäuscht. Ich dachte immer, das sei typisch für einen Alkoholiker. Er ist immer so richtig abgestürzt. Versuchte es dann mit Distra usw., aber das klappte nie.
Für mich selbst habe ich beobachtet, dass ich mich zwar kontrollieren kann, mir das aber ebenfalls keinen Spaß macht, deshalb will ich mir ja nun auch keine wöchentliche oder monatliche Erlaubnis mehr gönnen. 
Gespeichert

Dagny

  • Vollmitglied
  • *
  • Beiträge: 32
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #18 am: 30. Oktober 2020, 12:32:08 »

Hallo, AmSee,
ich lese Dein Thema seit Anfang, bin zwar neu hier in Forum und habe jetzt echt überlegt ob ich Dir schreiben soll oder nicht, aber das Thema Alkohol ist leider nicht neu für mich.
Und während ich die Zeilen las, die Du geschrieben hast, erkannte ich mich auch irgendwie selbst…
Damals..wo ich nur paar „Gläschen“ trank…zur Entspannung zwischendurch, für gute Stimmung, weil Wetter schön war, weil Wetter schlecht war, während Kochen, oder in der Pause bei der Arbeit (habe je kreativer Arbeit, warum doch nicht die Kreativität etwas „fördern“ und „neue Horizonten erweitern“..
Ich habe beruflich mir kreativem Kochen unter anderem zu tun, und Glas Sekt oder Wein war immer in der Hand, dann auf dem Tisch. So wie auch später am Abend auch am Computertisch.

Ich war nie besoffen, es waren Wein war beim „Treibstoff“, alles klappte besser, schneller, ich hatte mehr „kraft und Enegrie“…..Ich hatte keine Gedanken oder überhaupt verdacht, dass Alkohol mir langsam alles ersetzt. Am Anfang ersetzt er Dir deine Gefühle und Emotionen.
Und so trinkst Du bei Stress um runterzukommen, am Feier, um Freude zu verspüren, bei Wut, bei Ärger….Ich griff bei jeder Gelegenheit zum Glas…..Damals noch nicht jeden Tag.

So macht ich paar Tage Pause, sagte mir selbst „siehst du, du bist nicht abhängig oder süchtig, du kannst jeder Zeit auf hören“ und freute mich auf das nächste Glas.
Das ganze dauerte über die Jahre und erreiche irgendwann 1 und dann später 2 Flaschen Wein pro Tag...Ich blieb auch nur beim Wein, kein starker Alkohol..
Machte ich mit bei Menge Gedanken? Natürlich machte ich mir Gedanken! Ich sah mich im Spiegel morgens…..mir waren auch anderen Veränderungen bewusst – mein Verhalten, meine Stimmungsschwankungen, Entwicklung des „Tunnelsdenkens“, langsames Verlieren der Interesse an allem (ich ging nicht auf Metallica-Konzert weil ich halt ….hm..nicht besoffen war, nein..sondert keine Lust hatte, müde war und Rühe haben wollte -  in Wirklichkeit aber mit ne Flasche wein zu Hause sitzen), Depressionen, Gedächnistörungen, allgemeiner Verfall und „Verblödung“ irgendwie….Spass war schon längt nicht mehr dabei.
Dabei war ich sehr aktiv noch, viel gereist, viel gearbeitet, wir hatten viel Besuch und führten allgemein aktives Leben…Aber irgendwie automatisch und nicht bewusst. Zumindest ich.
Das ist das bei „everyday drinker“, das ganze kommt schleichend, Du trinkst Deinen teuren Wein, Du liegst nicht unter der Brücke, „Fassaden sind rausgeputzt und gepflegt“…ab und zu kratzen die Gedanken, aber die kann man gut runterspülen …

Es ist schwer zu beschreiben. Wie man schön sagt: „man muss aufhören zu trinken, um zu begreifen, warum man aufhören soll“..

 Ich sehe das wie Susanne, solange Du noch Alkohol „romantisierst“, bist Du noch nicht soweit…Ich hoffe ich irre mich.

