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Autor Thema: Wie geht es weiter?  (Gelesen 13074 mal)

Tinka

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #30 am: 05. Mai 2020, 11:51:28 »

Er hat sich eine große to do Liste erstellt, mit Dingen, die liegengeblieben sind und die er jetzt abarbeitet. (Er hat sich diese Liste selbst gemacht, das wollte ich nur noch mal klarstellen, hier wird ja einiges falsch verstanden).
Man kann die meisten Dinge halt nur tagsüber regeln... Banken, Versicherungen, Werkstatt für Inspektion usw.

Daher braucht er einen Tagesablauf.
Es ist kein Problem, wenn er länger schläft (er muss nicht mit mir halb 6 aufstehen).
In der letzten Zeit war es aber so, dass er nächtelang wach war und den kompletten Tag geschlafen hat.
Das führte dazu, dass ich auch nicht schlafen konnte und das ist nicht Sinn der Sache. Etwas Rücksicht erwarte ich schon.
Und ich denke nicht, dass das sein gesunder Egoismus ist. Denn wenn ich das so hinnehme, könnte ich alles andere auch so hinnehmen.

Man kann nicht nur schwarz oder weiß sehen.
Er kann von mir aus bis mittags schlafen, das ist mir egal, aber ich möchte diesen verdrehten Tages/Nachtablauf nicht mehr.
Und da erwarte ich einfach Rücksicht (wenn er wach ist, sind alle wach). Oder ist das zu viel verlangt?

Das klingt für mich, als ob seine Selbstfürsorge und sein gesunder Egoismus ganz oben stehen.
Nein! Denn wenn ich alles akzeptiere, was er tut und er nur das tut, was ihm gefällt, dann mach ich doch genau das, wo mir alle abraten. Der gesunde Mittelweg wäre ne Lösung. Und da muss er, sowie auch ich, Kompromisse machen.
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Susanne68

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #31 am: 05. Mai 2020, 12:05:02 »

Ja, das ist so. Es geht nicht nur um ihn. Eine Beziehung ist ein beiderseitige Sache (auch wenns scheitert übrgens). Also man kann schon von ihm verlangen, das er auch da seine Verantwortung übernimmt, allerdings natürlich auch in dem Mass, wie er grade kann. Am Anfang sind die Nerven halt auch dünn, er ist wackelig, wie Du selbst ja auch schon festgestellt hast. Bis er wieder voll belastbar ist, das dauert, und manche finden auch nie wieder zur alten Form zurück. Alkohol ist definitiv ein Zellgift und manches ging auch nur mit Doping.

Struktur und Tagesablauf muss er auch in einer stationären Therapie einhalten, und in einer ambulanten muss er pünktlich sein und sich ebenfalls an Abmachungen halten. Trotzdem muss er natürlich auch den Raum finden, um sich zu stabilisieren und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, das ist für ihn auch eine neue Situation jetzt.

Gesundes Mittelmaß, ein sehr gutes Stichwort, und genau etwas, was Süchtigen ja fehlt. Vor ein Paar Tagen hast Du ja auch von dem Übermotivierten geschrieben, was er da plötzlich hatte..von einem Extrem ins Andere. Kenne ich.

Die Zwickmühle, in der einer dann stecken kann (und der ist freiwillig in Therapie gegangen), ist für mein Empfinden hier ganz gut erkennbar (was aus ihm momentan geworden ist, weiss ich nicht):

http://alkoholforum.de//index.php?topic=2127.0
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Tinka

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #32 am: 05. Mai 2020, 12:14:35 »

Ja der geregelte Tagesablauf in der Reha ist ein gutes Stichwort. Auch in der Entzugsklinik ging das ganz hervorragend, dass er nachts geschlafen hat, weil er tagsüber Termine hatte.

