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Autor Thema: Hallo  (Gelesen 9669 mal)

Spaziergänger

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Hallo
« am: 19. April 2020, 21:45:54 »

Hallo zusammen,

ich bin Martin, 48 und habe Anfang des Jahres das Trinken (und Rauchen) eingestellt, also seit 3 1/2 Monaten jetzt. Kurz zu mir: Viele Jahre habe ich mir keine großen Gedanken über meinen täglichen Alkoholkonsum gemacht. Vor sechs Jahren fragte dann ein Freund, der jedes Jahr zur Fastenzeit 40 Tage auf Alkohol verzichtet, ob ich dieses Jahr nicht mitmachen möchte. Und ich sprach: "Sag mal, bist Du des Wahnsinns?", denn 40 Tage ohne Alkohol - das geht ja überhaupt nicht. Nun, es ging. Ich habe einfach angefangen mitzumachen, ohne mir die ganzen 40 Tage vorzunehmen. Ein Tag nach dem anderen. Und es ging mir gut damit:  nach ein paar Wochen verschwanden Angstzustände und Depressionen, ich nahm ab und hatte mehr Energie und auch Lust, Sport zu machen.

Aber ganz aufzuhören war nie der Plan, also fing ich nach den 40 Tagen wieder an zu trinken. Allerdings mit Respekt, ich hatte auch geradezu Angst davor, denn die positiven Veränderungen wollte ich auch nicht mehr missen. Ein Jahr lang ging das ziemlich gut. Ich trank an maximal 3 Abenden der Woche, trieb viel Sport und achtete auf die Ernährung. Nach einem Jahr hatte ich mein Idealgewicht erreicht, die Problemchen der Vergangenheit waren schon fast vergessen und wahrscheinlich fühlte ich mich unbesiegbar. Jetzt nervten mich zunehmend die Beschränkungen, die ich mir auferlegt hatte: alle Getränke wurde notiert, das Sportpensum und jede verzehrte Kalorie in einer App erfasst. Auf das Kalorienzählen hatte ich als erstes keine Lust mehr. Beim Bäcker kaufte ich z.B. nicht das, worauf ich Lust hatte, wenn ich nicht wusste mit wieviel Kalorien ich das in die App eintragen kann, auch wenn ich es mir hätte erlauben können. Verrückt, oder? Jedenfalls flog das als erstes raus. Das Wetter wurde schön (so wie jetzt gerade) und es machte wieder Spaß, am Wasser zu liegen und ein paar mehr Bier zu trinken. Da ließ ich auch gleich mal alle Fünfe gerade sein. Mit einem Dicken Kopf am Morgen entschied ich mich dann auch öfters für den Bus als für das Fahrrad für den Arbeitsweg. Und so weiter. Bald war ich dann wieder da, wo ich nicht mehr hinwollte.

In den letzten fünf Jahren habe ich dann sehr oft versucht, wieder zu diesem "Idealzustand" (des kontrollierten Trinkens) zu kommen. Die Taktik war immer dieselbe wie beim ersten Mal: 40 Tage Abstinenz, um im Anschluss gemäßigt zu trinken. Die 40 Tage habe ich nur noch ein Mal geschafft und das auch nur durch eisernes Durchhalten mit dem Ziel vor Augen, dann endlich wieder trinken zu können. Die meisten Versuche scheiterten nach 0 Tagen bis 3 Wochen. Im letzten Jahr habe ich wohl etwa alle 2 Monate versucht aufzuhören. Ohne Erfolg.     

Ende des Jahres habe ich mir dann eingestanden, dass ich so nicht weiterkomme und etwas Hilfe gebrauchen könnte. Als Hauptproblem habe ich dabei nicht unbedingt den Alkohol gesehen. Mehr ein generelles Kuddelmuddel in meinem Kopf aus Burnout/Erschöpfung/Depression und auch einem Alkoholproblem. Von daher war ich auch unsicher, um was für eine Art der Hilfe/Therapie ich mich bemühen soll. Letztlich habe ich entschieden, es zunächst mit der Sucht-Beratung zu versuchen und mich dort schweren Herzens Anfang Januar gemeldet. Und aufgehört zu trinken, erstmals mit offenem Ende, also ohne zeitliches Ziel. 

Das Timing war wohl etwas unglücklich. Einen Termin für die Erstberatung bekam ich erst im Februar. Da hatte deren mehrwöchige Therapie-Gruppe bereits begonnen, die nächste Ende März. Für die war ich angemeldet, dann kam Corona, also alles abgesagt. Zu meiner Betreuerin stimmt zum Glück die Chemie und sie bietet auch telefonische Beratung an für Fragen. Aber eine strukturierte Therapie findet jetzt nicht statt. Von daher dümpele ich seit 3 1/2 Monaten eher planlos herum und trinke nicht. Das ist OK, es geht schon. Ich hatte bisher keine ernsthaften Krisen. Aber nur nicht trinken ist irgendwie auch keine Lösung.

Eine dauerhafte Anspannung und Gereiztheit habe ich im Angebot und ich würde mich gerne mehr auspowern. Leider kann ich überhaupt nicht joggen und schwimmen (mein Sport) ist derzeit nicht möglich. So gehe ich nachts spazieren und bewerfe streunende Katzen mit Futter. Daher auch mein Benutzername, streunendeKatzenMitFutterBewerfer.   