Und in meinen Augen hast Du eine Abhängigkeit, wenn Du schon Dir Gedanken machst und nicht einfach so für halbes Jahr verzichten kannst wie Gerchla vorgeschlagen hat..
Aber am Ende soll jeder für sich selbst entscheiden, ob jemand seine Gewohnheiten stören oder nicht…. Jeder geht seinen eigenen Weg und jeder tritt auf den unterschiedlichen Etappen seines Lebens die wichtigen Entscheidungen. Ich wünschte, ich hätte damals viel früher mein Problem erkannt und etwas unternommen. Aber es muss auch ein klick im Kopf machen.
Alles Gute Dir.   
Gespeichert
The blues is not the song you sing, it is way you live...

Susanne68

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 832
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #19 am: 30. Oktober 2020, 14:41:37 »

Ich konnte bis zum Schluss nach einem oder zwei Gläsern noch aufhören, wenn irgendwas wirklich wichtig war. Also die Kontrolle konnte ich haben, wenn ich wirklich wollte. Aber Spaß hat das keinen gemacht.

Das ist interessant, was du schreibst. Ich kenne von meinem Vater, der immer heimlich angefangen hat, dass er stets die Kontrolle verloren hat. Von alleine konnte der nie aufhören, auch wenn er sich das vornahm. Ich hab ihm als Jugendliche mal bei so einem Entzug helfen wollen und wurde bitter enttäuscht. Ich dachte immer, das sei typisch für einen Alkoholiker. Er ist immer so richtig abgestürzt. Versuchte es dann mit Distra usw., aber das klappte nie.
Für mich selbst habe ich beobachtet, dass ich mich zwar kontrollieren kann, mir das aber ebenfalls keinen Spaß macht, deshalb will ich mir ja nun auch keine wöchentliche oder monatliche Erlaubnis mehr gönnen.

das, und die Tatsache, dass ich wirklich jederzeit Trinkpausen einlegen konnte und drei Tage in der Woche keinen Tropfen getrunken habe und auch morgens nicht weiter getrunken habe, war bei mir Bestandteil der Einbildung, dass ich kein Problem habe. Ich war auch noch nie in einer Entgiftung. Aber der Notarzt war schon mal da. Und ich habe auch sonst genügend Scheixx getrieben.

Es gibt einen Trinkertypen, für den das charkteristisch ist. Habe ich aber auch erst realisiert, nachdem ich schon aufgehört hatte. Vorher war das auch für mich ein Rätsel. Und als ich auch, so wie Du gerade, das mal von aussen betrachtet habe, ging mir auf, das mein ganzes bisheriges Leben davon bestimmt war, nur ja nie so die Kontrolle zu verlieren, dass ich mal in die Situation käme, aufhören zu müssen. Das musste unbedingt so bleiben, dass ich weiter trinken kann. Mir ging aber dann auch auf, was ich schon alles da drum rum gebaut und was ich schon geopfert hatte. Ich hab da wirklich Hirnschmalz reingesteckt, mich ungehindert besaufen zu können.

Herzliches Beileid wegen Deiner Mutter. Mein Vater starb vor drei Jahren und er starb auch am Alkohol.

Gruß Susanne.

Gespeichert
Gute Menschen kommen in den Himmel.
Schlechte Menschen kommen überall hin.

AmSee13

  • Gast
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #20 am: 30. Oktober 2020, 14:48:59 »

