Alkoholforum - Für Betroffene, Angehörige und Interessierte

Infos => Selbsthilfe / Therapie => Thema gestartet von: ichso am 13. Januar 2021, 21:09:41

Titel: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 13. Januar 2021, 21:09:41
Hallo @all,

hatte das Thema gerade in einem anderen Zusammenhang und wollte euch das nochmal ans Herz legen. Als ich 2019 hier aufschlug, war ich ja schon eine "alte Häsin" im Umgang mit Suchtmitteln. Und doch habe ich mithilfe von vielen guten Beiträgen hier erstmals einen Notfallkoffer packen gelernt :)

Die Box steht immer noch hier, darin sind Legosteine, Solitär, ein Zettel mit den Telefonnummern von zwei guten Frauen, die ich anrufen darf, ein "Angsthase" (kleiner Stoffhase), eine Notfall-Liste (Telefonnummer Notarzt, Klinik, Seelsorge), eine Was-kann-ich-Schönes-machen-Liste und eine DVD (Livekonzert von den Toten Hosen, da sind Kopfhörer ein "musthave", grins).

Habt ihr gute Ideen, was bei euch drin sein müsste? Oder habt ihr einen, und wollt den Inhalt mit uns teilen?

Netten Gruß,

ichso - die soviel Spaß an den wiederentdeckten Legosteinen bekam, dass die mittlerweile eine extra Box füllen. Ebay sei dank ;)


Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Rekonvaleszent am 13. Januar 2021, 22:13:49
So was habe ich noch nie besessen, aber was soll's, wenn es einem hilft, warum nicht  ;)

Ich kann mir nicht vorstellen, der einzige zu sein, der sich so etwas bislang noch nicht zugelegt hat.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 13. Januar 2021, 22:22:35
Bis vor zwei Jahren hatte ich auch keinen. Aber so ab und an schaue ich mal rein und nutze ihn.

Da will ich bei dir mal eine Ausnahme machen. Bin ja nicht so eine Freundin des Konjunktivs ;) Aber was würdest du denn gern drin haben wollen? Was könnte dir in Suchtnot oder Einsamkeit oder Traurigkeit helfen?

Jetzt bin ich gespannt ;)
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Britt am 13. Januar 2021, 22:45:58
Moin,
am 5.Januar 2020 hattest du das in deiner Vorstellung (auf der Suche nach Werkzeug) geschrieben:
Zitat
Folgendes habe ich reingetan:

- Die neuen geliebten Legosteine <3
- Eine DVD von den Toten Hosen (Weil du nur einmal lebst)
- Ein Steckspiel
- Zwei Stoffstücke, die ich schon länger mal bei einer Jacke als Ärmelverlängerungen annähen will ;)
- Und eine Bildkollage von mir (drei Bilder nebeneinander: eins unter THC in Rockerklamotten, ca. 45kg / eins unter Alk, verschwitzt und rotgesichtig, 94kg / und eins ziemlich cool in "Bizepsshirt", Jeans und lila Lackboots zum 10jährigen ohne Alk, damals noch so 73 kg)
:)
und ich antwortete:
Zitat
.    Hallo in die Runde,
mein Notfallkoffer existiert tatsächlich in Form einer kleinen Schachtel seit meinem Entzug 2014.
Wenn meine Gedanken darum kreisen, Alkohol könnte irgendwas besser machen, öffne ich sie, um mich zu erinnern und damit ich weiss, wo ich NIE WIEDER will. Es sind gar nicht viele Dinge:
-Die Suchtfibel
-einen Spiegel
-mein Tagebuch mit (schlimmen) Erlebnissen, Eindrücken, Gelernten aus 5 Wochen (Geschlossene und
 Qualifizierte Entgiftung)
-einen bearbeiteten Speckstein aus der Ergotherapie mit der Beschriftung: ich will nie wieder trinken und
 dem Entlassungsdatum
-eine extra scharfe Chilischote
-ein Foto meines Hundes
-und das wichtigste (in doppelter Ausführung): 2 Telefonnummern,( Suchtnotruf des Krankenhauses und
 SHG 24/7 erreichbar)
Allerdings passe ich auch auf, dass mein Notfallkoffer nicht zum Rucksack anwächst.
Hier geht es mir auch um Gleichgewicht. Ballast abwerfen...
Lieben Gruß von Britt   
Bei mir ist immer noch das Gleiche drin. Gut, dass du jetzt Telefonnummern hinzugefügt hast.
LG Britt
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 13. Januar 2021, 23:01:11
Ja klasse :)  44.