Schön finde ich, das Forum hier gefunden zu haben. Ein Schatz an Erfahrungen. Das hilft sicher sehr und ich werde fleißig lesen.

Viele Grüße
vom Spaziergänger     
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Gerchla

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Re: Hallo
« Antwort #1 am: 20. April 2020, 10:59:11 »

Hallo Spaziergänger,

herzlich Willkommen bei uns im Forum.

Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Vorher trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon komplett heimlich.

Deine Geschichte ist ein sehr schönes und sehr typisches Beispiel, wie diese Sucht funktioniert und wie man langsam immer tiefer hinein rutschen kann. Vor allem auch die Schilderung der zeitlichen Abläufe zeigt sehr gut, wie lange man doch eigentlich mit bereits vorhandener Sucht einigermaßen "gut" leben kann und wie es immer wieder zu längeren Phasen der Hoffnung und Zuversicht kommen kann, obwohl diese überhaupt nicht angebracht sind. Eine perfide Sache, diese Alkoholsucht.

Ich habe durchaus ähnliche Erfahrungen gemacht wie Du. Meine längste Trinkpause dauerte fast ein Jahr. Im Gegensatz zu Dir gings bei mir dann aber mit der Rückkehr zum alten Trinkniveau relativ schnell und schnell war ich dann auch darüber hinaus. Und ja, natürlich kenne ich auch die Versuche kontrolliert zu trinken... Naja, hat auch immer mal ein paar Wochen funktioniert, zumindest in den Anfangsjahren.

Was war also dann anders, als es bei mir dann klappte mit dem Ausstieg? Erst mal war ich derart am Boden, derart kaputt (körperlich aber vor allem seelisch), dass ich gar nicht mehr auf die Idee kam, irgendwelche Versuche bezüglich "mal paar Tage nichts trinken" oder "mal einige Zeit weniger trinken" unternehmen wollte. Ich sah darin auch keinen Sinn mehr, ich wusste auch innerlich, dass es keinen Sinn hatte. Ich war bereit das auf mich zukommen zu lassen, was da jetzt wohl auf mich zukommen würde. Mir war einfach alles egal.

Und doch kam dann ein Moment, ein völlig ungeplanter, wo ich ganz plötzlich wusste: Jetzt outest Du Dich Deiner Familie gegenüber und dann wirst Du nie mehr trinken. Mit dem Wissen, dass ich mit diesem Outing die Zukunft meiner Frau und meiner Kinder erst mal komplett ruinieren würde. Die dachten ja, sie hätten einen treu sorgenden Familienvater an ihrer Seite. Dieser hatte aber ein Doppelleben vom Allerfeinsten und hatte Dinge getrieben, von den keiner wusste und die niemand für möglich gehalten hätte. Und all das, das wusste ich, würde ich jetzt beichten und dann gab es kein zurück mehr.

Und so kam es und ich wusste vom ersten Wort an, dass nichts mehr so sein würde wie vorher. Und irgendwie war das dann auch der Unterschied zu den vielen Versuchen vorher. Ich wollte ja am liebsten immer heimlich aufhören. Das wäre aus meiner Sicht für alle Beteiligten das geschmeidigste gewesen. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Sucht gemacht. Der Ausstieg funktioniert aus meiner Sicht nur, wenn bereit ist, absolut alles dafür zu tun und wenn man absolut ehrlich ist. Anderen gegenüber aber und vor allem sich selbst gegenüber.

Und dann ist es eben noch so, dass "nur nicht mehr trinken" auf Dauer einfach nicht reicht. Es ist wichtig zu wissen warum und wofür man den Alkohol missbraucht hat. Denn die Situationen, in denen man zum Alkohol gegriffen hat, die werden im Leben immer wieder kommen. Und es geht eben darum ihn nicht als Alternative zu sehen. Sondern seine absolute Sinnlosigkeit und Gefährlichkeit zu erkennen. Ich bin der Meinung das ich als Alkoholiker eine psychische Erkrankung habe. Und wie bei jeder anderen psychischen Erkrankung braucht es Zeit und die richtige Therapie um sie zu heilen.

Die Therapieformen oder die Wege aus der Sucht sind höchst individuell. Bei einigen helfen die klassischen Angebote, andere finden über SHG ihre Therapieform wieder andere, wie ich z. B. gehen ganz andere Wege. Egal wie, es ist wichtig und entscheidend das zu finden und zu tun, was einem zu einem zufriedenen Leben ohne Alkohol führt.

Das nur mal so als erste Gedanken von mir. Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum und dass Du bald vom "herumtümpeln" in ein "voranschreiten" wechseln kannst.

LG
gerchla
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Rekonvaleszent

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Re: Hallo
« Antwort #2 am: 20. April 2020, 18:20:10 »

Hallo und willkommen!

Kurz zu mir: Ich bin jetzt kanpp 4 Jahre, 11 Tage fehlen noch, unfallfrei unterwegs und habe den Ausstieg über eine ambulante Therapie gewählt, wobei die liebe Familie assistierend Schützenhilfe leistete.

Erst mal Glückwunsch. 3 1/2 Monate - und dass ohne therapeutische Unterstützung- sind schon mal ein richtig guter Start.