Hallo Dagny,
natürlich ist mir willkommen, dass du mir schreibst, und ich verstehe vollkommen, dass du mich warnen willst, damit es mir nicht ähnlich ergeht wie dir. Ich habe deine Vorstellung gelesen und ich kann gut nachvollziehen, dass du dich in dem, was ich geschrieben habe, erkennst. Mir geht es nämlich mit dem, was du über dich erzählt hast und was du hier bei mir über dich erzählst, ähnlich. Und wie ich dich lesend kennengelernt habe, wird es dir ähnlich wie mir gehen, dass es dir in gewisser Weise gut tut auf Menschen zu treffen, die Dir ähnlich sind. Du darfst mir also gerne weiter schreiben, ich werde dir gewiss auch schreiben, wenn ich etwas zu sagen habe. Ansonsten lese ich gerne bei dir, wie es dir so geht. Ich finde das beeindruckend, wie du die Sache in den Griff bekommen hast.
Ich denke, ich bin nicht mehr an dem Punkt, an dem ich Alkohol „romantisiere“. Es hat seinen Grund, warum ich mich hier angemeldet habe. Ich sehe die Warnzeichen. Wenn ich den Alkohol wirklich noch „romantisieren“ würde, hätte ich mich hier nicht angemeldet, denn eure Antwort wäre mir klar gewesen und auch nicht willkommen gewesen. Bei meiner ersten Vorstellung ging es mir darum, mich vorzustellen. Dazu gehörte für mich auch eine Darstellung, wann ich Alkohol trinke und mit welchen Empfindungen. Ich dachte mir, dass die Chance, mir zu helfen, steigt, je genauer ich mich vorstelle.
Auch, wenn es für manchen vielleicht missverständlich gewesen ist, letztlich hat genau diese Vorstellung zu einer für mich notwendigen Auseinandersetzung mit meinem „Problem“ geführt. Wer mir geantwortet hat, hat diesbezüglich nachgefragt, und durch das Aufschreiben, die Nachfragen und die Auseinandersetzung mit den Fragen wurde mir selbst Manches klarer. So hast du mir zum Beispiel von dir erzählt und ich erkenne mich in Manchem wieder, in Manchem zum Glück noch nicht. Was du und auch Susanne mir geschrieben habt, spricht mich an, weil ihr schreibt, wie ihr schreibt, und weil ihr mir in gewisser Weise ähnlich seid. Und es warnt mich, es ja nicht so weit kommen zu lassen. Und es tut mir irgendwie gut, dass ihr mir schreibt und euch um mich sorgt. Glaub mir, ich bin ein sehr nachdenklicher Mensch, ich reflektiere häufig, was ich tue, und hinterfrage mich. Gerade weil ich so krank bin, aber nicht im Jammern versinken will, suche ich nach neuen Wegen. Natürlich meine ich nicht den Weg, meinen Kummer im Alkohol zu ertränken, sondern nach Wegen, die mir dauerhaft gut tun.
Ich möchte meinen Weg finden, verstehst du? Wenn das, was ich vorhabe, funktioniert, ist es doch gut für mich, und wenn es nicht funktioniert, falle ich ja nicht in ein tiefes Loch, sondern weiß, was ich zu tun habe, werde es tun und habe dann solche Vorbilder wie dich. Was ist denn so schlimm daran, es reflektiert auf einen Versuch ankommen zu lassen? Ich verstehe vor deinem eigenen Hintergrund deine Sorge, aber ich stehe in Bezug auf dieses Thema nicht mehr ganz am Anfang, glaub mir.
Vielleicht kommt es ja auch so, dass es mir nicht mehr so wichtig ist. Ganz wie Susanne es als Möglichkeit in Aussicht gestellt hat. Möglicherweise sind die Vorteile des Verzichts in den kommenden zwei Monaten so groß, dass ich‘s lieber ganz sein lasse. Wer weiß? Heute jedenfalls trinke ich ebenfalls nicht. Aus dem Nicht-mehr-Raucher-Forum weiß ich, dass diese kleinen Schritte ggf. hilfreicher sind als der Gedanke nie mehr rauchen zu dürfen. Wer sich dann genau beobachtet, stellt nach und nach Fortschritte und Vorteile fest.
Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn du mich bei meinem Weg begleiten könntest. Ich mag, wie du reflektierst.
Viele Grüße
Gespeichert

AmSee13

  • Gast
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #21 am: 30. Oktober 2020, 15:09:46 »

Hallo Susanne,
hab ganz lieben Dank, dass du mir schon wieder schreibst. Das bedeutet mir viel!
Mit Trinkertypen habe ich mich auch schon beschäftigt. Kennst du das Buch von Simon Borowiak, „Alk: Fast ein medizinisches Sachbuch“? Ein amüsantes Buch, das ich mit Lust gelesen habe, ebenso wie seinen Roman „Sucht“. Wer Borowiaks Stil mag, dem kann beide Bücher empfehlen.