Vor dem Klinikaufenthalt war ich nervlich am Ende, weil ich gearbeitet hab, alles im Haushalt,einkaufen, kochen, putzen, nebenbei noch mein kranker Vater... weil bei ihm nichts mehr ging.
Da er nachts nicht geschlafen hat (verbunden mit jeder Menge Lärm) hab ich auch nicht geschlafen. Und das ist auf Dauer die Hölle. Von daher sag ich ihm ganz klar, dass ich das auf diese Weise nicht akzeptiere.
Und Das hat in meinen Augen nichts mit Vorschriften zu tun
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Greenfox

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #33 am: 05. Mai 2020, 12:21:21 »

Das klingt für mich, als ob seine Selbstfürsorge und sein gesunder Egoismus ganz oben stehen.
Nein! Denn wenn ich alles akzeptiere, was er tut und er nur das tut, was ihm gefällt, dann mach ich doch genau das, wo mir alle abraten. Der gesunde Mittelweg wäre ne Lösung. Und da muss er, sowie auch ich, Kompromisse machen.

Ich weiß nicht genau, ob er/Du/Ihr Beide überhaupt wisst bzw. Euch darüber im Klaren seid, was "gesunder Egoismus" eigentlich bedeutet.
Das, was ich bei Dir so rauslese, ist purer Egoismus - das hat mit "gesund" nix zu tun. Da ist nur das Deckmäntelchen "Ich muss doch die To-do-Liste abarbeiten" …

Du hast schon recht: Das Leben besteht zum größten Teil aus Kompromissen. Aber "gesunder" Egoismus bedeutet, in Situationen, die mir und meiner Gesundheit/Abstinenz gefährlich werden können, an mich zu denken und dann z.Bsp. eben mal NEIN zu sagen. Es bedeutet nicht, ständig auf Kosten Anderer mein Ding zu machen, nur weil es mir so gefällt.
Aber dazu habe ich HIER mal meine Gedanken aufgeschrieben.

Unabhängig davon finde ich es gut, dass er weiter am Ball bleibt und Du ihn unterstützt. Und ihm dabei aber auch Grenzen aufzeigst und auch an Dich und Dein Wohlergehen denkst.

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Susanne68

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #34 am: 05. Mai 2020, 12:30:35 »

Dein gesunder Egoismus wäre es übrigens auch, darüber nachzudenken, was Du tun kannst, um selbst nicht mit einem Rückfall von ihm konfrontiert zu werden. Weil das Deinem Wohlbefinden ja auch schaden würde (sonst würdest Du ja nicht hoffen, die Beziehung zu retten)

Also Du willst ja auch nicht mit dem Hintern einreissen, was Du mit den Händen mühsam zu erhalten versuchst. Sprich Deine Ansprüche an ihn müssen natürlich auch der Situation angemessen sein, weil Du selbst gar nichts davon hast, wenn Du ihn überforderst. Das wäre natürlich  seine Verantwortung (und seine falsche Entscheidung, weil es für ihn nichts verbessern würde), wenn er deswegen zum Glas greift, aber Du hättest den Schaden ja trotzdem mit.

Man kann das durchaus als sportliche Herausforderung sehen, was da passiert.
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Tinka

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #35 am: 05. Mai 2020, 23:10:49 »

Danke Greenfox für den Link. Habe das alles mal überflogen, werde es aber in Ruhe nochmal lesen.

Ansonsten danke ich euch allen für eure Meinungen und Tipps (auch wenn ich einige Dinge anders sehe, aber da muss ich meinen/bzw müssen wir unseren Weg finden.)

Die Sache mit dem Überfordern... Da habe ich lange drüber nachgedacht. Ihr könnt euch zum Teil viel besser in seine Lage versetzen, weil ihr das selbst mitgemacht habt und wisst, wie man sich fühlt auf dem Weg, trocken zu werden.
Ich kann das nicht so gut, weil ich vieles nicht nachvollziehen kann, ich kenne es einfach nicht aus eigener Erfahrung.
Aber genau deswegen habe ich die Berichte hier und auch eure Antworten so interessiert gelesen.
Ich versuche den Mittelweg. Ich möchte ihn nicht überfordern, ich möchte ihn aber auch nicht in Watte packen, sondern einfach ganz normal behandeln.
Und ich möchte mich selbst schützen und dazu gehört, dass ich Dinge anspreche, die mir nicht gut tun.
Das ist im Übrigen auch sein gutes Recht, ich erwarte sogar von ihm, dass er mir das sagt.