Die Trinkpausennummer kenne ich von mir, damit habe ich mir jahrelang einen vorgegaukelt, alles im Griff zu haben, da richtige Säufer so was ja eh nicht können. Erst als ich merkte, dass es mir nicht einmal mehr gelang, wenigstens unter der Woche von Freitag bis Donnerstag nichts zu trinken, fiel in meinem Oberstübchen so langsam der Groschen.

Da dank Corona alle Vor-Ort-Veranstaltungen auf Eis liegen, bleiben dir das Internet und Fachliteratur, um dich weiter und tiefer mit der Materie zu befassen.

Schau mal hier: http://alkoholforum.de//index.php?topic=1715.0

Sport: Leider hat mein Fitnesstudio geschlossen. Daheim habe ich noch ein paar Kurzhanteln und 2 Stützen, mit denen ich 3-4x wöchentlich arbeite. Daneben nehme ich fast täglich das Fahrrad, da mir das Joggen nicht mehr möglich ist. Ersatzweise ziehe ich auch Sportschuhe an und gehe die eine oder andere größere Runde. Vielleicht ist das ja auch was für dich.

Ich wünsche guten Austausch.

Gruß
Rekonvaleszent

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Spaziergänger

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Re: Hallo
« Antwort #3 am: 20. April 2020, 19:10:15 »

Hallo ihr beiden,

zuerst mal vielen Dank für das Willkommen und Eure netten Nachrichten!

Ich melde mich später wieder.

der Spaziergänger

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Spaziergänger

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Re: Hallo
« Antwort #4 am: 22. April 2020, 01:56:06 »

So, da bin ich wieder. Nochmals vielen Dank für Eure Gedanken.

Deine Geschichte ist ein sehr schönes und sehr typisches Beispiel, wie diese Sucht funktioniert und wie man langsam immer tiefer hinein rutschen kann. Vor allem auch die Schilderung der zeitlichen Abläufe zeigt sehr gut, wie lange man doch eigentlich mit bereits vorhandener Sucht einigermaßen "gut" leben kann und wie es immer wieder zu längeren Phasen der Hoffnung und Zuversicht kommen kann, obwohl diese überhaupt nicht angebracht sind. Eine perfide Sache, diese Alkoholsucht.

Interessant. Dass ich ein Musterbeispiel für Alkoholsucht bin habe ich so nicht gedacht. Wie Du auch schreibst, hatte ich doch noch eine gewisse Hoffnung, dass das alles halb so wild ist. Beim Aufschreiben der Entwicklung in den letzten Jahren ist mir allerdings auch selbst erst wirklich aufgefallen, dass ich den Konsum in den letzten Jahren - entgegen meiner Vorstellung - letztlich null unter Kontrolle hatte.

Die Trinkpausennummer kenne ich von mir, damit habe ich mir jahrelang einen vorgegaukelt, alles im Griff zu haben, da richtige Säufer so was ja eh nicht können.

Hups, ja, kommt mir bekannt vor.

Danke auch für den Link zur Bücher-Liste. Normalerweise kaufe ich gerne Bücher, nehme mir aber dann keine Zeit mich tatsächlich hinzusetzen und zu lesen, so dass die sich hier sinnlos stapeln. Daher habe ich mir gestern ein Herz gefasst und mich bei Audible angemeldet und "Nüchtern" als Hörbuch erstanden. Das kann ich jetzt während meiner Spziergänge hören, was mir Spaß macht und zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt.

An Sportmöglichkeiten hätte ich hier immerhin noch einen Heimtrainer, also so ein Fahrrad. Der ist zwar nicht gerade mein bester Kumpel, aber bei schlechtem Wetter gut zu haben. Wenn möglich bleibe ich aber bei meinen Spaziergängen, das passt schon.   

Ansonsten versuche ich noch etwas Tagebuch zu schreiben, bzw. meistens eher Listen mit Zielen, bereits Erreichtem, Zitaten die ich hilfreich finde usw..

Auf meiner Todo-Liste steht noch: eine Meditations-/Hypnose-App (HypnoBox?) zu kaufen und vielleicht einen Youtube-Kurs in Tai Chi oder Yoga anzufangen.

Das wären bisher die Bausteine meiner selbstgebastelten Therapie. Und hier und im Internet zu lesen natürlich.

Über weitere Ideen und Erfahrungen, was Ihr am Anfang hilfreich fandet, würde ich mich auch freuen.

Viele Grüße
vom Spaziergänger
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Britt

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Re: Hallo
« Antwort #5 am: 22. April 2020, 09:24:27 »

Hallo zusammen,
Letztlich habe ich entschieden, es zunächst mit der Sucht-Beratung zu versuchen und mich dort schweren Herzens Anfang Januar gemeldet. Und aufgehört zu trinken, erstmals mit offenem Ende, also ohne zeitliches Ziel. 
Einen Termin für die Erstberatung bekam ich erst im Februar. Da hatte deren mehrwöchige Therapie-Gruppe bereits begonnen, die nächste Ende März... und sie bietet auch telefonische Beratung an für Fragen. Aber eine strukturierte Therapie findet jetzt nicht statt. Von daher dümpele ich seit 3 1/2 Monaten eher planlos herum und trinke nicht. Das ist OK, es geht schon. Ich hatte bisher keine ernsthaften Krisen. Aber nur nicht trinken ist irgendwie auch keine Lösung.
.....
Viele Grüße
vom Spaziergänger   