Ich dachte, das ist irgendwo in den Tiefen des Internet verschwunden. Kann man/frau den Baum irgendwie hochholen?

Bestimmt habe ich die Notfallnummern wegen deinem Beitrag rein :) Die Jacke habe ich inzwischen verlängert und die Abschreckungsbilder sind im Ehrenamts-Ordner gelandet.

Mit dem Ballast halte ich es auch wie du, weniger ist oft mehr ;) Auf jeden Fall hatten wir glaube auch ausführlich über die Suchtfibel geschrieben: Mein absolut wichtigstes Buch damals, also ab 2003. Steht bei mir im Regal mit vielen, vielen Zettelchen und Randnotizen drin.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 13. Januar 2021, 23:02:55
Fällt mir gerade auf, dass das ja erst ein Jahr her ist. Unfassbar...
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Risu am 13. Januar 2021, 23:10:18
Ich habe keinen, aber ich kann es ja mal ausprobieren.

Also, ich packe in meinen Koffer:
-meine Wanderschuhe oder Laufschuhe
-die Telefonnummer von einem besonderen Menschen
-ein Tütchen Badesalz mit einem tollen intensiven Geruch
-meine Katzen
-die Erinnerung an einen rabenschwarzen Tag (der Tag vor Tag 0)
-ein Teebeutel

Das macht Spaß.  :)

Aber der Koffer bleibt bei mir in der Vorstellung.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 13. Januar 2021, 23:25:49
Lächel... Hast du ein anderes "Werkzeug"?

Zwei Sachen fallen mir dazu ein: als ich die Krebsdiagnose bekam, malte ich ein Bild mit einem Regenbogen und der Aufschrift: "Krebs ist tödlich. Leben auch." Das hat irgendwie den Megadruck genommen.

Und heute bin ich weit gelaufen (zum Zuckerarzt, super Wert abgeholt *freu*) und versuchte mich zu erinnern, was mein letztes alkoholisches Getränk war. Weil ich durch die erneute Teilnahme hier im Forum auch von Menschen lese, wo das alles noch so neu und präsent ist. Und soooo schwer...

So überlegte ich, aber es ist zu weit weg. Sehr wahrscheinlich ein letztes Licher XQuadrat auf dem Balkon, nachdem ich vorher Wodka und XQuadrat erbrochen hatte. Alter Falter! Wie ekelhaft!!
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Risu am 13. Januar 2021, 23:39:09
Also so richtigen Druck habe ich nicht.

Und wenn mal so eine leichte Wehmut oder eine kleine Idee aufkommt, wie gut irgendwas schmecken würde oder wie angenehm es sei, dann spinn ich es einfach weiter aus, wie es sich entwickeln würde und das reicht mir dann.

Beim Rauchstopp war die Devise: Nie wieder ein einziger Zug!
Und jetzt ist die Devise: Nie wieder ein einziger Schluck!

Fertig!
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 13. Januar 2021, 23:48:12
Respekt! Ich bin oft so eine Zauderliese und brauche ganz viele Hilfen... Also überhaupt, auch beim "leben". Ich suche mir die schon selbst, aber so einfach "Nie wieder! Fertig!" Wow...
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Risu am 14. Januar 2021, 08:39:38
Nee, nee, nee.

Da brauchst du keinen Respekt vor zu haben. Das hat in beiden Fällen erst zu einem bestimmten Zeitpunkt geklappt. Und in beiden Fällen war ich erstaunt, dass es plötzlich relativ einfach ist.

Meine Leistung dabei ist es den richtigen Zeitpunkt erkannt und genutzt zu haben und vermutlich auch vorab über einen längeren Zeitraum die Bedingungen dafür geschaffen zu haben.

Letzteres weder bewusst noch zielgerichtet.