Ja es ist alles nicht einfach. Ein paar Tage Euphorie, dann ein Loch und keine Lust zu nichts... Damit muss ich auch erstmal umgehen können.
Ich finde es im Übrigen gut, wenn er sich seine Pausen und Auszeiten nimmt (das ist extrem wichtig), ich nehme mir diese Zeiten auch.

Ich werde das alles nochmal lesen und mir Gedanken darüber machen.
Aber ich nehme schon viele Sachen an, die ihr so schreibt, gerade weil ich versuche zu verstehen, was in ihm vorgeht.

Es ist für mich gerade wirklich Neuland und ich bin mir sicher, dass ich in diesem Prozess nicht auf der Strecke bleiben will. Ich lern aber gerade sehr viel über mich.
- Wo kann ich unterstützen?
- Was kann ich geben und wie gehts mir damit?
- Wo sind meine Grenzen und wie gehe ich damit um?
- Wie geht es mir damit, wenn es ihm schlecht geht und was tu ich, damit es MIR besser geht, um ihm keine Vorwürfe zu machen...

Das sind momentan so meine Gedanken. Kann natürlich sein, dass der eine oder andere als sehr egoistisch bezeichnet.
Es waren auf jeden Fall viele Informationen heute und gestern, über die ich mal ganz in Ruhe nachdenke...
Danke!

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Greenfox

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #36 am: 06. Mai 2020, 05:37:34 »

Zitat
Ihr könnt euch zum Teil viel besser in seine Lage versetzen, weil ihr das selbst mitgemacht habt und wisst, wie man sich fühlt auf dem Weg, trocken zu werden.
Ich kann das nicht so gut, weil ich vieles nicht nachvollziehen kann, ich kenne es einfach nicht aus eigener Erfahrung.

Das ist auch mit ein Grund, warum ich den Leuten in Krankenhausgesprächen (ich gehe des Öfteren auf Entgiftungsstationen, um dort mit Patienten zu sprechen - offiziell, um meinen Selbsthilfeverein vorzustellen, hauptsächlich aber, um ihnen etwas darüber zu erzählen, was und wozu SHG überhaupt sind) rate, SHG zu besuchen: weil dort Menschen sind, die dieselben Probleme haben/hatten und demzufolge WISSEN, wovon man redet. Die das nachvollziehen können. Ein Nicht-Alkoholiker kann einfach nicht nachvollziehen, wenn man von "Suchtdruck" oder Entzugserscheinungen redet. Und wie oft habe ich damals gehört "Hör doch einfach auf! Trink weniger!" Wenn das so einfach wäre, gäbe es keine Entzugskliniken etc.
Deswegenfinde ich es auch so gut, wenn sich Angehörige in Foren wie diesem informieren und austauschen oder auch mal bei uns in der realen SHG sehen lassen.

Zitat
Das sind momentan so meine Gedanken. Kann natürlich sein, dass der eine oder andere als sehr egoistisch bezeichnet.

Womit wir wieder beim Thema "gesunder Egoismus" wären: Um Anderen helfen zu können, musst Du zuerst zusehen, dass es Dir gutgeht.
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Susanne68

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #37 am: 06. Mai 2020, 08:39:48 »

Ich versuche den Mittelweg. Ich möchte ihn nicht überfordern, ich möchte ihn aber auch nicht in Watte packen, sondern einfach ganz normal behandeln.
Und ich möchte mich selbst schützen und dazu gehört, dass ich Dinge anspreche, die mir nicht gut tun.
Das ist im Übrigen auch sein gutes Recht, ich erwarte sogar von ihm, dass er mir das sagt.