Hallo Martin,
schön, dass du hierher gefunden hast. Ich bin Britt, Mitte 50 und alkoholkrank.
Planlos herumdümpeln ist in der Tat keine gute Lösung.
Du hast dich also schweren Herzens bei der Suchtberatung angemeldet !? Mit dem Erstgespräch kommst du sofort in eine strukturierte (geschlossene) Gruppentherapie? hmm...Nimmst du die telefonische Beratung der Suchtambulanz auch an?
Zitat
   Normalerweise kaufe ich gerne Bücher, nehme mir aber dann keine Zeit mich tatsächlich hinzusetzen und zu lesen, so dass die sich hier sinnlos stapeln. Daher habe ich mir gestern ein Herz gefasst und mich bei Audible angemeldet und "Nüchtern" als Hörbuch erstanden. Das kann ich jetzt während meiner Spziergänge hören, was mir Spaß macht und zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt.
An Sportmöglichkeiten hätte ich hier immerhin noch einen Heimtrainer, also so ein Fahrrad. Der ist zwar nicht gerade mein bester Kumpel, aber bei schlechtem Wetter gut zu haben. Wenn möglich bleibe ich aber bei meinen Spaziergängen, das passt schon.   
Auf meiner Todo-Liste steht noch: eine Meditations-/Hypnose-App (HypnoBox?) zu kaufen und vielleicht einen Youtube-Kurs in Tai Chi oder Yoga anzufangen.
Das wären bisher die Bausteine meiner selbstgebastelten Therapie. Und hier und im Internet zu lesen natürlich.
Über weitere Ideen und Erfahrungen, was Ihr am Anfang hilfreich fandet, würde ich mich auch freuen.
Also, wenn ich ehrlich bin, halte ich von einer „selbstgebastelten“ Therapie überhaupt nichts. Die Arbeit am eigenen Ich braucht einen kompetenten Suchttherapeuten oder anderen Begleiter.
Weißt du denn, wie du Gewohnheiten, Einstellungen und Erlebensweisen verändern kannst? Wie du den Teufelskreis zwischen psychischer Erkrankung und Substanzmissbrauch unterbrechen kannst?
Meinst du wirklich,  Bücher, Fitnessgeräte (die sowieso nur rumstehen) und Youtube-Kurse helfen dir raus aus der Alkoholsucht? Bezeichnest du dich denn selbst als Alkoholiker?
Bist du ehrlich zu dir selbst oder willst du dir ein „Hintertürchen“ offen lassen?
Ich kann nur von mir sprechen: Eine Therapie kann nicht selbstgebastelt sein. Meine elementaren Bausteine für ein suchtfreies Leben  sind ENTGIFTUNG-MOTIVATIONSBEHANDLUNG und (Sucht)THERAPIE von begleitenden seelischen Störungen. Mit diesen Bausteinen konnte ich eine dauerhafte Abstinenzperspektive erarbeiten.
SHG helfen mir heute dabei, mein stabiles Fundament zu halten.
"Corona" ist nicht Schuld daran, irgendetwas nicht zu tun. Es gibt immer einen Weg, du musst nur wollen.
Ich wünsche dir viel Erfolg auf deinem.

Bleib oder werde gesund!

P.S.
Zitat
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Gerchla

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Re: Hallo
« Antwort #6 am: 22. April 2020, 12:08:25 »

Hallo Spaziergänger,

dann will ich mal versuchen darauf einzugehen:

Zitat
Über weitere Ideen und Erfahrungen, was Ihr am Anfang hilfreich fandet, würde ich mich auch freuen.
Vielleicht muss ich es etwas umformulieren. Ich will mal versuchen Dir diejenigen Dinge zu schildern, die meiner Meinung nach bei mir dazu geführt haben, dass ich bei meinem letzten Versuch tatsächlich den Ausstieg geschafft habe. In dem Wissen, dass das mein Weg war und das andere durchaus auch andere Weg gehen können oder gegangen sind. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es ein paar Elementare Bausteine gibt, die sozusagen "Allgemeingültigkeit" haben. Oder sagen wir mal besser: Es gibt einige zentrale Verhaltens- und Vorgehensweisen, ohne deren Einhaltung es verdammt schwer wird, den Ausstieg zu schaffen. Wie wir alle wissen, ist die Quote derer, die auch nach 2 Jahren noch stabil trocken sind ja ohnehin äußerst gering und ich glaube, dass es vor allem diejenigen schaffen, die es innerhalb dieser Zeit schaffen, ihr grundsätzliches psychisches Problem (welches aus meiner Sicht bei Alkoholikern vorliegt) zu bearbeiten und idealerweise sogar aufzuarbeiten und zu beseitigen.

Das ist aber nur meine Sicht.

Also, was bei mir ganz wichtig war: Erst mal die Erkenntnis und die tiefe Verinnerlichung, dass ich Alkoholiker bin. Und das ich das dann auch habe aussprechen können. Damit verbunden war dann nämlich eine für mich ganz zentrale Geschichte: nämlich ehrlich sein gegenüber mir selbst. Kein Schönreden mehr, auch kein Schöndenken.