Aber anscheinend funktioniert es so bei mir.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Britt am 14. Januar 2021, 09:15:33
Respekt!  aber so einfach "Nie wieder! Fertig!" Wow...
Moin,
Wo will ich hin (und wann) ? Was will ich wirklich in meinem Leben? Wenn ich keine oder nur eine halbherzige Vorstellung von dem habe, was ich in meinem Leben verwirklichen / ändern will, dann gäbe es für mich auch keine Notwendigkeit, mich für irgendetwas anzustrengen. Immer wenn ich meinen Speckstein angucke (Ich will nie wieder Alkohol trinken…) kenne ich die Richtung, die ich einschlagen muss bzw. was ich für mich und mein abstinentes Leben tun kann. Dieser Satz hat sich tief in mein Hirn eingregraben und gibt mir übrigens auch immer mehr Selbstsicherheit und Selbstbestimmtheit.

In diesem Sinne: Ich will nie wieder Alkohol trinken, denn ich weiß, wo ich nie wieder hin will!

LG Britt


Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 14. Januar 2021, 10:28:45
Hhhmmm... wahrscheinlich habe ich ein Problem mit den Begrifflichkeiten. Also die Worte an sich sind in meinem Kopf zu groß: nie. Und einfach. So halte ich mich an mein bewährtes "Nur heute nicht". Gut, dass wir alle verschieden sind. Ich mag bunt :)

Ob Rekonzevalent (aus dem Kopf geschrieben, ohne Nachschauen, hoffentlich richtig?) sich traut, seine gefühligen Dinge aus seinem imaginären Koffer zu schreiben? Bin immer noch gespannt ;)
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 14. Januar 2021, 10:30:00
Mist! War falsch :( Aber ich lass' das jetzt so ;)
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Britt am 14. Januar 2021, 10:35:47
wo wir wieder bei der Frage sind: wie lange dauert eine Ewigkeit ?

Es ist immer Jetzt.

LG Britt 
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Risu am 14. Januar 2021, 12:00:56
wo wir wieder bei der Frage sind: wie lange dauert eine Ewigkeit ?

Es ist immer Jetzt.

LG Britt

Oha, ein schöner Satz!
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Rekonvaleszent am 14. Januar 2021, 16:51:22

Ob Rekonzevalent (aus dem Kopf geschrieben, ohne Nachschauen, hoffentlich richtig?) sich traut, seine gefühligen Dinge aus seinem imaginären Koffer zu schreiben? Bin immer noch gespannt ;)

Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. So ein "Köfferchen" ist m.E. gedacht, um akutem Suchtdruck zu widerstehen. Den bewältige ich anders, auch wenn ich schon mehr als 1 Jahr keinen mehr hatte. Dazu benötige ich keine Schachtel voll mit Souvenirs  ;)

Gruß
Rekonvaleszent
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 14. Januar 2021, 17:47:23
@britt: Wie erklärt sich dann aber zum Beispiel "Das ist schon ewig her"? Echt ein interessantes Thema :)

@Rekonvaleszent (mit copy and paste klappt's, kicher... Hast du bitte eine Abkürzung für mich? Reko oder so? Oder die deutsche Bedeutung? Ohne dir auf die Füße treten zu wollen)

Das hatte ich schon verstanden, dass du kein Köfferchen benötigst ;) Und super, dass der letzte Saufdruck bei dir schon länger her ist  44. Ich hatte jedoch gehofft, du lässt uns am "Den bewältige ich anders" konkreter teilhaben.

Netten Gruß,

ichso
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Britt am 14. Januar 2021, 18:00:24
Hallo Rekonvaleszent,
ich finde, dass Thema ist zu  ernst, um ständig mit gängigen Begrifflichkeiten "unser" Thema Sucht betreffend (trocken, demütig, Werkzeug, Köfferchen, Schachtel, Souvenirs ..) das ganze ins Lächerliche zu ziehen. Trägt das denn deiner Meinung nach zu einer sachlichen Diskussion bei ? Ein Souvenir ist  i.ü. auch ein Gegenstand, der als Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis (positiv  wie negativ) oder einen Ort aufbewahrt wird.
Schön, dass du so lange keinen Suchtdruck hattest.
LG Britt
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Britt am 14. Januar 2021, 18:52:16
Hallo Ichso,
keine Ahnung, ich weiß nur, dass "ewig und 3 Tage" genau definiert ist.
Es war die Gültigkeit eines unanfechtbaren Rechtsgeschäfts im Mittelalter. Es dauerte genau ewig und 3 Tage. Erst nach einem 1 Jahr + 6 Wochen (ewig) + 3 Tage verjährte die Einspruchsfrist.