Meine ganz persönliche Meinung:
es gibt in Beziehungen nicht so viele absolute Wahrheiten und auch nicht so viel, was immer und ewig so bleibt. Wir haben in 32 Jahren bestimmt mehrere Leben gelebt, Berufe, Freundeskreise, Wohnorte und den Lebensstil gewechselt. Und sind älter geworden.
Wichtig ist für uns Reden, immer wieder ausdiskutieren, streiten, aber auch sich wieder einigen wie es jetzt ist und wie es weitergeht. Verhandlungssache und konkrete Abmachungen im Grunde. Aber weniger Erwartungen, denn erwarten kann man nun mal viel, obs erfüllt wird, ist eine andere Sache. Wenn der Andere den Erwartungen nicht zugestimmt hat, Pech.

Was das in Watte einpacken angeht: ich habe nach drei Monaten, statt in eine Langzeittherapie zu gehen, die ich beantragt hatte, eine Führungsposition in einer internationalen Firma angenommen, weil ich Schulden aus meiner verkorksten Vergangenheit hatte, die mich in meiner Trockenheit natürlich auch bedrückt haben, und gesehen habe, das ist die Gelegenheit das endlich mal abzubezahlen. Ein Freiheitsgrad. Das war eiskaltes Wasser und ich bin nach zwei Jahren auch wieder (selbst) gegangen, weil es mir zu viel wurde, aber es hatte seinen Zweck da auch erfüllt.
Und ich musste da natürlich sehr darauf aufpassen, dass ich mich nicht überfordere, aber ich habe mich zumindest gefordert. Und natürlich muss man seine Grenzen auch mal überschreiten, um sie auszudehnen, aber nicht so weit, dass Schäden zurückbleiben.

Ja, und als normaler Mensch wollte ich übrigens auch behandelt werden. Watte war nicht meins. Trotzdem war ich stellenweise ziemlich empfindlich, das kannte ich selbst nicht von mir.

Wie gesagt, so ist das bei mir. Und es ist individuell. Wo die Grenzen Deines Partners sind, muss er Dir sagen und wahrscheinlich er selbst überhaupt mal herausfinden. Und damit meine ich nicht nur die Grenzen seiner Komfortzone oder seiner Lustlosigkeit, sondern die Frage wo es kritisch wird.

Und natürlich bist Du immer noch selbst dabei, herauszufinden, ob das für Dich Zukunft hat.

Mir gefällt das, wie Du das angehst.
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britt

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #38 am: 06. Mai 2020, 11:29:16 »

Weiß du liebe Tinka, mir geht deine Geschichte nicht aus dem Kopf und ich möchte dir nochmal einige Gedanken dazu da lassen.
Vielleicht hast du meinen Thread ja schon gelesen. Ich schreibe dir also aus der Sicht eines Alkoholikers mit Therapieerfahrung. Du schreibst ja selber, dass du nicht nachvollziehen kannst, wie ein suchtkranker Mensch so tickt. Suchttherapeuten und "Profis" in SHG können dies. Dein Partner ist  nicht nur Alkoholiker, sondern leidet auch an Depressionen.
Was war zuerst da „Henne oder „Ei“ ?
Wie dem auch sei, eine ungute Kombination, die förmlich nach Hilfe schreit.
Was mir in deinen Posts auffällt ist, dass du viele (versteckte) „DU“ Botschaften verwendest.
 „DU“-Botschaften verletzen. Mein Mann spricht auch so mit mir.
Ich habe immer das Gefühl, er wertet mich damit ab. DU-Botschaften sind moralische Vorwürfe, ich fühle mich angegriffen und reagier(t)e dementsprechend. Entweder mit Gegenangriff oder ich fraß meine Gefühle in mich rein und/oder trank. Also weiter in die nächste Eskalationsrunde. In der Therapie hörte ich dann das erste Mal von empathieauslösenden „gewaltfreien“ ICH-Botschaften. Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle zu spüren und in Worte zu fassen. Will sagen:  heute bin ich in der Lage, ein Verhalten, dass mich stört, möglichst neutral, konkret und ohne irgendeine Bewertung, Erwartung oder Drohung an mein Gegenüber zu kommunizieren. 
Hier mal ein Beispiel: Du schreibst u.a.:
Zitat
    Entweder du lässt dich einweisen oder ich zieh aus. Und das meinte ich absolut ernst…  Ich hab ihn gestern in den Hintern getreten, dass wir die Anträge fertigmachen….Da er nachts nicht geschlafen hat (verbunden mit jeder Menge Lärm) hab ich auch nicht geschlafen. Und das ist auf Dauer die Hölle. Von daher sag ich ihm ganz klar, dass ich das auf diese Weise nicht akzeptiere.