Unmittelbar damit verbunden und von mir auch von der ersten Minute an praktiziert: Ehrlich gegenüber meinem engeren (wichtigen) Umfeld. Alle mir wichtigen Personen haben von mir die Wahrheit erzählt bekommen. Und zwar die GANZE Wahrheit. Da brachen mehrere Welten zusammen. Neben der Welt meiner Frau und meiner Kinder auch die meiner Eltern und meiner Geschwister. Und auch enge Freunde habe ich erschüttert. Das waren einschneidende Gespräche für mich, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Mir geht es dabei nicht darum, dass man es Hinz und Kunz erzählen muss, dass man Alkoholiker ist. Manchmal ist es sogar angeraten, das nicht zu tun. Das wichtige, enge Umfeld muss es wissen.

Dann halte ich für ganz wichtig, dass man bereit ist wirklich alles für ein neues Leben ohne Alkohol zu tun. Was nicht gleichbedeutend damit ist, dass man auch alles tun muss. Aber die Bereitschaft erst mal alle Optionen annehmen zu wollen, um zumindest heraus finden zu können, ob sie einem helfen, halte ich für ganz wichtig. Ich war zu allem bereit, hätte auch eine LZT gemacht oder was auch immer.

Letztlich war es bei mir dann die Hilfe durch eine SHG, einem Psychologen, vielen Gesprächen mit einem sehr engen Freund, die unbezahlbare Hilfe und Begleitung durch einen Mönch und ganz viel Auseinandersetzung mit mir selbst. Letzteres war für mich ganz wichtig und es war für mich absolut elementar, dass ich damals meine Gefühle (welche durch die Trennung von meiner Familie und das von mir verursachte Leid äußerst belastend waren) zugelassen habe und sie unbedingt er- und durchleben wollte. Ich wollte also nicht Dinge tun, die mir halfen zu verdrängen oder zu vergessen. Ich wollte das ganz bewusst nicht tun. Ich wollte ERST aufarbeiten und DANN neu starten.

Das war dann z. B. auch ein Grund dafür, weshalb ich nicht mit dem Laufen begann. Obwohl ich genau wusste wie dieser Sport auf mich wirkt und welch positive Wirkung er hat. Das war meine Leidenschaft in der Zeit vor meiner Trinkerkarriere gewesen und mir war klar: wenn ich damit beginne, dann werde ich voll darin aufgehen. Aber ich wollte das erst dann machen, wenn mit mir und meiner Vergangenheit im Reinen war. So ist es dann auch passiert.

Wichtig für mich war also, dass ich mich von Anfang an (sagen wir mal nach den ersten paar ganz akuten Wochen) mit mir und den Gründen meiner Sucht beschäftigt habe. Viele Spaziergänge habe ich gemacht, täglich. Und viel nachgedacht. Nichts verdrängt und bei den Dingen, wo ich selbst nicht weiter kam, musste dann der Psychologe ran oder mein Freund oder der Mönch, der mir letztlich tatsächlich am meisten zurück in Leben geholfen hat. Oft war es auch die Kombination aus mehreren Gesprächen mit allen genannten, die mir dann weiter halfen.

Nach einem Jahr war ich mit dem Gröbsten durch. Von da an konnte ich an den kleineren Baustellen weiter arbeiten. Heute arbeite ich auch noch an mir. Jeden Tag. Und es geht dabei heute einfach nur darum mein Leben so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle. Es geht darum der Mensch zu sein (oder zu werden), der ich gerne sein möchte. Das ganze wird seit vielen Jahren von einer großen Dankbarkeit begleitet. Nämlich von der Dankbarkeit, dass ich mir diese Gedanken so machen kann und dass ich diese Sucht hinter mir lassen konnte.

Was bei mir auch ganz wichtig war, war das Überwinden von "nasser" Denkweise. Ich meine, da hatte ich ja viele Jahre lang getrunken und sowohl mein Charakter als auch meine komplette Denkweise hatte sich verändert. Diese Veränderung passierte über Jahre. Und es war klar, dass sie sich nicht sofort ändern würde, nur weil ich jetzt mal ein paar Wochen oder Monate nichts trank. Und so übte ich quasi neues Denken. Das setzte erst mal voraus, dass ich wusste, wer ich eigentlich (neu) sein wollte. Was meine Ziele waren, wer ich eigentlich war und wer ich künftig sein wollte. Was der Sinn meines Lebens eigentlich ist und was ich mal über mein Leben sagen möchte, wenn ich vor der Kiste stehe.

Und so habe ich tatsächlich sehr sehr häufig mein spontanes Denken und auch mein spontanes Handeln mit meinem Hirn bewusst "überschrieben". Immer wieder neu gedacht. Zentral war für mich dabei, dass es mein Wunsch war, ein positiver und optimistischer Mensch zu werden. Beides war ich nämlich als Alkoholiker nicht. Und so zwang ich mich sozusagen immer wieder meine Denkweise zu verändern.

Und man glaubt es kaum, das funktioniert. Dauert lange und erfordert eine gewisse Ausdauer. Aber irgendwann muss man nicht mehr "drüber" denken sondern die Gedanken kommen aus dem Bauch heraus. Ich veränderte mich stark, ich wurde plötzlich positiv und viele Menschen um mich herum begannen mich auch darauf anzusprechen. Heute bin ich der Meinung, dass die eigenen Gedanken die stärkste "Waffe" ist, die man für sich selbst und sein eigenes Wohlbefinden zur Verfügung hat.

Soweit meine Gedanken.