Habe ich aber auch erst Und als ich auch, so wie Du gerade, das mal von aussen betrachtet habe, ging mir auf, das mein ganzes bisheriges Leben davon bestimmt war, nur ja nie so die Kontrolle zu verlieren, dass ich mal in die Situation käme, aufhören zu müssen. Das musste unbedingt so bleiben, dass ich weiter trinken kann. Mir ging aber dann auch auf, was ich schon alles da drum rum gebaut und was ich schon geopfert hatte. Ich hab da wirklich Hirnschmalz reingesteckt, mich ungehindert besaufen zu können.

Das kann ich völlig nachvollziehen. Ich werde mich beobachten. Immerhin bin ich aufmerksam geworden, dass ich auf keinem guten Weg gewesen bin, dass ich vor der Gefahr bislang ziemlich die Augen verschlossen habe bzw. mir die Sache schöngeredet habe. Wie ich mich kenne, bezweifle sehr, dass ich wieder da hin komme. In meinem Kopf ist ein ziemlich strenger Richter, musst du wissen, der guckt, mir, wenn er auf etwas aufmerksam geworden ist, ziemlich genau auf die Finger. (grins) Früher war das ganz schön schwer, gegen den zu bestehen, mittlerweile kenne ich mich so gut, dass ich mit ihm leben kann. Er meint‘s ja irgendwie auch gut mit mir.
Gespeichert

AmSee13

  • Gast
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #22 am: 30. Oktober 2020, 15:23:50 »

Danke für deine Beileidsbekundung. Das ist sehr aufmerksam von dir!

Mein Vater starb vor drei Jahren und er starb auch am Alkohol.

Oh, dann hast du als Kind und Jugendliche vermutlich auch diesen ganzen Sch..... erlebt, der dich für dein Leben geprägt hat....
Ich bin meinem Vater heute nicht mehr böse. Er tut mir leid. Er war nur 43 Jahre alt, als er starb, und davor schon eine ganze Weile todunglücklich.
Gespeichert

Susanne68

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 832
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #23 am: 30. Oktober 2020, 16:23:27 »

Hallo Kirsten,

Es gibt schon Unterschiede. Mein Vater wurde 82. Er ist auch nie ganz so abgestürzt wie ich. Bei ihm war es eher der tägliche Treibstoff. Dafür habe ich ihn während 57 Jahren (so alt war ich bei seinem Tod) wohl keinen Tag ohne Alkohol erlebt, ausser in den letzten Tagen, als er gar nicht mehr wach wurde. Über den Tag gerechnet aber ordentliche Mengen, er fing ja zum Frühstück damit an. Und am Ende tat er fast nichts anderes mehr. Hat nie versucht aufzuhören, meine Eltern waren u.a. deswegen schon lange geschieden. Er hat jeden rausgeschmissen, der ihm helfen oder ihn sonstwie beinflussen wollte. Am Ende waren Hirn und Leber restlos hinüber. Kein schöner Anblick.
Ich hab ihn am Schluss betreut. Wir haben unseren Frieden geschlossen, nachdem es lange sehr schweirig zwischen uns war. Das war der Grund, warum ich dann irgendwann hier aufgeschlagen bin, mein eigenes Problem hat mich da schon länger nicht mehr beschäftigt, aber da kam ich dem noch mal relativ nahe. Und jetzt sehe ich halt, das ich hier ab und an was tun kann und dass mir das auch gut tut.

Gruß Susanne

Gespeichert
Gute Menschen kommen in den Himmel.
Schlechte Menschen kommen überall hin.