Diese ICH-Formulierungen nehmen Konfliktpotenzial heraus:
...Schatz, ICH mache mir Sorgen um dich…ICH habe Angst…ICH kann nicht schlafen, wenn es so laut ist….ICH ärgere mich über…., das nimmt viel von meiner Energie….ICH wünsche mir...MIR ist aufgefallen.., ICH bin enttäuscht…

Du schreibst außerdem:
Zitat
Er war auch soweit, dass er in eine stationäre Weiterbehandlung wollte. Für mich wäre das die beste Option, dann hab ich noch einige Wochen für mich. In den letzten 3 Wochen habe ich gemerkt, dass ich sehr gut allein sein kann und das tat mir wirklich gut….Ich möchte einfach wieder leben, ohne mir Gedanken zu machen, wie es ihm geht und wie viel er getrunken hat…Er sagte dann nur: Ja, du hast Recht und außerdem habe ich verstanden, dass du diese Zeit für dich brauchst. Sehr gut, da ist wohl doch was angekommen bei ihm. Ich brauch Zeit,um mir klarzuwerden, was da eigentlich noch an Gefühlen ist. Und welche es sind. Ich hatte wirklich die Hoffnung, dass es jetzt schnell geht und ich in den Monaten, wo er weg ist, Zeit hab, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen. Ich möchte nicht mehr für ihn denken, für ihn entscheiden oder ihm vorschreiben, was er zu machen hat.
Ganz wunderbare ICH-Botschaften! Hast du dies genauso so ehrlich auch deinem Partner gesagt?
und (ist nur mein Gedanke): möchtest du denn nicht am liebsten ohne ihn leben? 
Noch etwas zu den Therapie-Themen Selbstfürsorge und gesunder Egoismus. Mein Mantra:

ICH tue alles für mein suchtfreies Leben – für mich ! – nicht gegen jemanden !
Meine Abstinenz ist das Wichtigste in meinem Leben !


Der goldene Mittelweg wäre optimal, aber es gibt Dinge, die sind für mich nicht verhandelbar.
So, jetzt gehe ich aber „aus den Köpfen anderer“ (Zitat von Greenfox). wikende091

Bleibt oder werdet gesund!
Britt
 




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Tinka

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #39 am: 08. Mai 2020, 10:43:50 »

Hallo Britt,

ich musste das erstmal sacken lassen. Als ich deine Antwort das erste Mal gelesen habe, war ich sauer. Aber ich wollte das mit dem Gefühl nicht kommentieren.

Bei mir kam das mal wieder sehr vorwurfsvoll an. "Du sendest zu viele Du-Botschaften, versuch es doch mal mit Ich-Botschaften".
Ja Ich-Botschaften nehmen Konfliktpotenzial, das ist richtig.
Diese Zeit, als ich nicht schlafen konnte, weil er sein Ding durchgezogen hat und Tag und Nacht durchgesoffen hat, da war er überhaupt nicht erreichbar.
Es war ihm egal, weil er in seiner eigenen Welt lebte.
Und für mich gab es zu dem Zeitpunkt die Option Ich-Botschaft nicht mehr.
Wenn man wochenlang nicht schläfst, einen Job hat, einen schwerkranken Vater und den Alltag komplett allein bewältigen muss, dann kommt man doch irgendwann an seine Grenzen und mir war es in dem Moment völlig egal, ob ich ihn mit meinen Du-Botschaften verletze.