Auf so grundlegenden Dinge wie "allen Alkohol zu vernichten und nichts im Haus zu haben" bin ich jetzt erst mal gar nicht eingegangen. Meine Vorräte zu vernichten war natürlich das erste was ich getan habe. Noch an dem Abend an dem ich es meiner Familie eröffnet hatte. Und natürlich kam auch nicht mehr neues ins Haus. Und dass ich dann erst mal auf keine Feiern, Feste oder sonstige Veranstaltungen wo es reichlich Alkohol gegeben hat gegangen bin liegt wohl auch klar auf der Hand. Das ist heute alles anders, für die ersten zwei Jahre in etwa war das für mich aber kein Thema. Und dadurch, dass meine engen Freunde Bescheid wussten, gab es hier auch keine schwierigen Situationen.

Das war's erst mal von mir. Hoffe es ist was für Dich dabei.  Alles Gute weiterhin.

LG
gerchla
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Re: Hallo
« Antwort #7 am: 25. April 2020, 23:00:27 »

Hallo Britt,

danke Dir für das Willkommen. Ich muss allerdings sagen, dass mich Deine Antwort etwas irritiert. Wie ich beschrieben habe, bemühe ich mich um eine strukturierte Therapie. Das ist der Plan. Da dies im Moment noch nicht möglich ist, improvisiere ich. Von daher verstehe ich Deinen Vorschlag nicht, ich solle doch lieber eine Therapie machen.

Hier bei mir im Ort findet seitens der Suchtberatung keine Kurse statt. Die Mitarbeiter wurden auf Kurzarbeit gesetzt. In der nun eingeschränkten Arbeitszeit sind sie aber sehr gut beschäftigt mit telefonischer Beratung ihrer Patienten/Klienten, die teilweise am Rad drehen, weil deren gewohnten Gruppen und SHGs nicht stattfinden. 

"Corona" ist nicht Schuld daran, irgendetwas nicht zu tun. Es gibt immer einen Weg, du musst nur wollen.
Genau. Corona ist nur eine Ausrede.

Tatsächlich kommt mir persönlich (und ganz egoistisch betrachtet) die Corona-Zeit entgegen. Ich kann im Home-Office arbeiten statt mit teilweise nervigen Kollegen im Großraumbüro. Beim Einkaufen etc. halten die Mitmenschen endlich Abstand. Das gefällt mir, das entspannt mich. Von mir aus kann das so bleiben mit den Abstandsregeln. Außerdem haben weder Kioske noch Biergärten geöffnet. Könnte nicht besser laufen.  44.

Von daher warte ich ab, bis eine Präsenz-Therapie wieder möglich ist und improvisiere in der Zwischenzeit weiter.
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Re: Hallo
« Antwort #8 am: 26. April 2020, 02:26:10 »

Hallo Gerchla,

vielen Dank für Deine Worte. Deine Nachrichten hier im Forum hinterlassen bei mir insgesamt vor allem ein Gefühl der Hoffnung. Das ist schön, die kann ich gebrauchen. Jeder wohl. Danke dafür.

Sehr interessant Dein ganz persönlicher Weg mit Deinem privaten Mönch. Da wüsste ich momentan nicht, wo ich einen hernehmen sollte.  ;) Aber mit vielen Deiner Ideen kann ich etwas anfangen.

Kommt bei Dir das Vorgehen, Gedanken zu "überschreiben" aus der Verhaltenstherapie? Der Ansatz kommt mir bekannt vor aus dieser Richtung. Ich habe mich vor vielen Jahren einmal eine Zeit damit beschäftigt, um gegen Ängste vorzugehen. Die Theorie ist ja, falls ich es richtig beschreibe, dass negative Gefühle ausgelöst werden von negativen Gedanken, die man sich (überwiegend unbewusst) macht. Und der "Trick" ist, in sich hineinzuhören, diese destruktiven Gedanken zu identifizieren und mit positiven/konstruktiven zu "überschreiben". Ich fand auch, dass das funktioniert. Wurde nur mit der Zeit nachlässig und dann schleichen sich die alten Denkmuster wieder ein. Aber ich finde den Ansatz einleuchtend, da er das Problem bei der Ursache packt.

Dagegen ist der Ansatz bei meiner Suchtberatung jetzt "systemisch". Damit kann ich bisher nicht viel anfangen. Man geht dabei wohl davon aus, dass Gefühle nun mal da sind und ihre Berechtigung haben und muss dann schauen, wie man mit diesen umgeht. Das scheint mir weniger logisch, aber ich schaue mir das einmal an und lasse mich überraschen.

Danke auch für Deinen Hinweis, die heimischen Alkoholvorräte zu vernichten. An solch einfachen Basics mangelt es mir bisweilen noch. Allerdings waren das ohnehin "nur" eine Flasche Sekt und ein Glühwein, die ich in Jahren nicht angerührt habe. Denn ich radele zur Not lieber nachts im Schneesturm zur Tanke und hole Bier bevor ich Sekt trinke. Aber nun sind auch die weg.