AmSee13

  • Gast
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #24 am: 30. Oktober 2020, 17:01:43 »

Hallo Susanne,
da bist du ja wieder. Auch wenn’s ein ernstes Thema ist, ich freue mich, dass du mir schreibst.

Es gibt schon Unterschiede. Mein Vater wurde 82. Er ist auch nie ganz so abgestürzt wie ich. Bei ihm war es eher der tägliche Treibstoff.

Inzwischen habe ich gelesen, dass es körperlich eigentlich gar nicht so sehr den Unterschied macht, ob man so abstürzt wie du oder das so durchzieht, wie es dein Vater gemacht hat. Möglicherweise leidet die Psyche mehr, wenn man es so macht, wie du es getan hast.
Auf jeden Fall ist es eine sehr traurige Geschichte, die du da erzählst. Eigentlich unfassbar, dass man sich von diesem Stoff so kaputt machen lässt. Ich kann mir die Reaktion deines Vaters auf Hilfsangebote sehr gut vorstellen. Mit dem Rauchen verhält es sich ja ähnlich. Da kriegen die Menschen COPD oder sogar Lungenkrebs und rauchen trotzdem noch weiter. Ich find’s besonders erschreckend, wenn ich vor dem Krankenhaus Gestalten mit Atemgeräten rauchen sehe.
Ich habe in Bezug auf das Rauchen letztens bei ARTE eine sehr interessante und aufschlussreiche Doku gesehen. Wenn du sie nicht gesehen hast, findest du sie gewiss noch bei ARTE in der Mediathek.
Übertragen lässt sich das Ganze gewiss auch auf die Alkohol-Industrie. Wenn ich bedenke, wie oft ich in Film und Fernsehen sehe, dass sich ein Bier, ein Wein oder ein „Drink“ eingeschenkt wird. Oder die schöne Werbung für Bier etc. ...

Du siehst, ich bin ziemlich nachdenklich.

Bewundernswert, dass du deinen Vater am Schluss betreut hast. Das war gewiss alles andere als leicht.

Zitat
Und jetzt sehe ich halt, das ich hier ab und an was tun kann

Und das machst du, wie ich nicht nur bei mir bemerkt habe, ziemlich gut. Danke!

Liebe Grüße
Gespeichert

Susanne68

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 832
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #25 am: 30. Oktober 2020, 17:06:36 »

Jo. Ich sage einfach mal laut und deutlich "Danke" ;D
Gespeichert
Gute Menschen kommen in den Himmel.
Schlechte Menschen kommen überall hin.

AmSee13

  • Gast
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #26 am: 30. Oktober 2020, 17:26:52 »

Jo. Ich sage einfach mal laut und deutlich "Danke" ;D

 ;D 44.
Gespeichert

AmSee13

  • Gast
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #27 am: 01. November 2020, 14:25:24 »