Jetzt, nach der Entgiftung, nach seinem Neuanfang, sehen unsere Gespräche ganz anders aus. Ich habe ihm erzählt, wie ich mich die letzte Zeit gefühlt hab, ohne Vorwürfe, ich bin da bei mir geblieben. Für ihn war es ein Schock, weil er gar nicht mehr wusste, was er gemacht hat.

Und deine Frage, ob ich nicht eigentlich lieber ohne ihn leben will...
Mein erster Gedanke war: Was nimmt sie sich da raus? Wenn ich das wollte, wäre ich dann jetzt noch da?

Mein Gedanke nach dem Nachdenken: Nein, ich will nicht ohne ihn leben.... Oder anders gesagt: Ich möchte uns die Chance geben. Für mich sind folgende Punkte wichtig:
- Er hat von sich aus gesagt, so geht es nicht weiter (nicht durch meinen Druck)
- Er ist freiwillig zum Entzug gegangen .(klar hab ich ihn in gewisser Weise geschubst, aber wenn ER nicht gewollt hätte, hätte ich da nichts machen können.)
- Er hat beim Entzug viele andere Betroffene gesehen und zu mir gesagt "So will ich nicht enden"
- Er tut gerade alles dafür, ein neues Leben zu beginnen und trinkt nicht mehr (ich weiß, dass es erst ein paar Wochen sind... Aber jeder hat mal angefangen)
- Er möchte die Reha machen, weil er was für sich tun möchte und wirklich aus dem Strudel raus will.

Ich habe ihm gesagt, wenn er es ernst meint, kriegt er jede Unterstützung von mir.
Aber ich habe auch gesagt, dass ich nicht weiß, wie sich das alles entwickelt. Ich freu mich auf die Zeit, wenn er zur Reha ist, auf die Zeit alleine (das hat nichts damit zu tun, dass ich die Beziehung abgeschrieben hab, sondern damit, dass auch mir diese Auszeit einfach gut tut.)

Und es wird sich rausstellen, wie wir uns entwickeln. Ich habe oft hier gelesen, dass einige Beziehungen zerbrochen sind, NACH der Therapie vom Betroffenen. Das kann bei uns auch so sein, von seiner oder von meiner Seite.
Aber es bringt nichts, dass ich mich jetzt verrückt mache, was passiert bei der Therapie, wie wird er such verändern? Lernt er vielleicht ne andere kennen?
Alles Optionen, die möglich sind, daran denke ich nicht.
Ich unterstütz ihn und bin bereit, daran zu arbeiten, dass wir eine weitere Chance haben. Mehr kann ich nicht tun.

Das klingt kalt und so, als wäre mir egal, was danach passiert... Das stimmt nicht. Ich bin nur realistisch. Es bringt keinem was, wenn ich anfange zu klammern und ihm die Luft zum atmen nehme. Wenn wir ne Chance haben, super! Dafür gebe ich sehr viel, nicht alles, denn ich möchte mich nicht selbst verlieren.
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britt

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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #40 am: 08. Mai 2020, 11:21:52 »

Hallo Britt,
ich musste das erstmal sacken lassen. Als ich deine Antwort das erste Mal gelesen habe, war ich sauer. Aber ich wollte das mit dem Gefühl nicht kommentieren.
Bei mir kam das mal wieder sehr vorwurfsvoll an. "Du sendest zu viele Du-Botschaften, versuch es doch mal mit Ich-Botschaften".
Hallo Tinka,
danke, dass du trotzdem geantwortet hast.
Kennst du dieses Modell? (Fr. Schulz von Thun)