LG Britt (die jetzt mit dem :klugsch: Modus aufhört)
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Rekonvaleszent am 14. Januar 2021, 19:51:30
@britt: Das ist halt das Problem einer rein schriftlichen Diskussion, bei der die soziale Interaktion fehlt, da man sich nicht Aug in Aug gegenüber steht. ;)

So liest ein jeder das heraus, was ihm (nicht) gefällt.

Unterschiedliche Ansichten und Auffassungen gehören m.E. dazu, so wie das Salz in der Suppe. Und hier schreibt ein jeder halt so wie es ihm gefällt. Du doch auch, oder? Der eine formuliert todernst, der andere schreibt halt etwas frischer.

Selbstverständlich darfst Du meine Ausführungen für lächerlich halten. Aber waren sie von mir auch so intendiert?

Ja, ich finde es auch gut, dass ich schon lange von Suchtdruck verschont geblieben bin. Das darf auch gerne so bleiben, auch wenn ich daran die gleichen leisen Zweifel habe wie an der Ernsthaftigkeit deiner diesbezüglichen Feststellung.

In diesem Sinne einen schönen Abend



Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Rekonvaleszent am 14. Januar 2021, 19:58:01
Ich hatte jedoch gehofft, du lässt uns am "Den bewältige ich anders" konkreter teilhaben.

Bei Gelegenheit und an anderer Stelle, sonst werde ich wieder angepfiffen.  ;D

Vielleicht gibt es da ja bereits einen anderen Faden, sonst können wir ja einen eröffnen, weil ich schon mehrfach darüber geschrieben habe.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 14. Januar 2021, 22:45:11
Dann bewerbe ich mich mal um die Klugscheissertasse:

Alles spekulativ. Britt ist das älteste Kind in der Stammfamilie und somit die Vernünftige, die viel zu früh Verantwortung tragen musste. Daher die Ernsthaftigkeit. Ich bin die Jüngste von drei Mädchen und habe als typischer Clown mit Witzen versucht, die Stammfamilie abzulenken. Bei Reko (?) tippe ich auf Einzelkind, das ist aber noch spekulativer, weil ich noch nicht soviel von ihm las. Was gegen das Einzelkind m.E. spricht, ist, dass er emphatischerweise versuchte, sprachlich auf meine Clownereien hier einzugehen. Ich "sehe" in ihm eher einen nüchternen (haha, Wortspiel, ich kann auch nicht aus meiner Haut) Intellektuellen (ergibt sich für mich schon fast allein aus seinem unbeschreiblichen Nicknamen).

Plus: Einige sind hier schon so lange miteinander am schreiben, da ist es wie in einer guten, alten Ehe - manchmal ärgerlich, manchmal schön, aber meistens halt auch sehr vorhersehbar ;)

Ich hoffe, ich bin euch nicht zu nahe getreten. Aber ich schreibe gerne, was ich meine; damit ich weiß, was ich denke ;)

PS: Im ersten viertel Jahr bei einer ambulanten Therapie dürfte ich keine Witze über garnichts machen. Das war megaschwer.

PPS: Ich werde mich freuen, wenn Rekonvaleszent (abgeguckt) hier einen Link einstellt, was er statt einem Notfallkoffer als gute Hilfe für sich gegen das Suchtverlangen hat.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Risu am 15. Januar 2021, 08:22:36
Ich übersetzte mal für dich:

Rekonvaleszenz ist ein medizinischer Begriff für Genesung (von einer Krankheit)
Und der Rekonvaleszent ist somit jemand der sich im Stadium der Genesung befindet.