Ich habe mich in den letzten Tagen sehr viel mit den Themen „Alkohol“, „Alkoholmissbrauch“ und „Alkoholismus“ beschäftigt und ich bin nach wie vor ziemlich nachdenklich.
Ich habe hier einige Lebensgeschichten gelesen und sie berühren mich nicht wenig. Ich war noch nie dort, wo einige hier waren, aber ich erinnere mich gut, wie das bei meinem Vater war. Er dient mir immer als Warnung, aber ich war und bin doch so ganz anders als er.... Dass auch andere Wege als seiner in den Alkoholismus führen, ist mir hier bei der Lektüre deutlich geworden. Mir geht’s diesmal aber auch anders als sonst, es ist, als erreichte mich dies Thema wirklich in meinem Innern. Und mir ist klar geworden, dass, auch wenn ich noch längst nicht dort bin, wo andere hingekommen sind, ich im Begriff bin/war, so richtig abhängig zu werden. Meine Vorstellungsfrage ist damit beantwortet. Es ist an der Zeit!
Ich trinke auch heute keinen Tropfen. Heute ist damit mein 6. Tag ohne. Ob ich Weihnachten eine Ausnahme machen werde, wird sich zeigen. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jetzt gerade, heute, ist mir das nicht wichtig. Mich interessiert eher, wie ich auf gesundem Weg das erreichen könnte, was mir sonst der Alkohol gegeben hat.
Ich habe in einer Doku gestern gehört, dass, wer Alkohol konsumiert, am ehesten den GABA-Neurotransmitter ansprechen möchte. Was ich dazu gelesen habe, würde das jedenfalls echt gut bei mir passen. Ein Medikament oder künstliches Präparat würde ich deswegen (noch) nicht zu mir nehmen, ich traue der Pharmaindustrie nicht so recht, aber mich interessiert, wie ich diesen Neurotransmitter auf natürliche Weise ansprechen könnte.
Ich hatte gehofft, dass einige meiner Symptome auf Entzugserscheinungen zurückzuführen wäre, sind sie aber wohl nicht. Freitagabend stand ich etwas neben mir, ich konnte mich kaum richtig auf das konzentrieren, was ich gerade tat, es fühlte sich unangenehm wattig an, gestern fühlte ich mich den ganzen Tag erschöpft, geriet bei den kleinsten Anstrengungen außer Puste und hatte Schweißausbrüche und auch heute geht’s mir nicht viel besser. Freitag war mein 4. Tag ohne Alkohol, es ist also unwahrscheinlich, dass das noch Entzugserscheinungen waren. Die Symptome sind mir nicht neu, die habe ich schon eine Weile, nun kann ich wenigstens ausschließen, dass es vom Alk kommt. Morgen mache ich mal einen Termin beim Arzt ab, um das abklären zu lassen. Jetzt kann ich ja auch hingehen, ohne mich schämen zu müssen, dass die Symptome auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen wären.

Ich wünschte mir, hier wäre etwas mehr los. Das fehlt mir hier.

Gestern Abend habe ich nach Selbsthilfegruppen bei mir vor Ort gegoogelt. So richtig sprach mich keine an. Das klingt interessant, was einige hier darüber erzählen, wie sie zu ihren SHGs gekommen sind, aber meine Hemmschwelle, von mir aus Kontakt aufzunehmen, ist noch riesengroß, abgesehen davon, dass zur Zeit wahrscheinlich auch bei uns keine persönlichen Treffen mehr stattfinden werden. Es gibt wohl Online-Angebote, aber irgendwie traue ich mich nicht da dran. Und dann möchte mich eigentlich auch nicht ständig mit Geschichten von Abstürzen beschäftigen, sondern ich möchte inspiriert werden, wie’s ohne Alkohol gut läuft. Ich möchte nicht ständig nach hinten sehen, sondern nach vorne.

Bin gespannt, was ihr zu dem, was ich geschrieben habe, antwortet.

Viele Grüße
Gespeichert

Daun 2020

  • Vollmitglied
  • Erfahrenes Mitglied
  • ***
  • Beiträge: 118
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #28 am: 01. November 2020, 17:24:23 »