Dazu kopiere ich einfach mal einen Beitrag aus meinem Thread aus 11/19 hierein:
Zitat
In den Gruppenstunden diskutieren/arbeiten wir seit mehreren Einheiten anhand des „4-Seiten“ oder  „4-Ohren Modells“ über Kommunikation.
Also wie nehme ich Nachrichten und deren Inhalt wahr. Dazu haben wir dieses Arbeitsblatt:
Im Sachinhalt geht es um die Botschaft/Nachricht des Senders . Worüber werde ich (offensichtich und sachlich) informiert?   
In der Selbstoffenbarung (ist vielen Menschen gar nicht bewusst) sagt der Sender nicht nur etwas, sondern gibt aus etwas von sich preis.
In der Appellebene soll der Empfänger in der Regel etwas tun. Man möchte mich zu etwas veranlassen.       
Die Beziehungsseite sagt aus, wie man zueinander steht.- was man voneinander hält.
Anfangs hatte ich ganz schön Schwierigkeiten, das aufzudröseln. Wen es interessiert, hier mal ein Beispiel:   
Mein Mann und ich sitzen im Auto. Ich sitze am Steuer und fahre 90km/h
Nachricht : Mein Mann sagt zu mir: „ Man darf hier 130 fahren“
Bedeutung aus Sachebene: Auf dieser Autobahn ist 130 erlaubt.
Was gibt er (aus meiner Sicht) - Selbstoffenbarung - von sich preis: Er ist von meiner Fahrweise genervt.
Auf der Beziehungsseite: Er hält sich für den besseren Autofahrer und muss mir helfen, weil ich eine miese Fahrerin bin.
Sein Appell, wie ICH das empfange: Fahr endlich schneller, so wie sich das gehört.
Die Auseinandersetzung mit Störungen in unserer Kommunikation anhand dieses Modells hilft mir sehr mit  Spannungen anders umzugehen.
Warum deute ich seine Nachrichten grundsätzlich negativ ? Es kann doch sein, dass seine Absicht durchaus positiv gemeint ist?
Und diese Missverständnisse führen fast immer zum Konflikt oder zum Streit. Geht es euch auch manchmal so?
Ich arbeite jetzt daran, immer zu hinterfragen, wie solche Nachrichten gemeint sind. Also so viele Aspekte wie möglich ansprechen, damit ich nicht zu viel hineininterpretiere.
Ich möchte jetzt lernen, nicht nur mit dem Beziehungsohr zu hören, denn wenn ich das tue, werde ich mich  auch weiterhin gedemütigt, herabgesetzt und klein fühlen.

Sorry, wenn ich dich verletzt haben sollte.
Alles Liebe Britt
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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #41 am: 08. Mai 2020, 11:39:02 »

Genau deswegen musste ich es erstmal so stehen lassen und mit ein bisschen Abstand sieht man die Dinge schon wieder ganz anders.
Wäre ich noch verletzt, hätte ich dir nicht geantwortet oder was böses geschrieben ;)
Also alles gut

Und ja ich kenne dieses Modell. Und manchmal versteht man die Dinge nur, wie man sie verstehen will.
Ab und zu muss man seine Denkweise ändern.
Aber ich lerne noch :)
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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #42 am: 19. Mai 2020, 08:47:57 »

Hallo Tinka,

wie sieht es denn bei euch aus?
Hat dein Partner nicht heute den Termin beim Arzt? Konnte er die Zeit bis heute trocken bleiben?
Ich wünsche euch , dass alles klappt.

Lieben Gruß von Britt
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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #43 am: 19. Mai 2020, 10:40:06 »

Hallo Britt!