Vorratshaltung habe ich ohnehin nie betrieben. Bei mir war/ist das relativ einfach: was an Bier im Haus ist, überlebt den Tag nicht. Nix mit Vorräten. Meine "Taktik" bestand darin, mir am Abend im Supermarkt 3-4 Bier zu kaufen, denn: heute mache ich mal einen ruhigen Abend. Wohl wissend, dass ich sowieso noch zum Kiosk gehe für Nachschub sobald die weg sind. Und Kioske, die bis nachts aufhaben, habe ich hier mehrere in fußläufiger Entfernung. Ich habe allerdings auch nie heimlich getrunken. War mir auch völlig egal, was die Leute im Kiosk denken, wenn ich da vielleicht mehrmals am selben Abend aufschlage (was allerdings nicht so oft vorkam). Na gut, ein bisschen peinlich war es vielleicht, als der Nachbar hinter mir am Pfand-Automaten mit seinen 2 Wasserflaschen warten musste während ich meinen Wochenvorrat an Bierdosen abgebe und er sowas sagte wie "Ooh... manche Sachen schiebt man lange auf, nicht?". Aber eigentlich hätt ich mich schlapp lachen können.

So, spät genug, ich höre mal auf für heute. Und ich denke, ich werde hier jetzt erstmal etwas kürzer treten mit der Aktivität. In letzter Zeit habe ich mich vielleicht etwas zu viel mit dem Trinken beschäftigt. Morgen (Sonntag) wird schon wieder tolles Wetter. Radtour ist angedacht.

Macht es gut!

der Spaziergänger 
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Re: Hallo
« Antwort #9 am: 27. April 2020, 11:18:49 »

Hallo Martin,
ich wollte keinesfalls despektierlich sein. Es tut mir Leid, wenn es bei dir so ankam.
Zitat
Einen Termin für die Erstberatung bekam ich erst im Februar. Da hatte deren mehrwöchige Therapie-Gruppe bereits begonnen, die nächste Ende März. Für die war ich angemeldet, dann kam Corona, also alles abgesagt. Zu meiner Betreuerin stimmt zum Glück die Chemie und sie bietet auch telefonische Beratung an für Fragen. Aber eine strukturierte Therapie findet jetzt nicht statt.
Ich mache ja zur Zeit meine 2. Ambulante Suchttherapie und kenne mich daher ganz gut aus. Deine Aussage hat mich irritiert , weil der Zeitraum vom Erstgespräch bis hin zur Therapiegruppe mehrere Wochen dauern kann.
Zugangsvoraussetzung für eine „Gruppe“ ist eine mehrwöchige Alkoholabstinenz. In dieser Übergangszeit habe ich die offene Motivationsgruppe
(vielleicht meinst du ja diese ?) besucht .
Zudem ist vorab viel Papierkram zu erledigen (u.a. ein Sozialbericht, Blutwerte des Arztes  u.v.m.).
Bis eine Kostenübernahme durch einen Leistungsträger erfolgt, kann es ebenso mehrere Wochen dauern.
Warst du denn mit der Betreuerin in telefonischem Kontakt?  Meine Gruppe kann übrigens mit den notwendigen Sicherheitsvorschriften
in der Therapieeinrichtung am 5. Mai  wieder beginnen.
Zitat
Und ich denke, ich werde hier jetzt erstmal etwas kürzer treten mit der Aktivität. In letzter Zeit habe ich mich vielleicht etwas zu viel mit dem Trinken beschäftigt.
nixweiss0
Beschäftigst du dich mit dem Trinken (hast du Suchtdruck?)  oder beschäftigst du dich mit der Alkohol-ABSTINENZ ?
In der Gruppe beschäftigst du dich auch viel „mit dem Trinken“….willst du da auch nach ein paar Tagen kürzer treten ?

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Re: Hallo
« Antwort #10 am: 27. April 2020, 22:33:39 »

Hallo Britt,

alles klar, vielen Dank für Deine Antwort.

Um was für eine Gruppe es sich genau handelt, kann ich Dir gar nicht sagen. Es war nur von "der Gruppe" die Rede.  Es handelt sich aber um eine geschlossene Gruppe mit einem festen Programm für 7-8 Wochen (1 Termin pro Woche) und daher auch festen Start-Terminen alle 2 Monate oder so. Von Bluttest oder Kostenübernahme war keine Rede, ich wurde da einfach angemeldet. Das wäre wohl selbst anonym gegangen, aber die Anonymität habe ich schon nach dem Erstgespräch aufgegeben. Und mehrere Wochen Abstinent war ich schon beim Erstgespräch, da ich einen guten Monat auf den Termin gewartet und bereits in der Zeit nichts getrunken habe. Zum geplanten Gruppen-Start Ende März war ich bereits knapp 3 Monate abstinent. Morgen habe ich ein Gespräch mit meiner Beraterin und werde wohl erfahren wie es weitergeht. Vielleicht geht es hier ja auch im Mai weiter.

Beschäftigst du dich mit dem Trinken (hast du Suchtdruck?)  oder beschäftigst du dich mit der Alkohol-ABSTINENZ ?

Ich meine die Beschäftigung mit dem Thema Alkohol(Sucht) generell. In der letzte Woche habe ich mich wohl mehrere Stunden pro Tag, also praktisch meine komplette Freizeit, in irgendeiner Form mit dem Thema beschäftigt (lesen, Hörbuch hören, Nachdenken). Und ich merke, dass mir das zu viel wird. Mit einer niedrigeren "Dosierung" und mehr Zeit für schöne Dinge ging es mir vorher schon besser. Momentan habe ich irgendwie eine beständige Unruhe im Hinterkopf, da wuseln irgendwelche Gedanken durcheinander die in irgendeiner Form mit Alkohol zu tun haben und das gefällt mir nicht.