Das beschreibt ja auch perfekt die Situation in der wir uns befinden. Wir werden wieder gesund, werden aber nie ganz gesunde Menschen sondern bleiben immer im Stadium der Genesung.

Ich war ein bißchen neidisch, das Rekonvaleszent diesen tollen und passenden Nick gefunden hat.

Deine Spekulationen finde ich interessant, insofern als das vermutlich jeder von uns die ein oder andere Spekulation zu jemandem hat und so mit demjenigen redet.

Man muss aber dabei bedenken, dass das alles aus deinem Erfahrungshintergrund stammt und für dich  zutreffend erscheint. Jemand anders interpretiert es vielleicht ganz anders.

Aber deine Erklärung zu dir als „Clownkind“ wird jetzt hängenbleiben. Ich kann mir vorstellen, dass es hart war mehrere Monate keine Witze zu reißen. Aber bestimmt auch wichtig. Denn oft ist das ja auch eine Flucht.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 15. Januar 2021, 08:46:04
Guten Morgen Risu,

danke für deine Übersetzung. Ich war ein bisschen zu faul, das selbst zu machen. Denn ich bin aufgrund meines Hauptschulabschlusses auch oft neidisch auf Menschen, die Worte benutzen, die ich nicht kenne.

Und ganz sicher ist meine Einschätzung aufgrund meiner Historie geschehen. Hatte auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen im Nachgang, denn werten und fremde Menschen ein- und abzuschätzen ist in meinem Kopf grenzwertig, bzw. schon eher übergriffig.

Und das mit dem Witze machen: Das ist eine Krux. Allein in diesen paar Sätzen hatte mein "altes ich" mehrere Möglichkeiten zu scherzen. Und im Reallife stoße ich Menschen damit auch manchmal ungewollt! vor den Kopf. Denn dieser Schutzmechanismus (Clownkinder versuchen, die kritischen bis gewalttätigen Situationen in der Familie ja mit "lustigen Sachen" zu entschärfen) ist so tief verankert, dass das meist "automatisch" passiert. Weil ich damit auch ganz oft in der Jetztzeit Erfolg habe. So drückt der Pawlovsche Hund in mir ständig auf die Witzetaste :(

Ein Beispiel: Merke gerade beim Schreiben, ich kann auch schlaue Sachen schreiben. Soll ich ma? "Schlaue Sachen" ;)

Netten Gruß,

ichso - die sich freut, dass sie sich getraut hat wieder hier zu schreiben. Gute soziale Übung für mich. Ohne Witz.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Susanne68 am 15. Januar 2021, 10:05:27
Servus IchSo (müsstest aus meiner Sicht dann wohl DuDa heissen)

Ich erleb Dich als schrullig, aber liebenswert und wenns drum geht kannst Du ja auch ernsthaft sein. Passt schon.

Ich neige auch zu Wortspielchen. Wobei es oft schon reicht, wenn ich etwas wortwörtlich nehme, um Leute in schallendes Gelächter ausbrechen zu lassen.

Ich bin ein Einzelkind, an sich ziemlich dressiert. Mir mir hatte man was vor. War schon früh als ziemliche Intelligenzbestie angesehen und verschrien, wofür ich z.B. von meiner Mutter bewundert und von meinem Vater verachtet wurde. Mein Vater mochte keine Intellektuellen, das war für den ein rotes Tuch, aber meiner Mutter schwebte eine Uni-Laufbahn für mich vor. Meine Eltern waren extrem verschieden und hatten jeweils ihre Ziele mit mir, die in sich aber so widersprüchlich waren, dass ich es eigentlich keinem recht machen konnte.
Und gesoffen und Möbel gerückt wurde auch, und ich musste öfter mal als Blitzableiter oder Seelenmülleimer herhalten. Ich hab mir oft Geschwister gewünscht, damit sich das besser verteilen würde.

Andere Kinder wollten erst nicht mit mir spielen, weil ich ja immer so verdammt intelligent und altklug war, ausserdem natürlich auch ein bisschen schräg, und ich konnte schon als Kind mit anderen Kindern eigentlich wenig anfangen. Ich war schon damals ein Bücherwurm, und naturwissenschaftlich schon sehr früh interessiert.
Das änderte sich, als ich entdeckte, dass ich mich auch sehr gut prügeln konnte. Prügeln können und schlau, das war dann schon was. Und dann gings halt, "spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder."...war mal so ein 'Song.