Das ist ja lieb, dass du fragst. Ich hab mich nicht gemeldet, weil es nichts neues gibt.
Ja heute ist der Termin. Zwischendurch wollte er ihn verschieben, ihm geht's ja gut.
Nach einigen Gesprächen hat er verstanden, dass da wohl doch etwas mehr dranhängt, die Entgiftung reicht nicht.

Er hat weiter nichts getrunken. Es geht ihm meistens auch gut.
Zeitweise denke ich, es wird alles wieder, weil wir uns wieder annähern uns super verstehen und Spaß haben.
Dann kommen solche Tage wie gestern, wo schon Kleinigkeiten reichen und er ausflippt. Kleine alltägliche Sachen klappen nicht und er schmeißt das dann durch die Gegend und flucht.

Mir gegenüber wird er nicht aggressiv, aber ich kann trotzdem mit dieser Art schwer umgehen.
Ich bin dann gegangen. Damit wir beide runterkommen können und uns nicht streiten.

Ansonsten läuft es so vor sich hin. Heute Arzttermin. Der Rest ist fertig. Wenn der Bericht vom Arzt da ist, kann der Antrag endlich weg.
Ich freu mich auf die Zeit (auch wenn ich meine Arbeitszeit mit meinem Hund vereinbaren muss, aber das ist soweit geklärt).

Es freut mich natürlich, dass er nach dem 1. Versuch nichts trinkt (ok ist ja noch nicht lange her). Aber bisher klappt's super, trotz des alten Umfelds. Aber die Entgiftung hat ihm wirklich die Augen geöffnet.
Ich hoffe, dass die Reha ihm dann weiterhilft.
Ich meld mich, wenn es was neues gibt.
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Re: Wie geht es weiter?
« Antwort #44 am: 06. Juni 2020, 10:16:35 »

Ich wollte mich Mal wieder melden. Ich hab mich etwas zurückgezogen in der letzten Zeit.

Es ist leider so, dass es mir gerade nicht gut geht mit der Situation. Ich bin extrem gestresst und war letztes Wochenende nachts in der Notaufnahme wg. akuter Atemnot.

Ich weiß leider, dass Atemnot bei mir ein Stressfaktor ist,ich hatte das vor einigen Jahren schon mal.

Ich musste einen Teil von meinem Resturlaub nehmen (war also 2 Wochen zu Hause). Und ich habe gemerkt, es tut mir gerade nicht gut.

Mein Freund trinkt nach wie vor nicht. Aber ich merke, dass er es als Strafe sieht. Er würde gerne, weiß aber auch, dass er dann ganz schnell wieder an dem ursprünglichen Punkt ist. Deswegen wäre es wichtig, dass er Hilfe bekommt (Reha, Selbsthilfegruppe...). Und ER will nicht mehr trinken, nicht ich quatsch ihm das auf.
Reha ist beantragt, SHG haben hier immer noch, Coronabedingt, keine Termine.

Ich komme gerade an meine Grenzen, ich finde das Zusammenleben wirklich schwierig, und er fällt auch wieder in alte Verhaltensmuster. Ist oft einfach überfordert von Kleinigkeiten. Diese Überforderung stresst mich dann.(Aber das ist mein Problem).

Ihr werdet sagen: Beziehung gescheitert, zieh dich einfach aus.
Ja das ist richtig. Das ist auch eine Option von mir.
Ich denke trotzdem, dass sich nach der Reha irgendwas in seiner Denkweise ändert. Also diese Chance kriegt er noch.
Außerdem haben wir einen Hund, um den ich mich natürlich kümmern werde und das ist kein Hund, der in einer Mietwohnung ohne Garten glücklich wäre. Daher überbrücke ich die Zeit.

Was meinen Stress angeht, da muss ich an mir arbeiten und mir Auszeiten nehmen.

Ich denke, in meiner Zeit, die ich dann allein bin (Reha) werde ich die Zeit haben, zu merken, was da noch ist und ob das alles noch eine Zukunft hat.

Ja ich war der Meinung, wir schaffen alles... Aber es ist nicht immer alles einfach.

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