Hallo
Erst mal toll das du jetzt 6 Tage geschafft hast. 44. :clap:
Gestern Abend habe ich nach Selbsthilfegruppen bei mir vor Ort gegoogelt. So richtig sprach mich keine an.
Na ja so mit der Vorstellung wie sich dort eine Shg vorstellt alleine wirst du da nicht weiter kommen.
 Und dann möchte mich eigentlich auch nicht ständig mit Geschichten von Abstürzen beschäftigen, sondern ich möchte inspiriert werden, wie’s ohne Alkohol gut läuft. Ich möchte nicht ständig nach hinten sehen, sondern nach vorne.
Na ja sehe es doch mal von einer Anderen Seite.Dort in einer Shg sindnicht nur Geschichten von Abstürzen zu hören nixweiss0
Betrachte eine Shg wie eine Folge im Fernsehen oder im Film,da lächst ja auch jeder der verrückt ist drauf wie es Weitergeht in der Nächsten Folge.Das Kann recht Spannend werden.
Weil,du weist nie was in der Nächsten Woche denn so Passiert.Dort gibt es keine Mediatek :lach:
Dallas ,Nur die Liebe Zählt,Bauer sucht Frau, alles Sendungen im Fernsehen,aber wenn du deine Shg gefunden hast,bist du mit einem Male Hauptdarsteller schwitz.
Aber eins wirst du merken,zwar vielleicht nicht am Anfang,aber mit der Zeit schon,wenn du dort Regelmäßig hingehst,du musst dir die Zeit nehmen,für dich ,und dann wird dir allnählich bewust,warum du das tust.
Und Irgendwann kommt dann mal eine Neue-er und stellt sich dann mal vor,dann lauschen erst mal alle auf seine Geschichte,und die Nächste Folge fängt an.
Kommt er nächste Woche wieder,und wie ist es ihm ergangen?
Und dann kann es vielleicht passieren wenn du dann aus welchem Grunde auch immer mal gerade diese Sendung verpasst,und dann wer weis
bist du so Neugierig,oder Denkst gerade mist wie war denn seine Vorstellung :P
Und vielleicht lernst du jemanden aus der Nachbarschafft kennen,den du Vorher gar nicht Kanntest,und von dem du nie vermutest,das er ein Suchtproblem hatte.
Und wenn du Angst hast Dorthinzugehen,dann Denk doch Kehrt ihr mal erst vor eurer Eigenen Haustüre.
Du glaubst nicht was vor manchen Haustüren für Dreck liegt,der ist zwar nicht sichtbar,aber er ist da.
Ja du möchtest nicht nach hinten sehen,kann ich verstehen,aber wenn dann doch einer e Kommt,stellst du fest,du bist ja jetzt nicht mehr die Neue,und du Kannst Reflektieren,ich bin ja schon wieder ein Stück des Weges weitergekommen.
Sehe es einfach mal Sportlich.Lieber Kleine Schritte,sonst,wenn du Grosse Schritte machst kannst du eher Fallen :P
LG
Hans
Gespeichert

Greenfox

  • Administrator
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 4580
Re: Ist es jetzt an der Zeit?
« Antwort #29 am: 01. November 2020, 20:00:27 »


Gestern Abend habe ich nach Selbsthilfegruppen bei mir vor Ort gegoogelt. So richtig sprach mich keine an. ... Und dann möchte mich eigentlich auch nicht ständig mit Geschichten von Abstürzen beschäftigen, sondern ich möchte inspiriert werden, wie’s ohne Alkohol gut läuft. Ich möchte nicht ständig nach hinten sehen, sondern nach vorne.


Aus dem, was Du da über SHGs schreibst, lese ich, dass Du noch nie eine besucht hast und eine völlig ... verquere Vorstellung davon hast, wie es in so eine SHG zugeht. Deshalb ist es meine Vorstellung einer "Vorstellung einer Selbsthilfegruppe" in Krankenhäusern die, dass ich zunächst natürlich erst einmal kurz von mir und meiner Geschichte erzähle, dann aber hauptsächlich davon was eine SHG ist, wozu sie da ist und wie es da so zugeht (in meiner Gruppe, die NICHT AA ist). Und zum Glück sind Rückfälle nicht sehr häufig. Denn sonst würde es sich ja anhören wie in einer Kneipe.
Und wenn es Dir nicht um die Rückfälle geht, sondern um die Abstürze der Gruppenmitglieder, die dazu führten, dass sie auf dem einen oder anderen Weg zur Abstinenz fanden - nun, genau dass zeigt doch aber den Neulingen, wie es gelingen kann, den Weg hinauszufinden. Und dann natürlich trockenzubleiben.
Aber wenn man nicht zuhören will, wie andere trocken geworden sind, dann braucht man auch nicht in eine SHG zu gehen. Denn das wäre wie der Versuch, sich zu waschen, ohne sich nass zu machen.
"Selbsthilfegruppen - wozu eigentlich" - hier findest Du meine Gedanken dazu.

Gruß
Greenfox
Gespeichert
Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!