Ich war als Kind viel allein zu Haus, beide berufstätig und mit Hausbau beschäftigt bis überlastet, und musste nur immer irgendwie durchkommen. Ne Menge angestellt, wofür es natürlich auch ordentlich setzte. Das war ja noch vor der Zeit der antiautoritäten Erziehung, da gabs keine Widerrede. Sonst "Batsch". Schon da das "man darf sich nicht erwischen lassen " entwickelt. Und den Schlendrian, immer erst alles auf den letzten Drücker irgendwie erledigt, bevor die Eltern heim kamen. Schulschwänzen usw, aber da sich meine Eltern auch auf den Standpunkt stellten, dass sie mir nicht helfen können und wollen, natürlich auch schon früh gelernt, zu argumentieren und mich damit irgendwie gegen Lehrer durchzusetzen. Irgendwie war das auch ziemlich einsam. Aber weil ich mir selbst helfen musste, hab ich das auch schon relativ früh ziemlich gut gelernt. Gleichzeitig war ich aber auch in meiner Extremität jemand, der dann einige nacheifern wollten, ich hatte fast immer auf irgendeine Weise eine Art Fanclub. Und bin in mehreren anderen Familien aus und ein gegangen und kannte von daher dann auch was Anderes als mein eigenes Elternhaus.

Und irgendwann hab ich mir halt eingebildet, dass Regeln für mich nicht gelten, weil ich immer irgendwie durchkomme. Und ich hatte absolut keinen Respekt vor Autoritäten...musste selbst an meine eigenen Grenzen stossen und im Berufsleben gabs dann auch öfter mal Konflikte, denn ich hab keinen Chef so wirklich ernst genommen oder akzeptiert. Ich bin relativ verwildert oder auch wohlstandsverwahrlost..kommt auf den Standpunkt an.

Mir fällt eigentlich immer wieder was Neues auf, wenn ich drüber nachdenke. An sich ein ziemlich (erlebnis-)reiches Leben, wenn ich das manchmal betrachte. Bei allen Katastrophen, ich habs auch genossen und tue mir nur relativ selten selbst leid.

Gruß Susanne
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Britt am 15. Januar 2021, 10:12:15
Ich bin die Jüngste von drei Mädchen und habe als typischer Clown mit Witzen versucht, die Stammfamilie abzulenken.
Liebe ichso,
Clowns sind oft lebensnotwendig! Danke lieber Clown für manches Lachen :)

LG Britt
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 15. Januar 2021, 10:39:40
@Susanne: Da konnte ich jetzt manches nachfühlen... Der Ausgangspunkt war zwar bei mir ein anderer: Arbeiterkind. Beide Elternteile schwer beschädigt aus eigener Vergangenheit und so gefangen in sich, dass die Kinder ein völlig überflüssiges Übel waren (die Pille gab es erst, als ich geboren war, für Kondome war mein Vater sehr wahrscheinlich zu besoffen).

Aber ich tue mir auch seltenst leid. Gehöre eher zu der Fraktion: Isso. Bücher waren mein Leben lang meine Freu(n)de und Liebe. Gewalt war auch für mich als Jugendliche eine Lösung. Autoritäten anerkennen? Never ever! So hatte ich in 17 Berufsjahren 14 Arbeitsstellen. Immer wenn ich's begriffen hatte, war mir langweilig und ich zog weiter. Evtl. ist das pathologisch ;)

@britt: dankeschön :) Bin froh, dass du nicht sauer bist.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Susanne68 am 15. Januar 2021, 12:03:23
@ichso,

meine Großväter habe ich in Folge des Krieges beide nicht kenngelernt.
Aber einer war Mauermeister und der andere Banker und der reichste Mann seiner Heimatstadt, und nach dem Krieg hatten alles die Russen.