Habe ich Suchtdruck? Ich denke nicht. Aber die Befürchtung, dass diese Unruhe in die Richtung kippen könnte. Allerdings kenne ich Suchtdruck eher vom Rauchen. Das habe ich vor fast 4 Monaten auch aufgegeben, nach 30 Jahren heftigem Quarzen. Das war ein heftiger Kampf, aber eher kurz. Nachdem mich die Nikotinsucht über Wochen und Monate jede halbe Stunde gepiesackt hat, und ich jedes Mal geantwortet habe, dass es super ist, jetzt nicht mehr rauchen zu müssen und sie solle weggehen, hat sie irgendwann klein beigegeben. Der Alkohol geht da subtiler vor, finde ich. Bisher hatte ich keine Krise mit Suchtdruck, gegen den ich hätte kämpfen müssen. Meistens ist alles ganz ruhig eigentlich. Wenn ich derzeit draußen beim schönen Wetter Leute mit Ihren Bierchen im Gras liegen sehe, piekst mich das, ja. Geht aber. Das eigentlich geährliche ist aber - so kenne ich das zumindest aus meinen Trinkpausen - wenn unvermittelt, zum Beispiel bei der Arbeit, ein Gedanke im Hinterkopf aufpoppt "Ach, heute könnte ich doch eigentlich mal wieder ein Bierchen trinken". Wenn ich dem nicht sofort den Garaus mache, war's das. Da gibt es keinen Kampf gegen Suchtdruck, da bin ich geliefert und gehe nach Feierabend wie ein Robotor zur nächten Verkaufsstelle.

Von daher versuche ich momentan einfach, mein Hirn nicht mehr als nötig über Alkohol nachdenken zu lassen.
 
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Spaziergänger

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Re: Hallo
« Antwort #11 am: 03. Mai 2020, 01:30:04 »

So... vier Monate nüchtern.
 
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Spaziergänger

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Re: Hallo
« Antwort #12 am: 03. Mai 2020, 06:43:02 »

Puh, vor ein paar Stunden war ich noch guter Dinge, da die ersten vier Monate Abstinenz ohne größere Probleme geglückt sind. Und jetzt sitze ich hier und kämpfe.
Was ist passiert? Ich kann/konnte nicht recht schlafen, zu viele Gedanken. Und irgendwann ploppte der brilliante Gedanken in meinen schlaftrunkenen Kopf, dass zwei Bierchen jetzt sicher helfen würden beim Einschlafen. Denn so hätte ich es "früher" gemacht.
Das hat mich jetzt auf dem falschen Fuß erwischt. Autsch. Geht aber schon wider etwas besser. Habe den Tipp hier befolgt, viel zu trinken. Lese in meinen Aufzeichnungen für solche Fälle, mit hoffentlich hilfreichen Gedanken und schreibe hier.   
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Risu

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Re: Hallo
« Antwort #13 am: 03. Mai 2020, 09:21:32 »

Hallo Spaziergänger,
nur nicht schwach werden. Mir hat immer geholfen, oder hilft immer noch, das ganze weiter zu denken.
Ich kenne übrigens das Problem von schlaflosen Nächten sehr gut. Es hat sich aber bei mir stark verbessert und kommt nur noch selten vor.
Also:
Okay, ich kann nicht schlafen, was wäre denn, wenn ich jetzt was trinken würde als Einschlafhilfe. Wäre ich dann zufrieden und würde sanft einschlummern?
Wahrscheinlich nicht, weil ein Getränk führt in der Regel nur dazu, dass ich noch mehr trinken will und am Ende kipp ich vielleicht ins Bett, aber von erholsamen Schlaf kann dann keine Rede sein.
Oder ich werde ganz aufgedreht und komm in Partystimmung. Dann hör ich die ganze Nacht Musik. Auch nicht gut.
Oder es hilft mir tatsächlich heute, dieses eine Getränk.
Dann will ich das morgen aber wieder haben und übermorgen auch und am Tag danach will ich aber mindestens zwei Getränke.
Alkohol war noch nie eine gute Lösung für das Problem „Schlaflosigkeit“.
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Viele Grüße,
Risu

Rekonvaleszent

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Re: Hallo
« Antwort #14 am: 03. Mai 2020, 12:27:10 »

Hallo Spaziergänger!

Nach 4 Monaten ohne größere Probleme warst Du einfach reif für eine Bewährungsprobe, die dein Suchtgedächtnis dir bereitet hat.

Dein immer noch glänzend funktionierendes Suchtgedächtnis wird dich sicherlich noch ein paar male auf die Probe stellen. Diese hast Du bestanden, das ist doch etwas, worauf Du aufbauen kannst. Kein Suchtdruck dauert ewig. Und die Abstände werden immer größer.

Die Art, wie der Suchtdruck sich bei mir in den letzten 5 Jahren mal meldete, war unterschiedlich. Mal sanft und charmant umgarnend, mal brachial.

Das habe ich kapiert. Was mir immer gut geholfen hat, war neben der Pulle Wasser ein sofortiger Ortswechsel und das Befassen mit Dingen, die mir Freude machen.

Ich habe mal einen Herrn bgetroffen, der am Schluss täglich 2 Flaschen Wodka  getankt hatte. Er erwähnte auch schon mal Schlafstörungen, dann schnappte er sich die Sportschuhe und rannte los. Er war, als ich ihn kennen lernte, in  guter Form ;)

Gruß
Rekonvaleszent

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