Meine Mutter, vertrieben, absolut mittellos, Notschulabschluss, denn sie war erst 8 bei Kriegsende, heiratete dann den Handwerker, der in der Wirtschaftwunderzeit immer Geld hatte.

Ich hatte immer das Gefühl, dass ich irgendwie die Lebensträume meiner Mutter erfüllen sollte, und gleichzeitig hätte ich in die Fusstapfen des Vaters treten sollen.

Beim Arbeiten gings mir eigentlich genau so wie Dir. Sobald etwas Routine wurde, wurde es mir langweilig und es zog mich weg. Aber ich hatte von meiner Sturm- und Drang-Zeit auch einen großen Berg Schulden, und den musste ich irgendwann auch mal abtragen. Deswegen hab ich den Ehrgeiz zu diesen gutbezahlten Hightech-Jobs dann überhaupt erst entwickelt, sonst wäre ich da nie rausgekommen. Diese Privatinsolvenz (7 Jahre zahlen, dann frei) gabs damals noch nicht, das sah halt ansonsten nach langem Elend aus. Da hab ich mich drauf besonnen, dass da ja mal was war und ich eigentlich was können könnte. Und dann hab ich auch durchgehalten, bis ichs mir wieder leisten konnte, meine eigenen Wege zu gehen.

Gruß Susanne
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Rekonvaleszent am 15. Januar 2021, 16:05:25
PPS: Ich werde mich freuen, wenn Rekonvaleszent (abgeguckt) hier einen Link einstellt, was er statt einem Notfallkoffer als gute Hilfe für sich gegen das Suchtverlangen hat.

@ichso: http://alkoholforum.de//index.php?topic=2138.0

Das habe ich vor einem Jahr geschrieben, scheinbar hat es aber keinen interessiert ;) Es gab halt keinerlei Reaktion oder Verbesserungsvorschlag. Es handelt sich um sehr konkrete Maßnahmen, die aktiv umgesetzt werden müssen und dazu muss sich der Betreffende erst mal selbst aufraffen.

Wohlgemerkt, das nützt mir halt im Notfall. Ich habe es mir erarbeitet und auch von anderen abgeguckt sowie z.T. auch erfolgreich ausprobiert.

@Risu: Danke für die Blumen. Genau so habe ich seinerzeit gedacht. So richtig genesen werde ich wohl nie. Es darf aber mir gerne Stück für Stück besser ergehen.

Und so schließe ich mit dem besten Ratschlag, den ich je erhielt: "Sorgen Sie dafür, dass es Ihnen gut geht." Da steckt alles, aber wirklich alles Wichtige drin.

Gruß
Rekonvaleszent


Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Susanne68 am 15. Januar 2021, 16:16:00
@Reko

Ich habs mal verlinkt. Und tatsächlich steht das ganz ähnlich in der Suchtfibel. Im Übrigen hatte ich meine eigenen Saufdruckanfälle, waren ja nur zwei wesentliche, genau so behandelt. Einmal viel trinken, einmal aus der Situation raus.

Also ich hab das schon wahrgenommen, aber da gabs tatsächlich nix zu meckern.

Gruß Susanne
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: ichso am 15. Januar 2021, 16:49:23
@Reko: Ich habe dir in deinem Blog geantwortet :)

@Susanne: Da warst du im wahrsten Sinne des Wortes "hin- und hergerissen" :(

Meine Tochter, die ähnlich aufwuchs (ich ein Straßenkind, ihr Vater ein saufender Amtsrat, Scheidung als meine Tochter 1 Jahr alt war) hatte eine heftige Borderlinestörung entwickelt, deren Ursache ich auch in ihrer Stammfamilie verortete. Alles leider erst nach  vielen Jahren Therapie.
Titel: Re: Notfallkoffer :)
Beitrag von: Susanne68 am 15. Januar 2021, 17:44:49
Borderline wurde bei mir nachträglich vermutet, als ich schon längst trocken war, aber dann wegen verschiedenen Schwierigkeiten doch noch eine Therapie gemacht habe. Als ich da meine Lebensgeschichte skizziert habe, wurde das vermutet. Das wächst sich unbehandelt wohl irgendwie aus und wird dann anderweitig komisch. Jedenfalls hätte es gepasst.